Was löst das Sommerekzem aus?
Pferde mit Sommerekzem reagieren allergisch auf den Speichel von Culicoides-Mücken (Gnitzen), seltener auch auf Kriebelmücken [2]. Die winzigen, nur zwei Millimeter großen Insekten sind besonders in feuchtwarmen, windstillen Gebieten aktiv – etwa zwei bis drei Stunden vor und nach Sonnenaufgang sowie in der Dämmerung.
Blutsaugend sind bei den Gnitzen nur die Weibchen. Das eigentliche Allergen ist nicht das Insekt, sondern eine Reihe von Proteinen in seinem Speichel – und weil sich diese Proteine bei verschiedenen Stechinsekten stark ähneln, kommt es zu Kreuzreaktionen. Im fortgeschrittenen Stadium reagieren betroffene Pferde deshalb häufig zusätzlich auf Wadenstecher (Stomoxys) oder Bremsen (Tabanidae), manchmal auch auf Läuse oder Umweltallergene. Gnitzen bleiben der Hauptauslöser, Kriebelmücken folgen an zweiter Stelle [8].
Auf Island gibt es keine stechenden Culicoides-Arten. Deshalb sind importierte Islandpferde besonders gefährdet: Ihr Immunsystem hat in der prägenden Phase nie Kontakt zur Gnitze gehabt und konnte deshalb keine Toleranz aufbauen. Trifft ein Pferd erst mit drei oder vier Jahren erstmals auf das Allergen, bildet sich stattdessen eine Allergie aus [8]. Bis zu 50 % der importierten Isländer erkranken [2].
Die fehlende Frühexposition ist aber nicht die ganze Erklärung. Es gibt eine deutliche Rasseprädisposition und eine familiäre Häufung – ein Sommerekzem ist damit trotzdem keine Erbkrankheit im engeren Sinn: Es wird nicht zuverlässig von Stute oder Hengst auf die Nachkommen weitergegeben. Bei den in Deutschland gehaltenen Islandpferden sind nach Einschätzung von Fachtierärzten schätzungsweise 10 bis 20 % betroffen [8].
Bis die Erkrankung ausbricht, dauert es. Das Immunsystem braucht mehrere Kontakte mit dem Allergen, bevor es überschießend reagiert – bei einem halbjährigen Fohlen ist ein Sommerekzem sehr unwahrscheinlich. In den meisten Fällen zeigt sich die Erkrankung nach zwei bis drei Jahren Exposition, als Faustregel gilt ein Alter von drei bis sechs Jahren. Und sie wird über die Jahre schlechter, nicht besser [8].
Das Sommerekzem ist eine IgE-vermittelte allergische Reaktion mit massiver Eosinophilen-Infiltration in die Haut [2].
Warum chronische Fälle schwerer zu behandeln sind: Am Anfang ist das Sommerekzem eine klassische Typ-1-Hypersensitivität – IgE-Antikörper besetzen Mastzellen in der Haut, das Allergen bindet daran, die Mastzelle setzt Histamin und weitere Mediatoren frei. Bei langem Verlauf verschiebt sich der Mechanismus. In der Fachliteratur wird das Sommerekzem als kombinierte Typ-I/IVb-Reaktion beschrieben, deren Verlauf von eosinophilen Granulozyten gemeinsam mit TH2-Zellen geprägt wird [7]; nach Einschätzung von Fachdermatologen ist das chronische Sommerekzem kaum noch IgE-vermittelt, sondern läuft überwiegend als Typ-4-Reaktion vom Spättyp ab [8].
Das hat drei praktische Folgen. Allergietests werden bei chronisch erkrankten Pferden unzuverlässiger, weil das IgE, das sie messen, an Bedeutung verliert. Desensibilisierungsansätze greifen schlechter. Und der Juckreiz unterhält sich selbst, unabhängig davon, ob gerade eine Mücke gestochen hat. Ein früh behandeltes Pferd ist deshalb medizinisch ein anderer Fall als eines, das vier Jahre lang durchgescheuert hat [8].
Die zweite Säule neben dem Immunsystem ist die Hautbarriere selbst. Ekzemerpferde haben trockenere Haut mit weniger Fett in den obersten Schichten, die Hornzellen liegen weiter auseinander. Dadurch dringen die Allergene tiefer ein und treffen häufiger auf die Immunzellen der Haut, was die allergische Antwort weiter verstärkt. Der Mechanismus ist derselbe wie bei der atopischen Dermatitis – der Neurodermitis – von Mensch und Hund [8].
Deshalb sind rückfettende Shampoos und Pflegeprodukte bei Ekzemern keine Kosmetik, sondern Teil der Behandlung.
Typische Symptome sind starker Juckreiz, Hautausschläge und Entzündungen vor allem an Mähnenkamm, Schweifansatz und Bauchnaht. Betroffene Pferde scheuern sich bis zur blutigen Haut, die Haare brechen ab, bei chronischem Verlauf verhornt die Haut und legt sich in wulstige Falten.
Wann tritt es auf? Die Symptome beginnen je nach Witterung im April oder Mai mit dem Beginn der Insektenflugzeiten und dauern bis September oder Oktober. Anfangs sind es oft nur kleine Bläschen am Mähnenkamm, erst mit zunehmendem Juckreiz kommen Scheuerstellen und offene Haut hinzu [8].
Manche Pferde scheuern sich allerdings auch im Winter. Dafür gibt es zwei Erklärungen. Zum einen kann der Teufelskreis aus Sekundärinfektion und Juckreiz weiterlaufen, wenn er im Sommer nie unterbrochen wurde – dann hat das Scheuern gar keinen Insektenstich mehr als Ursache. Zum anderen haben sich die Flugzeiten der Insekten durch wärmere Bedingungen nach vorne verschoben, teils schon in den März hinein, sodass die Erholungsphase für die Haut deutlich kürzer ausfällt. Der zweite Punkt ist eine Hypothese, keine belegte Ursache [8].
Der Teufelskreis: Am Anfang steht der Insektenstich. Durch das Scheuern entstehen offene Stellen, und die Hautoberfläche ist nicht steril – es kommt zu bakteriellen Sekundärinfektionen. Diese Infektionen lösen selbst wieder Juckreiz aus, das Pferd scheuert mehr, die Wunden werden größer. Irgendwann lässt sich nicht mehr unterscheiden, was Ursache und was Folge ist. Bei offenen Wunden im Sommer besteht außerdem die Gefahr, dass Fliegen ihre Eier ablegen [8].
Genau deshalb lohnt es sich, früh zu reagieren: Je weiter der Kreislauf fortgeschritten ist, desto mehr Medikament ist nötig, um den Juckreiz überhaupt wieder herunterzufahren – und desto länger dauert es [8].

Die neue Immuntherapie: Rekombinante Allergene statt Mücken-Extrakt
Bisherige Desensibilisierungsversuche mit Ganzkörper-Mückenextrakten – also buchstäblich zerquetschten Gnitzen – zeigten keine Wirkung über Placebo-Niveau hinaus [2]. Das Problem: Diese Extrakte enthalten neben dem eigentlich relevanten Speichelprotein Chitin und eine Vielzahl weiterer Bestandteile, die den Wirkstoffanteil verdünnen und neue Sensibilisierungen auslösen können [8].
Wichtig zur Einordnung: Das ist kein Argument gegen Desensibilisierung an sich. Bei Pferden, die auf Umweltallergene reagieren, wird die Hyposensibilisierung auf Basis eines Intradermaltests seit Jahren eingesetzt – nach Erfahrung von Fachdermatologen hilft sie etwa zwei von drei Pferden, und sie gilt weder als Medikament noch als dopingrelevant [8]. Was fehlte, war ein Präparat, das gezielt die Speichelallergene der Gnitze enthält.
Ein internationales Forscherteam entwickelte deshalb eine Allergen-Immuntherapie (AIT) mit neun hochreinen, im Labor hergestellten (rekombinanten) Hauptallergenen aus dem Speichel der Culicoides-Mücke [1]. In einer prospektiven, doppelblinden, placebokontrollierten Studie erhielten 17 Islandpferde mit Sommerekzem entweder die neue AIT (9 Pferde, je 3 Injektionen im ersten Jahr, 2 Injektionen im zweiten Jahr) oder ein Placebo (8 Pferde) [1].
Die Ergebnisse:
Erstes Behandlungsjahr: 67 % der AIT-Pferde, aber nur 25 % der Placebo-Pferde erreichten eine Verbesserung der Hautläsionen um mehr als 50 % [1]. Die Veränderung war in der Behandlungsgruppe signifikant stärker.
Zweites Behandlungsjahr: Der Effekt verstärkte sich weiter. 89 % der AIT-Pferde, aber nur 14 % der Placebo-Pferde, zeigten über 50 % Verbesserung gegenüber dem Ausgangsjahr [1]. Die Besitzer berichteten, dass ihre Pferde sich deutlich weniger kratzen und scheuern.
Die Immuntherapie beeinflusste das Gleichgewicht zwischen TH1- und TH2-Zellen und dämpfte dadurch die allergische Reaktion [1]. Nebenwirkungen waren minimal: Bei einigen wenigen Pferden trat eine Schwellung an der Injektionsstelle auf [1].
Warum Antihistaminika nicht funktionieren
In einer randomisierten, placebokontrollierten, doppelblinden Feldstudie konnte der orale Histamin-1-Rezeptor-Antagonist Cetirizin keine signifikante Besserung der klinischen Symptome bei Sommerekzem-Pferden zeigen [2]. Dagegen führte das Tragen von Ekzemerdecken und das Aufstallen zu einer deutlichen Besserung [2]. Diese Studie unterstützt die Annahme, dass beim Sommerekzem eine Histamin-vermittelte Pathogenese nur eine untergeordnete Rolle spielt und andere Pathomechanismen – vor allem Interleukine wie IL-5 und IL-31 – die Symptome antreiben [2].
Diagnose: Warum es keinen Test fürs Sommerekzem gibt
Wer mit einem scheuernden Pferd zum Tierarzt geht, erwartet oft einen Test, der „Sommerekzem" ausspuckt. Den gibt es nicht. Die Diagnose ist eine klinische – sie entsteht aus Vorgeschichte, Saisonalität, Lokalisation und dem Ausschluss anderer Juckreiz-Ursachen [8].
Der rote Faden bei Juckreiz
Juckreiz ist ein Leitsymptom mit vielen möglichen Ursachen. Fachdermatologen arbeiten sie systematisch in dieser Reihenfolge ab [8]:
- Ektoparasiten – Oberflächenproben der Haut
- Endoparasiten – besonders beim Scheuern an der Schweifrübe
- Bakterielle Infektionen – unter anderem Dermatophilus, der anfangs Juckreiz und im stärkeren Stadium eher Schmerz auslöst
- Pilzinfektionen – beim Pferd meist nicht hochgradig juckend, aber auszuschließen, damit nicht jahrelang auf Allergie behandelt wird
- Erst danach sterile, juckreizauslösende Erkrankungen – allen voran die allergische Dermatitis
Dazu kommen Art und Ort der Veränderungen: schuppig, knotig, mit Komedonen, schmerzhaft? Mähnenkamm plus Schweifansatz passt zur Allergie – ist auch der Gurtbereich betroffen, kann es in eine andere Richtung gehen [8].
Und nicht jedes Scheuern ist Juckreiz. Auch Schmerz oder Missempfindungen – ein Kribbeln wie bei einem eingeschlafenen Fuß – führen zu Scheuern und sind kein Sommerekzem. Chronischer Stress kann über entzündungsfördernde Botenstoffe zum Juckreiz beitragen, erklärt aber kein Sommerekzem allein [8].
Warum der Bluttest kein Allergietest ist
Der verbreitetste Irrtum betrifft den Bluttest auf allergenspezifisches IgE. Er misst etwas Reales, beantwortet aber nicht die Frage, die man ihm stellt [8]:
- Beim Menschen gibt es Grenzwerte, ab denen ein IgE-Wert als auffällig gilt. Beim Pferd fehlen solche Cut-offs.
- Der Test misst frei im Blut zirkulierendes IgE. Krankheitsrelevant ist aber das an Mastzellen gebundene IgE: Erst wenn ein Allergen zwei gebundene Moleküle verbrückt, schüttet die Mastzelle Histamin aus.
- Freies IgE hat nur eine Halbwertszeit von Stunden bis wenigen Tagen. Es steigt im Frühjahr und fällt im Winter – jedes Pferd mit Gnitzenkontakt trägt im Sommer solche Antikörper, das gesunde wie das erkrankte.
- Der Test für Pferde arbeitete lange mit monoklonalen Antikörpern und war damit weniger spezifisch als die Varianten für Hund und Katze.
Dazu eine Praxisempfehlung, die kaum jemand kennt: Eine Wurmbürde hebt den IgE-Spiegel unspezifisch an. Wer einen Bluttest machen lässt, sollte das Pferd rund zwei Wochen vorher gründlich entwurmen, um falsch positive Ergebnisse zu vermeiden [8].
Der Intradermaltest
Als Goldstandard gilt unter Fachdermatologen der Intradermaltest, weil er das betroffene Organ selbst prüft: Am Hals wird eine kleine Fläche geschoren, die Allergene werden in die Haut gespritzt, bei einer Reaktion bildet sich eine Quaddel. Anders als beim Menschen reagieren Pferd, Hund und Katze kaum anaphylaktisch – der Test gilt deshalb als sicher [8].
Eine Grenze sollte man trotzdem kennen: Mastzellen sitzen ungleichmäßig verteilt in der Haut. An einer Stelle mit wenigen Mastzellen fällt die Reaktion klein aus, obwohl das richtige Allergen getroffen wurde. Auch der beste verfügbare Test ersetzt also weder die Ausschlussdiagnostik noch die Vorgeschichte [8].
Molekulare Allergiediagnostik
Neuer ist ein serologischer Test, der nicht mit Ganzkörperextrakten arbeitet, sondern mit einzelnen, rekombinant hergestellten Allergenkomponenten. Nach Herstellerangaben erfasst er neben Umweltallergenen auch Komponenten von Gnitzen (Culicoides), Wadenstechern (Stomoxys) und Kriebelmücken (Simulium) und soll dadurch echte Sensibilisierung von bloßer Kreuzreaktivität unterscheidbar machen [9].
Der Reiz liegt in der Standardisierung: Statt „reagiert irgendwie auf Gnitze" ließe sich bestimmen, gegen welche einzelnen Proteine ein Pferd sensibilisiert ist – was für eine spätere Immuntherapie die Zusammensetzung verbessern würde. Wie gut sich das beim Pferd im Alltag bewährt, muss sich erst zeigen; unabhängige Vergleichsstudien zum Intradermaltest fehlen bislang. Bemerkenswert ist die Richtung: Diagnostik und Therapie ersetzen beide den zerquetschten Mückenextrakt durch definierte Einzelallergene.
Was das für dich heißt
Ein Bluttest allein beweist kein Sommerekzem und schließt es auch nicht aus. Wer testen lässt, sollte vorher wissen, welche Frage der Test beantworten soll – und das Pferd vorher entwurmen. Die Diagnose entsteht aus Vorgeschichte, Saisonalität, Lokalisation und dem Ausschluss von Parasiten und Infektionen [8].
Was du jetzt tun kannst: Die Basis-Strategie
Die Behandlung besteht derzeit vor allem aus adäquatem Insektenschutz [2]. In einer deutschen Fragebogenstudie mit 404 Sommerekzem-Pferden zeigte sich: Bei 72,8 % der Pferde trat durch Behandlung eine Besserung ein, wobei Ekzemerdecken mit 70,3 % Erfolgsquote am wirksamsten waren [3].
Insektenschutz konkret:
- Ekzemerdecken aus engmaschigem Material, die Mähne, Schweif, Bauch und im Idealfall auch Kopf abdecken
- Permethrin oder Citriodiol als Repellentien direkt auf die Haut oder in imprägnierten Decken – welches Präparat für dein Pferd geeignet ist und wie es angewendet wird, klärst du am besten mit deinem Tierarzt [2]
- Aufstallen während der Hauptflugzeiten der Gnitzen (Dämmerung, früher Morgen)
- Ventilator oder geöffnete Fenster in der Stallgasse, nicht in der Box – Gnitzen und Kriebelmücken sind schlechte Flieger und kommen gegen einen Luftzug nicht an. Zugluft gilt für ein gesundes Pferd als unproblematisch, die Insektenbelastung ist das größere Problem [8]
- Weidemanagement: Koppeln zwischen 10 und 16 Uhr nutzen, Pferdeäpfel täglich absammeln (Brutstätten). Bei der Koppelwahl gilt: Gnitzen bevorzugen feuchte Senken und stehende Gewässer, Kriebelmücken dagegen fließendes Wasser – im Idealfall liegt die Weide also von beidem entfernt, und du stellst stattdessen eine Tränke auf [8]
- Stallklima: Feuchtigkeit reduzieren – bei feuchtwarmer Luft ziehen die Insekten verstärkt in den Stall [8]
Ein Detail, das oft übersehen wird: An den Nahtstellen der Decke können neue Ekzemstellen entstehen, und Nylon kann zusätzlich sensibilisieren. Wenn dein Pferd an den alten Stellen besser wird, aber plötzlich an neuen Problemzonen scheuert, dreh die Decke auf links – das funktioniert in der Praxis gut. Manche Pferde tolerieren die Decke ohnehin nicht und zerstören sie regelmäßig; ausprobieren lohnt sich trotzdem, weil eine funktionierende Decke Medikamente ersetzt oder stark reduziert [8].
Hautpflege lokal:
Eine Studie mit 28 Pferden zeigte, dass eine Creme mit Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure), Harnstoff und Glykolsäure den Schweregrad der Hautläsionen verbesserte [4]. Auch ein topisches Öl aus Kampfer, Zitronengras, Zitronenöl, Pfefferminze und Patchouli zeigte in einer Studie Wirksamkeit [2].
Wenn der Juckreiz schon da ist
Insektenschutz ist die Grundlage, aber er hilft einem Pferd nicht, das sich bereits blutig gescheuert hat. Dann geht es darum, den Juckreiz zu unterbrechen.
Waschen und Hautpflege
Schamponieren kühlt, entfernt Krusten und behandelt vorhandene Sekundärinfektionen. Rückfettende Shampoos unterstützen zusätzlich die gestörte Hautbarriere [8].
Kortison – früh und lokal statt spät und systemisch
Kortison hat bei Pferdebesitzern einen schlechten Ruf, und das nicht ohne Grund: Es besteht ein Zusammenhang mit Hufrehe. Fachdermatologen und Pferdekliniker argumentieren hier trotzdem eindeutig – bei einem Pferd mit hochgradigem Juckreiz ist die Kortisongabe eine Tierschutzmaßnahme [8]. Kortisonhaltige Präparate sind verschreibungspflichtig; Auswahl, Anwendung und Dosierung gehören in die Hand des behandelnden Tierarztes.
Der Grund liegt im Ausmaß des Leidens. Aus der Humanmedizin weiß man, dass starker Juckreiz kaum erträglich ist; das Pferd scheuert sich bis zum Schmerz, weil der Schmerz besser auszuhalten ist als der Juckreiz. Ein Pferd, das über Jahre oder über eine ganze Saison hinweg nicht zur Ruhe kommt, ist ein schwer erkranktes Tier [8].
Praktisch heißt das: früh eingreifen. Wer beim ersten Juckreiz mit einer kortisonhaltigen Creme oder einem Spray arbeitet, braucht insgesamt weniger und kürzer – oft lässt sich nach der Anfangsphase auf ein- bis zweimal wöchentlich über den Sommer reduzieren. Wer wartet, bis das Pferd kahl und wund ist, braucht deutlich mehr Medikament und länger, bis der Juckreiz überhaupt reagiert. Die Kortison-Tablette bleibt der Ausnahmefall [8].
Wie stark das individuelle Hufreherisiko ist, hängt vom Pferd ab – bei Ponys, Robustpferden und Pferden mit Insulindysregulation ist besondere Vorsicht geboten. Das ist eine Abwägung, die du mit deinem Tierarzt treffen musst, nicht allein.
Spot-ons
Spot-on-Präparate werden je nach Produkt wöchentlich oder alle 14 Tage aufgetragen und sollen verhindern, dass die Insekten überhaupt zum Stechen kommen. Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium werden sie zunehmend weniger wirksam [8].
Ergänzende Fütterung bei Sommerekzem
Ein Mangel an Zink, Kupfer und Biotin kann allergische Hautreaktionen triggern [2]. Übermäßig hohe Calciumgehalte im Futter (etwa durch Heu mit viel krautigem Pflanzenanteil) beeinträchtigen die Aufnahme von Spuren- und Mengenelementen, ebenso ein Überangebot an phytinsäurehaltigem Getreide wie Mais oder Gerste [2].
Wirkstoffe mit moderater Evidenz:
Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) wirken entzündungshemmend und unterstützen die Barrierefunktion der Haut. Studien zeigten Besserung der Hautläsionen, wenn auch mit begrenztem Effekt auf den zugrunde liegenden Juckreiz [4]. Quellen: Leinöl, stark aufgereinigtes Algenöl, Fischöl.
Zwei Dinge zur Erwartungshaltung: Du solltest sechs bis acht Wochen füttern, bevor du den Effekt überhaupt bewerten kannst – und im akuten, hochgradigen Schub bringt Omega-3 kurzfristig nichts. Der Nutzen liegt nach Praxiserfahrung darin, dass in Kombination mit einer medikamentösen Behandlung weniger Medikament nötig ist [8].
Zink ist essenziell für Wundheilung und Immunregulation, und bei einem nachgewiesenen Mangel verschlechtert sich die Hautgesundheit. Eine gezielte Supplementierung ist deshalb nur nach Blutbild und in Absprache mit deinem Tierarzt sinnvoll – die Menge richtet sich nach der tatsächlichen Versorgungslücke aus dem Grundfutter, nicht nach einer pauschalen Tagesdosis.
Kupfer ist Cofaktor für Enzyme im Kollagenstoffwechsel und die Hautpigmentierung. Achtung: Zink und Kupfer sollten im ausgewogenen Verhältnis zugeführt werden (etwa 4:1 bis 6:1).
Für wen sinnvoll? Pferde mit nachgewiesenem Mangel (Blutbild) oder bei unzureichender Versorgung über Grundfutter. Besonders bei Ekzemern in intensivem Schub kann eine gezielte Supplementierung die Regeneration unterstützen. Sprich vor der Gabe mit deinem Tierarzt – Überversorgung kann Antagonismen auslösen (z. B. hemmt zu viel Zink die Kupferaufnahme).
Keine Wunder erwarten: Supplemente lindern Symptome und unterstützen Hautbarriere, sie ersetzen aber nicht den Insektenschutz. Ohne Ekzemerdecke und Management bleibt der Leidensdruck hoch.
Ausblick: Weitere Forschungsansätze
Neben der Allergen-Immuntherapie wird ein zweiter, mechanistisch völlig anderer Weg verfolgt: therapeutische Impfstoffe gegen die körpereigenen Entzündungsmediatoren Interleukin-5 (IL-5) und Interleukin-31 (IL-31). IL-5 ist der Hauptregulator der Eosinophilen, deren massive Infiltration die Hautentzündung antreibt. Anders als bei der Desensibilisierung wird hier nicht versucht, das Immunsystem gegenüber dem Allergen tolerant zu machen – stattdessen wird der Effektorarm der Entzündung blockiert.
In einer placebokontrollierten Studie mit 34 Islandpferden (19 geimpft, 15 Placebo) wurde equines IL-5 an ein virusähnliches Partikel gekoppelt und als Impfstoff verabreicht. Das Pferd bildet daraufhin Antikörper gegen sein eigenes IL-5. Bei 47 % der geimpften Tiere besserten sich die Symptome um mindestens die Hälfte, bei 21 % um mindestens drei Viertel – in der Kontrollgruppe erreichten 13 % die Hälfte, kein Pferd die drei Viertel [6]. Eine Nachuntersuchung im zweiten Impfjahr deutet darauf hin, dass die entzündlichen Eosinophilen in einen ruhenden Phänotyp übergehen [7].
Parallel wird ein Kandidat gegen IL-31 entwickelt, außerdem arbeiten andere Gruppen an inhibierenden Antikörpern gegen equines IL-5 als passive Immunisierung [5]. Alle diese Ansätze befinden sich in der Entwicklung. Ob und wann ein Präparat in Deutschland zugelassen wird, ist offen – wir aktualisieren diesen Abschnitt, sobald sich der Zulassungsstand ändert.
Fazit
Das Sommerekzem bleibt eine chronische Erkrankung ohne vollständige Heilung – aber die Therapieoptionen werden besser. Die neue Allergen-Immuntherapie mit rekombinanten Culicoides-Allergenen ist die erste Desensibilisierung, die in einer placebokontrollierten Studie signifikante Erfolge zeigte. Bis zur Marktzulassung sind konsequenter Insektenschutz mit Ekzemerdecken, Repellentien und angepasster Haltung das Fundament. Über die Fütterung kannst du mit Omega-3-Fettsäuren die Hautbarriere unterstützen – immer in Rücksprache mit deinem Tierarzt. Je früher du reagierst, desto besser lässt sich der chronische Verlauf abmildern.
Quellen
- [1] Graner A, Mueller RS, Geisler J et al. – Allergen immunotherapy using recombinant Culicoides allergens improves clinical signs of equine insect bite hypersensitivity. Frontiers in Allergy 2024. https://www.frontiersin.org/journals/allergy/articles/10.3389/falgy.2024.1467245/full
- [2] Birkmann K, Fettelschoss-Gabriel A. – Das Sommerekzem – neue Ansätze in Diagnostik und Therapie. Tiermedizin Thieme 2023. https://tiermedizin.thieme.de/pferd-co/fachbeitraege/detail/neue-therapieansaetze-bei-pferden-mit-sommerekzem-912
- [3] Fragebogenstudie zum Sommerekzem bei Pferden in Deutschland. Freie Universität Berlin. https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/10440
- [4] Friberg, and Logas, (1999), Treatment of Culicoides hypersensitive horses with high-dose n-3 fatty acids: a double-blinded crossover study. Veterinary Dermatology, 10: 117–122. https://doi.org/10.1046/j.1365-3164.1999.00147.x
- [5] Langreder N, Schackermann D et al. – Development of an inhibiting antibody against equine interleukin 5 to treat insect bite hypersensitivity of horses. Scientific Reports 2023. https://www.nature.com/articles/s41598-023-31173-y
- [6] Fettelschoss-Gabriel A, Fettelschoss V, Thoms F et al. – Treating insect-bite hypersensitivity in horses with active vaccination against IL-5. J Allergy Clin Immunol 2018;142(4):1194–1205.e3. PMID 29627082. https://doi.org/10.1016/j.jaci.2018.01.041
- [7] Schwarz E, Jebbawi F, Keller G et al. – Phenotypic Shift of an Inflammatory Eosinophil Subset into a Steady-State Resident Phenotype after 2 Years of Vaccination against IL-5 in Equine Insect Bite Hypersensitivity. Vet Sci 2024;11(10):476. PMID 39453068. https://doi.org/10.3390/vetsci11100476
- [8] Feige K, Volk A – Das Sommerekzem. Podcast „Pferdemedizin heute", Folge 28, Gesellschaft für Pferdemedizin, 19.04.2024. Fachliche Einschätzung zweier Fachtierärzte, keine Studie. https://gpm-vet.de/de/service/podcast/317-28-das-sommerekzem
- [9] Nextmune – PAX Horse Allergy Xplorer (Serumtest, molekulare Allergiediagnostik für Pferde). Herstellerangabe, keine unabhängige Studie. https://nextmune.com/vet-products/pax-horse-allergy-xplorer-serum-test
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