Die gute Nachricht zuerst: Impfung bietet sicheren Schutz

Das West-Nil-Virus (WNV) ist seit 2018 in Deutschland angekommen und breitet sich kontinuierlich aus. Die gute Nachricht: Drei zugelassene Impfstoffe schützen sicher vor schweren Verlaufsformen der Erkrankung [2]. Bei geimpften Pferden verlaufen Infektionen meist symptomlos oder mit milden Anzeichen. Alle bisher in Deutschland an WNV verstorbenen Pferde waren nicht geimpft [5]. Die Impfung ist die wirksamste Maßnahme, um dein Pferd vor neurologischen Schäden zu schützen.

West-Nil-Virus in Deutschland: Aktuelle Verbreitung

Das West-Nil-Virus wurde erstmals Ende August 2018 in Deutschland nachgewiesen — zuerst bei einem Bartkauz im Zoo Halle/Saale, ab Ende September 2018 dann bei Pferden in Brandenburg und Sachsen-Anhalt [1]. Seitdem hat es sich langsam, aber stetig ausgebreitet. Hauptverbreitungsgebiete sind Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen [1]. Im Jahr 2024 wurden bis September deutschlandweit 85 Pferde-Infektionen registriert, davon erstmals deutlich mehr in Niedersachsen [3]. Im Jahr 2025 waren die Fallzahlen deutlich niedriger, was auf ungünstige klimatische Bedingungen für Stechmücken zurückgeführt wird [5].

Das Virus wird von Stechmücken der Gattung Culex übertragen, die sich vor allem bei feucht-warmer Witterung stark vermehren [2]. Hauptwirte und Virusreservoir sind Wildvögel — Pferde und Menschen sind sogenannte Fehlwirte, von denen keine weitere Ansteckung ausgeht: Die Virämie ist bei beiden zu kurz und zu niedrig, als dass Stechmücken über sie weitere Wirte infizieren könnten [3].

Symptome: Wann du hellhörig werden solltest

Die meisten Pferde entwickeln nach einer Infektion keine oder nur milde Symptome [4]. Etwa 80 % aller infizierten Pferde bleiben sogar komplett symptomlos, rund 20 % entwickeln klinische Anzeichen — davon zeigen etwa 90 % neurologische Symptome [2, 6]. Bei rund 8 % der infizierten, nicht geimpften Pferde kommt es zu schweren neurologischen Ausfallerscheinungen [2, 3]. Diese neuroinvasive Form ist gekennzeichnet durch:

Bewegungsstörungen:

Muskuläre Symptome:

Weitere neurologische Auffälligkeiten:

Skizze einer typischen Ataxie-Stellung beim Pferd: breitbeiniger Stand, sich kreuzende Hinterbeine und unkoordinierte Hinterhand — Hauptzeichen der neuroinvasiven Verlaufsform einer West-Nil-Virus-Infektion
Typische Ataxie-Stellung beim Pferd: breitbeiniger Stand, sich kreuzende Hinterbeine, unkoordinierte Hinterhand. Solche Auffälligkeiten in Verbindung mit Muskelzittern oder Verhaltensänderungen sind ein klares Alarmsignal — sofort Tierarzt rufen. Skizze: © The HorseLoop

Neurologische Symptome beobachten: Was du tun kannst

Wenn du den Verdacht hast, dass dein Pferd neurologische Auffälligkeiten zeigt, ist schnelles Handeln wichtig. So kannst du die Symptome systematisch beurteilen:

Bewegungskoordination prüfen:

Muskulatur beobachten:

Verhalten einschätzen:

Wichtig: Bei jedem Verdacht auf neurologische Symptome sofort den Tierarzt rufen. West-Nil-Virus-Infektionen sind bei Pferden und Vögeln seit 2020 anzeigepflichtige Tierseuchen nach dem Tiergesundheitsgesetz (TierGesG) — das ist mehr als eine bloße Meldung und zieht amtliche Maßnahmen nach sich [4].

Prognose: Je früher erkannt, desto besser

Pferde mit milden Symptomen haben eine gute Prognose und erholen sich meist vollständig [8]. Die Kehrseite: Bei schweren neurologischen Verläufen liegt die Sterblichkeit bei etwa 30–40 % [3, 6]. Etwa 10–20 % der überlebenden Pferde behalten neurologische Restschäden — Bewegungsstörungen, Verhaltensänderungen oder Schwäche, die bestehen bleiben [6]. Je früher du neurologische Auffälligkeiten erkennst und tierärztliche Hilfe holst, desto besser stehen die Chancen für dein Pferd.

Impfempfehlung der StIKo Vet: Wer sollte impfen?

Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) am Friedrich-Loeffler-Institut hat ihre Impfempfehlung 2024 deutlich erweitert. Pferde in der gesamten norddeutschen Tiefebene sollten gegen WNV geimpft werden [2, 4]. Dazu gehören neben den klassischen Verbreitungsgebieten Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen auch Niedersachsen, Hamburg und angrenzende Regionen.

Auch Pferde, die nur vorübergehend in Risikogebiete verbracht werden — etwa für Turniere oder Wanderritte — sollten vorher geimpft sein [2].

Impfschema:

In Deutschland sind derzeit drei Impfstoffe für Pferde zugelassen — alle sind gut verträglich [2, 3]: Equilis West Nile (MSD, inaktivierte Vakzine), Proteq West Nile (Boehringer, Canarypox-Vektor-Vakzine) und Equip WNV (Zoetis, inaktivierte Vakzine). Welcher Impfstoff im Einzelfall passt, entscheidet der Tierarzt.

Mückenschutz: Expositionsrisiko senken

Neben der Impfung kannst du das Infektionsrisiko durch konsequenten Mückenschutz verringern. Die Mückensaison in Deutschland reicht etwa von Juli bis Oktober, mit einem deutlichen Peak im August und September — erste Frostnächte beenden die Saison [2]. In dieser Zeit lohnen sich konsequente Schutzmaßnahmen besonders.

Management-Maßnahmen:

Mückenschutzdecken und Repellentien:

Pferd mit engmaschiger Fliegenmaske und Halsteil — konsequenter Mückenschutz reduziert die Stichfläche und damit das Infektionsrisiko in der WNV-Saison von Juli bis Oktober
Konsequenter Fliegenschutz — engmaschige Maske mit Halsteil und ergänzende Decken — reduziert die Stichfläche, gerade in der Hauptmückensaison von Juli bis Oktober. In Kombination mit der WNV-Impfung der wirksamste Schutz. Foto: © The HorseLoop

Ergänzende Fütterung: Vitamin E zur Nervenunterstützung

Nach überstandener West-Nil-Virus-Infektion oder bei neurologischen Vorschädigungen kann eine Supplementierung mit Vitamin E sinnvoll sein. Vitamin E (α-Tocopherol) wirkt als Antioxidans und unterstützt die Nervenfunktion. In der Pferdemedizin wird es bei verschiedenen neuromuskulären Erkrankungen eingesetzt.

Die Studienlage zur spezifischen Wirkung bei WNV-Infektionen ist beim Pferd dünn. Vitamin E wird jedoch als Begleitmaßnahme bei neurologischen Erkrankungen allgemein empfohlen — immer in Absprache mit dem Tierarzt und idealerweise nach Blutbild-Kontrolle.

Repellentien mit ätherischen Ölen — kritisch betrachtet: Viele Mückenschutzsprays für Pferde enthalten ätherische Öle wie Citronella, Lavendel oder Eukalyptus. Die Wirksamkeit ist stark produkt- und konzentrationsabhängig und deutlich kürzer als bei synthetischen Repellentien. Für einen verlässlichen Schutz in Hochrisikogebieten reichen sie allein nicht aus — sie können jedoch als ergänzende Maßnahme in Kombination mit Management und Impfung sinnvoll sein.

Diagnose und Behandlung

Die Diagnose erfolgt über einen IgM-ELISA-Test aus einer Blutprobe, der eine frische Infektion nachweist [6]. Bei geimpften Pferden kann ein Neutralisationstest erforderlich sein, um zwischen Impf-Antikörpern und Infektions-Antikörpern zu unterscheiden. Bei deutlichen neurologischen Symptomen kann zusätzlich eine Untersuchung des Liquor cerebrospinalis (Lumbalpunktion) sinnvoll sein — das ist ein Eingriff für spezialisierte Kliniken [6].

Differenzialdiagnosen: WNV-Symptome lassen sich klinisch nicht sicher von der EHV-1-Myeloenzephalopathie (EHM), Tollwut oder Borna-Virus unterscheiden — alle drei sind ebenfalls anzeigepflichtig und potenziell tödlich. Genau deshalb ist der laborgestützte Nachweis (IgM-ELISA, ggf. PCR) zentral [6].

Es gibt keine spezifische Therapie gegen das West-Nil-Virus [8]. Die Behandlung beschränkt sich auf unterstützende Maßnahmen: entzündungshemmende Medikamente, intravenöse Flüssigkeitszufuhr und intensive Pflege [8, 9]. Bei festliegenden Pferden ist konsequente Lagerungspflege essenziell, um Druckstellen (Dekubitus) und Aspirationspneumonie zu vermeiden [6]. Diskutiert wird auch die Plasma-Behandlung mit Hyperimmunserum aus geimpften Pferden — die Evidenz dafür ist allerdings unklar, der Einsatz erfolgt im Einzelfall [6]. Die meisten Pferde mit milden Symptomen erholen sich innerhalb von 1–6 Monaten [9].

Fazit

Das West-Nil-Virus ist in Deutschland angekommen und wird bleiben. Die entscheidende Botschaft: Mit einer rechtzeitigen Impfung kannst du dein Pferd sicher vor schweren neurologischen Verläufen schützen. Achte in der Mückensaison auf frühe Warnsignale wie Bewegungsstörungen oder Muskelzittern und hole im Verdachtsfall sofort tierärztliche Hilfe. Konsequenter Mückenschutz und eine abgeschlossene Grundimmunisierung vor Beginn der Saison sind deine besten Verbündeten.

Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung.

Quellen

  1. [1] Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) — West-Nil-Virus. fli.de
  2. [2] StIKo Vet — West-Nil-Virus im Blick behalten (2024). stiko-vet.fli.de
  3. [3] FLI — Anstieg von West-Nil-Virus Fällen in Deutschland (Pressemitteilung 2024). fli.de
  4. [4] Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz — Steigende Nachweise des West-Nil-Virus bei Pferden (2024). ml.niedersachsen.de
  5. [5] FLI — Das West-Nil-Virus war im Jahr 2025 nur mäßig aktiv (2025). fli.de
  6. [6] Poulton DA et al. — West Nile virus in horses — What do you need to know to diagnose the disease? (Review). PubMed Central
  7. [7] Fischer JR et al. — Clinical West Nile virus infection in 2 horses in western Canada. Can Vet J 2005 (Fallbericht zu klinischen Ataxie-Anzeichen). PubMed Central
  8. [8] UC Davis Center for Equine Health — West Nile Virus (2025). ceh.vetmed.ucdavis.edu
  9. [9] Merck Veterinary Manual — West Nile Encephalomyelitis in Horses (2024). merckvetmanual.com

Alle medizinischen Aussagen sind im Text mit Inline-Markern [N] auf die jeweilige Quelle in dieser Liste bezogen. Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung.