Was ist eine Kolik? Der häufigste Notfall beim Pferd
Kolik ist der Sammelbegriff für Bauchschmerzen beim Pferd [3]. Die jährliche Inzidenz schwankt je nach Population zwischen 3,5 und 10,6 Fällen pro 100 Pferde-Jahre [2][6][7] — damit gehört die Kolik zu den häufigsten lebensbedrohlichen Notfällen in der Pferdepraxis. Wichtig zu verstehen: Kolik ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Symptom, das viele verschiedene Ursachen haben kann.
Die Anatomie des Pferdes macht es besonders anfällig: Der Magen-Darm-Trakt ist mit etwa 30 Metern Länge nur teilweise frei beweglich in der Bauchhöhle aufgehängt. Duodenum, Caecum und Rektum sind durch Mesenterien und Bänder fixiert, der große Dickdarm dagegen ist frei aufgehängt. Genau diese Beweglichkeit erhöht das Risiko für Verlagerungen und Verdrehungen. Die engste Stelle ist die Beckenflexur im großen Dickdarm — hier sitzen die meisten Verstopfungskoliken. Der kleine Magen (nur 7,5–15 Liter) ist der Grund, warum Pferde nicht erbrechen können: bei Überladung droht eine lebensbedrohliche Magenruptur.
Ursachen: Krampf, Gas, Verstopfung oder Verlagerung
Die gute Nachricht: Die meisten Koliken lassen sich medikamentös behandeln und heilen folgenlos aus. Die häufigsten Kolikformen sind:
Krampfkolik (Spastische Kolik): Verkrampfung der Darmmuskulatur, oft durch Stress, plötzliche Futterumstellung oder Wetterwechsel ausgelöst. Schmerzen können heftig sein, sprechen aber meist schnell auf Behandlung an.
Gaskolik (Flatulente Kolik): Übermäßige Gasbildung durch schwerverdauliches Futter oder gestörte Darmflora. Der Darm bläht sich schmerzhaft auf.
Verstopfungskolik (Impaction): Futtermasse staut sich im Darm, meist im Bereich der Beckenflexur des großen Dickdarms. Ursachen sind Dehydration, zu wenig Raufutter, schlechte Zahnpflege oder zu viel Sand im Futter.
Sandkolik: Eine in Deutschland eher seltenere, aber regional relevante Sonderform — vor allem auf sandigen Böden. Sand sammelt sich über Monate im großen Dickdarm an und kann dort schwere Verstopfungen oder Schleimhautreizungen verursachen. Risikofaktor ist sandiger Weide- oder Paddockboden, gerade bei kurzem Grasaufwuchs.
Verlagerung und Torsion: Der Darm verlagert sich aus seiner normalen Position oder verdreht sich. Diese Kolikformen sind lebensbedrohlich und erfordern meist eine Notoperation. Strangulationen (abgeschnittene Blutversorgung) zählen zu den schwersten Kolikformen [5].
Symptome erkennen: Was du sehen kannst
Schnelles Erkennen rettet Leben. Die Anzeichen variieren je nach Intensität der Schmerzen, aber folgende Symptome sollten dich alarmieren [3]:
Frühe Warnsignale:
- Unruhe, häufiges Hinlegen und Aufstehen
- Scharren mit den Vorderbeinen
- Blick oder Tritte zum Bauch
- Flehmen (Oberlippe hochziehen und Hals strecken)
- Nahrungsverweigerung
- Weniger oder kleinere Kotballen, trockener oder schleimiger Kot
Deutliche Kolik:
- Wälzen und unkontrolliertes Rollen
- Kalter Schweiß ohne körperliche Belastung (Hinweis auf Schock)
- Sägebock-Stellung oder Hundesitz — letzterer ist hochpathognomonisch für vordere Dünndarm-Probleme
- Gestreckter Hals, starke Unruhe oder Apathie
- Erhöhter Puls: Normal 28–44/min, über 48–50 = Warnsignal, über 60 = Notfall
- Blasse, bläuliche oder gerötete Schleimhäute
- Fehlende oder stark reduzierte Darmgeräusche
Notfall-Kriterien (sofort Tierarzt rufen, auch nachts):
- Anhaltendes heftiges Wälzen trotz Bewegung
- Puls über 60 Schläge/min
- Starkes, kaltes Schwitzen und Zittern
- Blaufärbung der Schleimhäute (Zyanose)
- Kollaps oder Festliegen
- Hundesitz-Stellung
Sofortmaßnahmen: Was du als Besitzer tun kannst
Schritt 1: Tierarzt rufen — immer und sofort. Jede Minute zählt bei schweren Verläufen. Die Prognose sinkt, je länger eine chirurgisch behandlungsbedürftige Kolik unbehandelt bleibt [5].
Schritt 2: Futter und Wasser entfernen. Verhindern, dass das Pferd weiter frisst oder große Mengen Wasser aufnimmt — das kann die Situation verschlimmern.
Schritt 3: Pferd am heftigen Wälzen hindern. Nicht generell am Hinlegen hindern, aber unkontrolliertes Wälzen kann zu Selbstverletzungen führen. Die alte Lehre, Wälzen verursache Darmverdrehungen, gilt als umstritten — neuere Arbeiten deuten: Pferde mit bereits bestehender Darmverdrehung wälzen sich zur Erleichterung. Praktisch: Ruhig liegen lassen ist okay, heftiges Rollen aus Verletzungsschutz vorsichtig unterbinden.
Schritt 4: Kontrolliert im Schritt führen. Ruhiges Führen (10–15 Minuten) kann leichte Krämpfe lösen. Aber keine Gewaltmärsche bei hochgradig schmerzhaften Pferden.
Schritt 5: Vitalwerte notieren. Puls, Atemfrequenz, Schleimhautfarbe, Temperatur und Kapillarfüllzeit dokumentieren. Normwerte: Puls 28–44/min, Atemfrequenz 8–16/min, Temperatur 37,5–38,2 °C, KFZ unter 2 Sekunden, Schleimhaut rosa-feucht.
Was du NICHT tun solltest:
- Keine Medikamente ohne tierärztliche Anweisung geben (Schmerzmittel maskieren Diagnose-Hinweise)
- Keine Öle oder Hausmittel eingeben
- Kein langes Zuwarten nach dem Motto "wird schon wieder"
Tierärztliche Diagnostik: Wie der Tierarzt die Ursache findet
Der Tierarzt startet mit einer gründlichen klinischen Untersuchung: Herz- und Atemfrequenz, Schleimhautfarbe, Darmgeräusche, Schmerzgrad. Dann folgen gezielt weiterführende Verfahren [3]:
Rektale Untersuchung: Der Tierarzt tastet durch den Enddarm die Bauchorgane ab — Verstopfungen, Verlagerungen, schmerzhafte Darmanteile lassen sich direkt erkennen.
Nasenschlundsonde: Eine Sonde wird über die Nüstern in den Magen geschoben. Flüssigkeitsansammlungen im Magen können abgelassen werden (verhindert Magenruptur), Laxantien eingegeben.
Bauchultraschall: Zeigt Darmwandverdickungen, Flüssigkeitsansammlungen, Darmverlagerungen und Motilität.
Bauchpunktion (Abdominocentesis): Farbe, Zellzahl und Proteingehalt der Bauchhöhlenflüssigkeit geben Hinweise auf Entzündungen und Durchblutungsstörungen.
Blutuntersuchung: Hämatokrit (Dehydration), Laktat (Gewebeschädigung), Entzündungsparameter.
Eine vollständige Erstdiagnostik dauert typischerweise 60–90 Minuten und liefert eine grundlegende Einschätzung, ob medikamentöse Therapie ausreicht oder eine Notoperation nötig ist.
Therapie: Medikamentös oder chirurgisch
Etwa 75–80 % der Koliken sind mild und sprechen gut auf medikamentöse Behandlung an, nur etwa 4 % erfordern eine Notoperation [2]. Je nach Ursache setzt der Tierarzt ein:
Schmerzmittel und Spasmolytika: Flunixin oder Metamizol zur Schmerzlinderung, Butylscopolamin (Buscopan compositum) bei Krämpfen.
Wichtige Praxis-Hinweise:
- Butylscopolamin lässt den Puls für 20–30 Minuten vorübergehend um 20–40 Schläge/min ansteigen (parasympatholytischer Effekt). Dem Tierarzt am Telefon mitteilen, dass Buscopan gegeben wurde.
- Flunixin maskiert klinische Schmerzzeichen 8–12 Stunden lang. Bei chirurgisch verdächtiger Kolik kein Flunixin vor der Klinikeinweisung [4] — die Klinik braucht das echte klinische Bild für die OP-Entscheidung.
Infusionstherapie: Intravenöse Flüssigkeitszufuhr stabilisiert den Kreislauf und fördert die Darmpassage.
Laxantien und Einläufe: Paraffinöl oder Glaubersalz über die Magensonde bei Verstopfungen.
Chirurgie: Wenn konservative Therapie nicht greift oder eine strangulierte Verlagerung/Torsion vorliegt, bleibt nur die Notoperation. Die Gesamtmortalität bei chirurgisch behandelten Koliken liegt bei etwa 34 %, bei nichtstrangulierenden Verlagerungen bei 82 % Überlebensrate [5]. Jede Stunde zählt.
Nach der OP folgt eine stationäre Überwachung von 7–10 Tagen mit perioperativer Antibiose über 24–72 Stunden [8], Schmerzmanagement und schrittweisem Futteraufbau.
Prognose: Schnelles Handeln entscheidet
Pferde mit leichten bis mittelschweren Koliken, die innerhalb der ersten Stunden versorgt werden, haben eine ausgezeichnete Prognose. Die Gesamtsterblichkeit durch Kolik liegt bei 0,5–0,7 Todesfällen pro 100 Pferde-Jahre [2][7]. Die Fallsterblichkeit liegt bei 4–13 % je nach Population und Behandlungszugang [2][6][7].
Je länger die Schmerzen anhalten, je höher der Puls, je blasser die Schleimhäute, desto schlechter die Aussichten ohne chirurgische Intervention. Die ersten zwei Stunden sind entscheidend für die Überlebenschance deines Pferdes.
Prävention: So reduzierst du das Kolikrisiko
Kolik lässt sich nicht vollständig verhindern, aber du kannst das Risiko deutlich senken [1][2]:
- Kontinuierlicher Raufutterzugang: Heu ad libitum oder in mehreren Portionen über den Tag verteilt. Lange Fresspausen fördern Magengeschwüre und Verstopfungen.
- Futterumstellungen langsam durchführen: Mindestens 10–14 Tage einplanen — die Darmflora braucht Zeit zur Anpassung.
- Regelmäßige Zahnkontrolle: Mindestens einmal jährlich. Scharfe Zahnkanten verhindern gründliches Kauen.
- Ausreichend Wasser: Mindestens 20–40 Liter pro Tag. Im Winter angewärmtes Wasser oder Mash anbieten.
- Parasitenkontrolle: Strategisches Entwurmen nach Kotproben-Analyse. Übermäßiger Parasitenbefall ist mit erhöhtem Kolikrisiko assoziiert [1].
- Stressreduktion: Stallwechsel, Transport und hohe Trainingsbelastung erhöhen das Kolikrisiko [2].
- Bewegung: Regelmäßiger Weidegang und freie Bewegung fördern die Darmmotilität.
Risiko-Pferde besonders beobachten:
- Stuten in den ersten zwei Monaten nach der Geburt (Caecum-Inversion, Large-Colon-Volvulus) [1]
- Pferde nach vorherigen Koliken (Rezidiv-Risiko deutlich erhöht)
- Pferde mit nachgewiesenen Magengeschwüren (EGUS)
- Pferde unter NSAID-Langzeitmedikation (Right Dorsal Colitis) [9]
Fazit
Kolik ist der Notfall, den jeder Pferdebesitzer fürchtet — und zu Recht. Doch Panik hilft nicht: Schnelles Erkennen, sofortiges Handeln und die richtige Erstversorgung retten Leben. Lerne die Warnsignale, kenne die Vitalwerte deines Pferdes und hab die Nummer deines Tierarztes griffbereit. Etwa 75–80 % der Koliken sind mild und können konservativ behandelt werden, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. Und mit einer durchdachten Fütterungs- und Haltungsstrategie kannst du das Risiko von vornherein deutlich senken.
Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung.
Quellen
- [1] Reeves MJ et al. – Risk factors for colic in the Michigan (USA) equine population. Prev Vet Med 1996. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9234409/
- [2] Tinker MK et al. – Prospective study of equine colic incidence and mortality. Equine Vet J 1997. PMID 9413717. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9413717/
- [3] Merck Veterinary Manual – Colic in Horses. https://www.merckvetmanual.com/horse-owners/digestive-disorders-of-horses/colic-in-horses
- [4] TiHo Hannover – Klinik für Pferde, Chirurgie und Orthopädie. https://www.tiho-hannover.de/kliniken-institute/kliniken/klinik-fuer-pferde/
- [5] Sutton GA et al. – Initial investigation of mortality rates and prognostic indicators in horses with colic in Israel: a retrospective study. Equine Vet J 2009. PMID 19642409. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19642409/
- [6] Kaneene JB et al. – Risk factors for colic in the Michigan (USA) equine population II. Prev Vet Med 1997.
- [7] Traub-Dargatz JL et al. / Hillyer MH et al. – Population-Studien zur Kolik-Inzidenz und -Mortalität (USA/UK). Prev Vet Med 2001 / Equine Vet J 2001.
- [8] Salem SE et al. – Variation in clinical decisions and outcomes in horses undergoing exploratory laparotomy. Equine Vet J 2016.
- [9] MacAllister CG et al. – Comparison of adverse effects of phenylbutazone, flunixin meglumine, and ketoprofen in horses. J Am Vet Med Assoc 1993.
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