Was löst das Sommerekzem aus?

Pferde mit Sommerekzem reagieren allergisch auf den Speichel von Culicoides-Mücken (Gnitzen), seltener auch auf Kriebelmücken [2]. Die winzigen, nur zwei Millimeter großen Insekten sind besonders in feuchtwarmen, windstillen Gebieten aktiv – etwa zwei bis drei Stunden vor und nach Sonnenaufgang sowie in der Dämmerung. Auf Island gibt es keine stechenden Culicoides-Arten. Deshalb sind importierte Islandpferde besonders gefährdet – vermutlich, weil sie im Fohlenalter keine Toleranz gegen die Mückenstiche entwickeln konnten. Bis zu 50 % der importierten Isländer erkranken [2].

Das Sommerekzem ist eine IgE-vermittelte allergische Reaktion mit massiver Eosinophilen-Infiltration in die Haut [2]. Typische Symptome sind starker Juckreiz, Hautausschläge und Entzündungen vor allem an Mähnenkamm, Schweifansatz und Bauchnaht. Betroffene Pferde scheuern sich bis zur blutigen Haut, die Haare brechen ab, bei chronischem Verlauf verhornt die Haut und legt sich in wulstige Falten.

Akute Sommerekzem-Stelle mit Krusten und Hautirritation
Akute Phase: Krusten und Hautirritation an einer typischen Stichstelle. Konsequentes Decken-Management vor der ersten Stichserie hätte den Schub abmildern können.

Die neue Immuntherapie: Rekombinante Allergene statt Mücken-Extrakt

Bisherige Desensibilisierungsversuche mit Ganzkörper-Mückenextrakten – also buchstäblich zerquetschten Gnitzen – zeigten keine Wirkung über Placebo-Niveau hinaus [2]. Das Problem: Diese Extrakte enthalten neben den eigentlichen Allergenen einen hohen Anteil an Nebenstoffen, die neue Sensibilisierungen auslösen können.

Ein internationales Forscherteam entwickelte deshalb eine Allergen-Immuntherapie (AIT) mit neun hochreinen, im Labor hergestellten (rekombinanten) Hauptallergenen aus dem Speichel der Culicoides-Mücke [1]. In einer prospektiven, doppelblinden, placebokontrollierten Studie erhielten 17 Islandpferde mit Sommerekzem entweder die neue AIT (9 Pferde, je 3 Injektionen im ersten Jahr, 2 Injektionen im zweiten Jahr) oder ein Placebo (8 Pferde) [1].

Die Ergebnisse:

Erstes Behandlungsjahr: 67 % der AIT-Pferde, aber nur 25 % der Placebo-Pferde erreichten eine Verbesserung der Hautläsionen um mehr als 50 % [1]. Die Veränderung war in der Behandlungsgruppe signifikant stärker.

Zweites Behandlungsjahr: Der Effekt verstärkte sich weiter. 89 % der AIT-Pferde, aber nur 14 % der Placebo-Pferde, zeigten über 50 % Verbesserung gegenüber dem Ausgangsjahr [1]. Die Besitzer berichteten, dass ihre Pferde sich deutlich weniger kratzen und scheuern.

Die Immuntherapie beeinflusste das Gleichgewicht zwischen TH1- und TH2-Zellen und dämpfte dadurch die allergische Reaktion [1]. Nebenwirkungen waren minimal: Bei einigen wenigen Pferden trat eine Schwellung an der Injektionsstelle auf [1].

Warum Antihistaminika nicht funktionieren

In einer randomisierten, placebokontrollierten, doppelblinden Feldstudie konnte der orale Histamin-1-Rezeptor-Antagonist Cetirizin keine signifikante Besserung der klinischen Symptome bei Sommerekzem-Pferden zeigen [2]. Dagegen führte das Tragen von Ekzemerdecken und das Aufstallen zu einer deutlichen Besserung [2]. Diese Studie unterstützt die Annahme, dass beim Sommerekzem eine Histamin-vermittelte Pathogenese nur eine untergeordnete Rolle spielt und andere Pathomechanismen – vor allem Interleukine wie IL-5 und IL-31 – die Symptome antreiben [2].

Was du jetzt tun kannst: Die Basis-Strategie

Die Behandlung besteht derzeit vor allem aus adäquatem Insektenschutz [2]. In einer deutschen Fragebogenstudie mit 404 Sommerekzem-Pferden zeigte sich: Bei 72,8 % der Pferde trat durch Behandlung eine Besserung ein, wobei Ekzemerdecken mit 70,3 % Erfolgsquote am wirksamsten waren [3].

Insektenschutz konkret:

Hautpflege lokal:

Eine Studie mit 28 Pferden zeigte, dass eine Creme mit Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure), Harnstoff und Glykolsäure den Schweregrad der Hautläsionen verbesserte [4]. Auch ein topisches Öl aus Kampfer, Zitronengras, Zitronenöl, Pfefferminze und Patchouli zeigte in einer Studie Wirksamkeit [2].

Ergänzende Fütterung bei Sommerekzem

Ein Mangel an Zink, Kupfer und Biotin kann allergische Hautreaktionen triggern [2]. Übermäßig hohe Calciumgehalte im Futter (etwa durch Heu mit viel krautigem Pflanzenanteil) beeinträchtigen die Aufnahme von Spuren- und Mengenelementen, ebenso ein Überangebot an phytinsäurehaltigem Getreide wie Mais oder Gerste [2].

Wirkstoffe mit moderater Evidenz:

Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) wirken entzündungshemmend und unterstützen die Barrierefunktion der Haut. Studien zeigten Besserung der Hautläsionen, wenn auch mit begrenztem Effekt auf den zugrunde liegenden Juckreiz [4]. Quellen: Leinöl, Fischöl, Algenöl (für Pferde geeignet).

Zink ist essenziell für Wundheilung und Immunregulation. Bei Mangel verschlechtert sich die Hautgesundheit deutlich. Dosierung: Nach Blutbild und tierärztlicher Empfehlung, typisch 500–1000 mg elementares Zink pro Tag bei einem 500-kg-Pferd.

Biotin ist vor allem für die Hufqualität evidenzbasiert; ergänzend bei Hautthemen können 15–30 mg pro Tag sinnvoll sein.

Kupfer ist Cofaktor für Enzyme im Kollagenstoffwechsel und die Hautpigmentierung. Achtung: Zink und Kupfer sollten im ausgewogenen Verhältnis zugeführt werden (etwa 4:1 bis 6:1).

Für wen sinnvoll? Pferde mit nachgewiesenem Mangel (Blutbild) oder bei unzureichender Versorgung über Grundfutter. Besonders bei Ekzemern in intensivem Schub kann eine gezielte Supplementierung die Regeneration unterstützen. Sprich vor der Gabe mit deinem Tierarzt – Überversorgung kann Antagonismen auslösen (z. B. hemmt zu viel Zink die Kupferaufnahme).

Keine Wunder erwarten: Supplemente lindern Symptome und unterstützen Hautbarriere, sie ersetzen aber nicht den Insektenschutz. Ohne Ekzemerdecke und Management bleibt der Leidensdruck hoch.

Ausblick: Weitere Forschungsansätze

Neben der Allergen-Immuntherapie werden therapeutische Impfstoffe gegen die körpereigenen Entzündungsmediatoren Interleukin-5 (IL-5) und Interleukin-31 (IL-31) erforscht [5]. IL-5 ist der Hauptregulator der Eosinophilen, deren massive Infiltration die Hautentzündung antreibt. In Studien führte eine Impfung gegen IL-5 zu einer signifikanten Reduktion der Eosinophilen im Blut und klinischer Besserung nach zwei Jahren Behandlung [5]. Diese Ansätze befinden sich noch in der Forschungsphase – eine Marktzulassung steht aus.

Fazit

Das Sommerekzem bleibt eine chronische Erkrankung ohne vollständige Heilung – aber die Therapieoptionen werden besser. Die neue Allergen-Immuntherapie mit rekombinanten Culicoides-Allergenen ist die erste Desensibilisierung, die in einer placebokontrollierten Studie signifikante Erfolge zeigte. Bis zur Marktzulassung sind konsequenter Insektenschutz mit Ekzemerdecken, Repellentien und angepasster Haltung das Fundament. Über die Fütterung kannst du mit Omega-3-Fettsäuren, Zink, Biotin und Kupfer die Hautgesundheit gezielt unterstützen – immer in Rücksprache mit deinem Tierarzt. Je früher du reagierst, desto besser lässt sich der chronische Verlauf abmildern.

Quellen

  1. [1] Graner A, Mueller RS, Geisler J et al. – Allergen immunotherapy using recombinant Culicoides allergens improves clinical signs of equine insect bite hypersensitivity. Frontiers in Allergy 2024. https://www.frontiersin.org/journals/allergy/articles/10.3389/falgy.2024.1467245/full
  2. [2] Birkmann K, Fettelschoss-Gabriel A. – Das Sommerekzem – neue Ansätze in Diagnostik und Therapie. Tiermedizin Thieme 2023. https://tiermedizin.thieme.de/pferd-co/fachbeitraege/detail/neue-therapieansaetze-bei-pferden-mit-sommerekzem-912
  3. [3] Fragebogenstudie zum Sommerekzem bei Pferden in Deutschland. Freie Universität Berlin. https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/10440
  4. [4] Friberg, and Logas, (1999), Treatment of Culicoides hypersensitive horses with high-dose n-3 fatty acids: a double-blinded crossover study. Veterinary Dermatology, 10: 117–122. https://doi.org/10.1046/j.1365-3164.1999.00147.x
  5. [5] Langreder N, Schackermann D et al. – Development of an inhibiting antibody against equine interleukin 5 to treat insect bite hypersensitivity of horses. Scientific Reports 2023. https://www.nature.com/articles/s41598-023-31173-y

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