Was ist eine Bauchfellentzündung beim Pferd?
Die Peritonitis ist eine Entzündung des Bauchfells, der dünnen Membran, die die Bauchhöhle auskleidet und die inneren Organe umhüllt. Sie kann primär auftreten — ohne erkennbare Ursache oder durch Bakterienwanderung — oder sekundär, als Folge von Darmproblemen, Verletzungen oder Operationen. Die Erkrankung ist potenziell lebensbedrohlich, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt wird [1].
Die gute Nachricht: Bei idiopathischer Peritonitis (ohne Darmruptur oder chirurgische Komplikationen) überleben in modernen Studien rund 86–94 % der Pferde bis zur Entlassung aus der Klinik [2, 3]. Entscheidend sind eine schnelle Diagnose und ein konsequenter Behandlungsbeginn.
Ursachen: Wie entsteht eine Peritonitis?
Bei der primären Peritonitis lässt sich die genaue Ursache oft nicht eindeutig klären — Bakterien gelangen vermutlich über den Blutweg oder durch Wanderung aus dem Darm ins Bauchfell.
Häufige Ursachen der sekundären Peritonitis:
- Darmruptur oder -perforation nach schwerer Kolik (höchstes Risiko)
- Postoperative Komplikationen nach Bauchoperationen (Kontamination, undichte Nahtstellen)
- Penetrierende Verletzungen durch Stürze, Tritte, Pfählungen oder Fremdkörper
- Parasitenwanderung (z. B. Strongyliden-Larven)
- Iatrogene Ursachen wie versehentliche Darmperforation bei rektaler Untersuchung. Die in der Literatur genutzte Claes/Hackett-Klassifikation unterteilt rektale Risse in vier Grade — gefährlich sind vor allem Grad 3 (Serosa) und Grad 4 (durchgehend), weil sie Darminhalt in die Bauchhöhle freisetzen können
- Kastrationskomplikationen bei Hengsten
- Harnwegserkrankungen oder Entzündungen innerer Organe (Gebärmutter, Milz, Leber)
Welche Bakterien typisch sind, hängt deutlich von der Region ab: In US-Studien wird Escherichia coli am häufigsten isoliert [1], in Schweden dominiert Actinobacillus equuli [2]. Mischinfektionen sind häufig, und der regionale Erregermix beeinflusst auch die Antibiotika-Wahl.
Symptome: Wie erkennst du eine Bauchfellentzündung?
Die klinischen Anzeichen variieren je nach Schweregrad und Ursache. Bei primärer Peritonitis entwickeln sich die Symptome meist über Tage, bei sekundärer Peritonitis nach Darmruptur innerhalb weniger Stunden.
Typische Symptome:
- Fieber (über 38,5 °C)
- Teilnahmslosigkeit und Appetitlosigkeit
- Wiederkehrende, milde bis moderate Kolik — das Pferd zeigt Bauchschmerzen, oft mit angespannter Bauchdecke
- Schneller Puls (Tachykardie)
- Veränderte Schleimhäute: blass, gelblich oder dunkelrot statt rosa
- Reduzierte Darmgeräusche (Ileus) und gelegentlich spärlicher Durchfall
- Aufgekrümmter Rücken („Karpfenrücken"), vorsichtige Bewegungen, Vermeidung von Wendungen
In den großen Studien tauchten Fieber, Apathie und schneller Puls bei 80–95 % der erkrankten Pferde auf — die genauen Häufigkeiten unterscheiden sich je nachdem, ob nur idiopathische oder auch chirurgische Fälle eingeschlossen wurden [1, 2]. Die wichtigste Botschaft fürs Stallleben: Mehrere dieser Anzeichen gleichzeitig sind ein Tierarzt-Anruf wert, auch wenn die Kolik nur leicht erscheint.
Bei fortgeschrittener oder septischer Peritonitis kommen Schocksymptome dazu: kalte Ohren, verlängerte Kapillarfüllzeit, deutlich beschleunigte Atmung.
So prüfst du Vitalparameter selbst
Kapillarfüllzeit (KFZ): Drücke mit dem Zeigefinger fest auf das Zahnfleisch (oberhalb der Schneidezähne), sodass die Stelle weiß wird. Lasse los und zähle, wie lange es dauert, bis die rosa Farbe zurückkehrt. Normal: unter 2 Sekunden. 2 bis 3 Sekunden sind ein Warnzeichen, über 3 Sekunden deuten auf Durchblutungsstörung oder Schock hin.
Schleimhäute kontrollieren: Hebe die Oberlippe an und schaue auf das Zahnfleisch. Normal: rosa, feucht, glänzend. Blass, gelblich (Ikterus), dunkelrot oder bläulich (Zyanose) sind Warnsignale.
Puls tasten: Taste die Unterkieferarterie (innen am Unterkiefer, etwa eine Handbreit hinter dem Kinn) mit Zeige- und Mittelfinger. Nicht mit dem Daumen — du spürst sonst deinen eigenen Puls. Normal beim erwachsenen Pferd: 28–44 Schläge/min. Über 48–50 Schläge/min in Ruhe sprechen für Schmerz, Fieber oder Schock.
Atemfrequenz: Normal in Ruhe: 8–16 Atemzüge/min. Über 20 Atemzüge/min in Ruhe sind erhöht und kommen oft bei Fieber, Schmerzen oder Lungenbeteiligung vor.
Darmgeräusche hören: Lege dein Ohr oder ein Stethoskop flach an die Flanke (links und rechts, jeweils oben und unten). Normal: alle 30–60 Sekunden ein Gluckern oder Gurgeln. Totenstille über mehrere Minuten (Ileus) ist ein Alarmzeichen bei Kolik oder Peritonitis.
Diagnose: Bauchpunktion und Ultraschall
Der Tierarzt stellt die Diagnose durch eine Kombination aus klinischer Untersuchung, transabdominalem Ultraschall und Abdominozentese (Bauchpunktion).
Abdominozentese (Bauchpunktion)
Über eine sterile Nadel oder Kanüle wird Bauchflüssigkeit entnommen — am tiefsten Punkt der ventralen Bauchwand, leicht rechts der Mittellinie und kaudal des Schwertfortsatzes. Diese Lage hält Abstand zu Caecum (links) und Milz. Beim klinisch gesunden Pferd lässt sich oft nur sehr wenig oder gar keine Flüssigkeit gewinnen — wenn doch, ist sie klar und strohgelb.
Befunde bei Peritonitis:
- Trübe, gelbliche bis orange Färbung statt klar
- Erhöhte Zellzahl in der Bauchflüssigkeit. Studien verwenden unterschiedliche Schwellen — typisch ist deutlich über dem Normalwert (gesund: unter 5.000 Zellen/µl) [2, 3]
- Erhöhtes Gesamtprotein in der Bauchflüssigkeit (über 2,5 g/dl)
- Bakteriennachweis im direkten Ausstrich (in einer US-Studie bei rund zwei Dritteln der Fälle [1])
- Bei septischer Peritonitis: degenerierte Neutrophile mit intrazellulären Bakterien gelten als beweisend. Eine Glukosedifferenz zwischen Blut und Bauchflüssigkeit (Blutglucose minus Peritonealflüssigkeit) von mehr als 50 mg/dl ist ein etablierter Cutoff für eine septische Komponente [6]
Ultraschall
Mit Ultraschall lässt sich vermehrte Bauchflüssigkeit, deren Trübung (Echogenität) und die Darmwanddicke beurteilen. In der Mehrzahl der Peritonitis-Fälle ist die Flüssigkeitsmenge sonografisch erhöht [1]. Der Ultraschall hilft auch, die ideale Punktionsstelle zu finden.
Blutuntersuchung
Typisch sind Veränderungen der weißen Blutzellen (zu hoch oder zu niedrig, je nach Schweregrad), ein erhöhtes Fibrinogen als Entzündungsmarker und ein erhöhter Hämatokrit als Hinweis auf Dehydratation [1, 4].
Behandlung: Antibiotika, Entzündungshemmung und Bauchspülung
Die Therapie richtet sich nach Ursache und Schweregrad.
Standard bei primärer oder unkomplizierter Peritonitis:
- Verschreibungspflichtige Breitspektrum-Antibiotika — Penicillin allein zeigt vor allem in Schweden gute Erfolge, weil dort der penicillin-empfindliche Actinobacillus equuli dominiert [2]. In Regionen mit anderem Erregerspektrum (z. B. E. coli-dominant in den USA) ist Penicillin allein oft unzureichend, dann wird Penicillin mit Gentamicin oder bei Verdacht auf Anaerobier mit Metronidazol kombiniert. Auswahl und Dosierung gehören in die Hand des behandelnden Tierarztes.
- Verschreibungspflichtige nichtsteroidale Entzündungshemmer (NSAIDs) zur Schmerz- und Entzündungslinderung — nach tierärztlicher Verordnung.
- Infusionstherapie zum Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten und zur Schock-Bekämpfung [5].
- Abdominale Lavage (Bauchspülung) bei schwerer septischer Peritonitis: Spülung der Bauchhöhle über Katheter oder laparoskopisch, um die Bakterienlast zu senken. In einer retrospektiven Studie überlebten 81 % der Pferde mit Lavage [1] — die Wirksamkeit ist allerdings nicht durch randomisierte Studien belegt, sondern beruht auf Beobachtungsdaten.
Bei sekundärer Peritonitis mit chirurgischer Ursache:
Wenn eine Darmruptur, Darmperforation oder postoperative Kontamination vorliegt, ist häufig eine chirurgische Revision nötig. Die Überlebensrate liegt in dieser Gruppe deutlich niedriger — historisch um 44–56 % [4, 5]. Wichtig zur Einordnung: Pferde, die operiert werden müssen, haben fast immer ein deutlich schwereres Krankheitsbild als rein medizinisch behandelte. Die Operation ist also nicht das Problem, sondern Marker für die Schwere [1].

Die Hospitalisierungsdauer ist sehr unterschiedlich — typischerweise einige Tage bei unkomplizierten Verläufen, in größeren Fallserien lag der Median bei rund 8 Tagen [2].
Prognose: Frühzeitige Behandlung verbessert die Chancen deutlich
Die Prognose hängt vor allem davon ab, ob eine Darmruptur vorliegt und wie früh die Behandlung beginnt:
- Primäre (idiopathische) Peritonitis ohne Darmruptur: rund 86–94 % Überlebensrate [2, 3]
- Sekundäre Peritonitis nach Bauchoperation oder Darmruptur: historisch 44–56 % [4, 5]
In einer Langzeit-Studie überlebten 84 % der entlassenen Pferde mindestens 12 Monate [3]. Bei rund einem Drittel traten in dieser Zeit Folgekomplikationen auf — Verwachsungen, wiederkehrende Koliken oder ähnliches — die vermutlich mit der Peritonitis zusammenhingen [3]. Das spricht dafür, betroffene Pferde nach Entlassung weiter aufmerksam zu beobachten.
Prognostisch ungünstig sind Hinweise auf einen schwereren Verlauf: starke Dehydratation, deutlich erhöhte Nierenwerte, niedriger Blut-pH, Schock und Bauchschmerzen bei Erstvorstellung sowie der Nachweis mehrerer Bakterienarten in der Bauchflüssigkeit [4].
Prävention: Was du tun kannst
- Nach Bauchoperationen: perioperative Antibiotikagabe, sorgfältige Operationstechnik und regelmäßige postoperative Kontrolle durch den Tierarzt [5]
- Rektale Untersuchung nur durch erfahrene Tierärzte — Darmrisse sind selten, aber bei aggressiver Untersuchung möglich
- Kolik-Management: bei schweren Koliken früh den Tierarzt rufen — eine rechtzeitig operierte Darmverlagerung verhindert Darmruptur und Peritonitis
- Parasitenkontrolle über regelmäßige, kotprobenbasierte Entwurmung
- Kastration unter sterilen Bedingungen, mit postoperativer Kontrolle auf Schwellung und Fieber
Ergänzende Fütterung nach der Therapie
Nach einer überstandenen Bauchfellentzündung mit antibiotischer Behandlung ist der Aufbau der Darmflora sinnvoll: Antibiotika treffen nicht nur die pathogenen Keime, sondern auch die nützliche Mikrobiota im Dickdarm.
Probiotika und Präbiotika: Die Studienlage zu Probiotika beim Pferd ist insgesamt uneinheitlich. Da das Pferd ein Dickdarmfermentierer ist, sind viele humanmedizinische Stämme nicht ideal — bevorzuge möglichst einen equinen Spezialstamm. In der Praxis hat sich eine mehrwöchige Gabe nach Antibiotika-Therapie bewährt; die Auswahl und Dosierung besprichst du am besten mit deinem Tierarzt.
Mariendistel (Silybum marianum): Der Wirkstoff Silymarin wird traditionell als Bestandteil unterstützender Fütterung verwendet. Eine spezifische Wirkung beim Pferd ist nicht durch kontrollierte Studien belegt — Rücksprache mit dem Tierarzt halten.
Hochwertige Proteinquellen: Nach einer schweren Infektion braucht der Körper ausreichend Protein für die Geweberegeneration. Ein wichtiger Hinweis: Luzerne ist wegen ihres hohen Calciumgehalts bei Pferden mit eingeschränkter Nierenfunktion oder Hyperkalzämie nicht erste Wahl — und Nierenwerte können nach schwerer Peritonitis vorübergehend erhöht sein. Die Proteinauswahl sollte daher nach Blutbild und tierärztlicher Empfehlung erfolgen.
Fazit
Die Bauchfellentzündung beim Pferd ist eine ernste, aber bei rechtzeitiger Diagnose oft erfolgreich behandelbare Erkrankung. Pferde mit primärer Peritonitis ohne Darmruptur haben mit moderner Behandlung sehr gute Überlebenschancen. Bei sekundärer Peritonitis hängt die Prognose stark von der Ursache ab — Darmrupturen verschlechtern sie erheblich.
Achte auf die Warnsignale — Fieber, Teilnahmslosigkeit, wiederkehrende Kolik und angespannte Bauchdecke — und ziehe sofort den Tierarzt hinzu. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser stehen die Chancen, dass dein Pferd die Krise übersteht und langfristig gesund bleibt.
Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung.
Quellen
- [1] Nógrádi N et al. — Peritonitis in horses: 55 cases (2004-2007). Acta Vet Hung 2011. PubMed
- [2] Odelros E, Kendall A, Hedberg-Alm Y, Pringle J — Idiopathic peritonitis in horses: a retrospective study of 130 cases in Sweden (2002–2017). Acta Vet Scand 2019. PubMed
- [3] Henderson ISF et al. — Study of the short- and long-term outcomes of 65 horses with peritonitis. Vet Rec 2008. PubMed
- [4] Hawkins JF et al. — Peritonitis in horses: 67 cases (1985–1990). J Am Vet Med Assoc 1993 (historische Fallserie; Survival-Werte aus der Zeit vor moderner Intensivmedizin). PubMed
- [5] Davis JL — Treatment of peritonitis. Vet Clin North Am Equine Pract 2003. PubMed
- [6] Van Hoogmoed L et al. — Peritoneal fluid analysis in horses (etablierte Cutoffs für Glukose und Laktat in der Bauchflüssigkeit zur Erkennung septischer Peritonitis). J Am Vet Med Assoc 1999.
- [7] Merck Veterinary Manual — Peritonitis in Animals. merckvetmanual.com
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