Ein neues Virus bei Rindern - und jetzt auch die ersten Pferde
Anfangs wurde es als „Shamonda-like"-Virus bezeichnet. Das FLI nennt es inzwischen schlicht Shamonda-Virus (SHAV), weil die Verwandtschaft zu dem seit den 1960er Jahren bekannten Shamonda-Virus für einen eigenen Namen zu groß ist [1].
Seit dem 01.09.2026 weiß man außerdem, dass in Mitteleuropa zwei verschiedene Varianten unterwegs sind [16]. SHAV-EU1 ist die, um die es in diesem Artikel vor allem geht: Sie zirkuliert seit Juli in Süddeutschland, der Schweiz und Frankreich und wurde bisher als einzige bei Pferden nachgewiesen, außerdem bei Rindern, Schafen und Ziegen. SHAV-EU2 tauchte in Nordwest- und Ostdeutschland auf, in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen; alle bisher positiven Proben stammen von Rindern. Die beiden unterscheiden sich in allen drei Genomsegmenten deutlich voneinander [16]. Für dich im Stall ändert das zunächst nichts. Relevant ist es, weil beide Varianten gemeinsam mit dem Schmallenberg-Virus zirkulieren und ein Austausch von Genomsegmenten zwischen ihnen als möglich gilt.
Die wichtigste Nachricht für dich vorweg: Das Virus ist beim Pferd angekommen, und die Zahl der Nachweise steigt. Am 25.08.2026 kamen die ersten beiden aus der Schweiz, inzwischen sind es dort sechs verstorbene Pferde mit Virusnachweis im Hirngewebe [7][13]. Am 31.08.2026 folgte der erste deutsche Fall [14], seit dem 10.10.2026 liegt eine begutachtete Veröffentlichung über zwei deutsche Pferde vor [15]. Und am 22.10.2026 wurde die erste Infektion eines Menschen bekannt, ein tödlicher Einzelfall in Frankreich bei stark geschwächtem Immunsystem [17]. Ob das Virus die neurologischen Symptome der Pferde ausgelöst hat, ist damit noch immer nicht bewiesen. Dieser Artikel ordnet ein, was belegt ist und was nicht.
Was für ein Erreger ist das eigentlich?
Das Shamonda-Virus ist ein behülltes RNA-Virus aus der Gattung Orthobunyavirus, Simbu-Serogruppe [3]. Das klingt exotisch, ist es aber nur halb: In diese Gruppe gehören auch das Akabane-Virus und - für Mitteleuropa besonders relevant - das seit 2011/2012 bekannte Schmallenberg-Virus [1][3]. Wenn du dich an die Schmallenberg-Welle vor gut einem Jahrzehnt erinnerst, hast du bereits das beste gedankliche Modell für das neue Geschehen.
Die Verwandtschaft ist allerdings nicht in allen Teilen des Erbguts gleich eng. Alle drei Genomsegmente ähneln auf Ebene der Aminosäuren am stärksten Shamonda-Viren (S: 99 %, M: 95 %, L: 97 %) - das für Antigenität und Immunantwort besonders wichtige M-Segment stimmt mit dem des Schmallenberg-Virus dagegen zu weniger als 50 % überein [1]. Das ist genau der Punkt, an dem die Analogie zum Schmallenberg-Virus aufhört, wenn es um Immunität und Impfstoffe geht.
Übertragen wird das Virus durch Gnitzen (Culicoides) - winzige, nur ein bis drei Millimeter große Mücken, die in der Dämmerung besonders aktiv sind [1][3]. Entscheidend: Eine direkte Ansteckung von Tier zu Tier spielt keine Rolle. Die Verbreitung hängt an den Gnitzen als Überträger, und damit an Wetter, Jahreszeit und Mückenaktivität.

Krankheitsbild bei Rindern
Bei Rindern beschreiben FLI, AGES, IVI und das noch nicht peer-reviewte Preprint ein akutes Geschehen mit Fieber, Fressunlust, Durchfall und massivem Milchrückgang, oft mit hoher Betroffenheit im Bestand, aber meist ohne tödlichen Verlauf [1][2][3]. Das IVI nennt als häufigste Symptome Fieber über 40 °C für ein bis zwei Tage, massiven Milchrückgang, Fressunlust und Durchfall bei einer Krankheitsdauer von etwa 14 bis 21 Tagen [5].
Beim tragenden Tier ist die Lage noch offen [1]. In der Schweiz wurde das Virus seit dem 6. August allerdings in mehreren abortierten Rinderföten aus verschiedenen Beständen nachgewiesen - das belegt, dass es die Plazenta überwinden kann, aber noch keine Häufigkeit und kein Schädigungsmuster [5]. Auffällig ist der Verlauf seit September: Während die Proben erwachsener Rinder immer seltener positiv ausfallen, bleibt der positive Anteil bei den Abortproben hoch [5]. Die akute Welle ebbt also ab, die Frage nach den Folgen für trächtige Tiere wird gerade erst beantwortet. Behörden raten deshalb, Aborte, Totgeburten und missgebildete Kälber gezielt untersuchen zu lassen [1]; die Schweiz hat ihre Überwachung im Oktober genau darauf umgestellt und finanziert diese Untersuchungen über den Winter weiter [5].
Ein wichtiger Hinweis zur Belastbarkeit dieser Angaben: Die zentrale wissenschaftliche Beschreibung stammt aus einem Preprint (Wernike, Hoffmann, Link und Kollegen, bioRxiv, 06.08.2026), das ausdrücklich noch nicht durch ein wissenschaftliches Peer-Review gelaufen ist [3]. Es beschreibt ausschließlich Rinderbestände in Süddeutschland und der Schweiz und erwähnt Pferde nicht [3].
Was heißt das für mein Pferd?
Hier ist Sauberkeit wichtiger als alles andere. Trenne die Lage in drei Ebenen.
Was belegt ist: Zahlenmäßig betrifft das Geschehen weiterhin ganz überwiegend Rinder, vor allem Milchvieh [1][2][3]. Beim Pferd ist die Zahl der Nachweise seit August deutlich gestiegen. In der Schweiz wurde das Virus bis zum 18.09.2026 im Hirngewebe von sechs verstorbenen Pferden gefunden, vier aus Zürich und zwei aus Bern, behandelt an den Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät [7][13]. Die ersten beiden wurden am 25.08.2026 bekannt: zuerst per unspezifischer Sequenzierung (metagenomic NGS) an der Vetsuisse-Fakultät Bern, bestätigt per pan-Simbu-PCR am IVI [5]. Es war die erste beschriebene Infektion eines Pferdes mit einem Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe in Europa [7].
Wichtig für die zeitliche Einordnung: Die ersten beiden Pferde sind nicht erst Ende August erkrankt. Die Equinella-Meldeliste datiert ihre Fälle auf den 30.07.2026 im Kanton Neuenburg und den 04.08.2026 im Kanton Aargau [12], also zeitgleich mit dem Rindergeschehen. Neu war am 25.08.2026 die Diagnose, nicht das Ereignis.
In Deutschland bestätigte das FLI am 31.08.2026 den ersten Fall: ein Pferd aus Rheinland-Pfalz, das vor seinem Tod zentralnervöse Störungen gezeigt hatte, mit hoher Viruslast in der Gehirnprobe [14]. Seit dem 10.10.2026 liegt dazu die erste begutachtete Veröffentlichung vor, die zwei deutsche Pferde im Detail beschreibt [15]. Das eine zeigte krampfartige Anfälle, das andere Fieber und Ataxie. Pathologisch fand sich bei beiden eine schwere Hirn- und Rückenmarksentzündung mit Einblutungen, und Virusgenom ließ sich in allen untersuchten Abschnitten des Zentralnervensystems nachweisen, aber nicht im Blut und nicht in Organen außerhalb des Nervensystems [15].
Auch das Artenspektrum ist breiter als anfangs angenommen. Das FLI hat das Virus zusätzlich bei einem Alpaka aus Hessen sowie bei Schafen und Ziegen aus Baden-Württemberg nachgewiesen [14]. Und das Schweizer IVI fand bei mehreren weiteren Pferden und zwei Alpakas Antikörper, die im Schmallenberg-Antikörpertest kreuzreagieren - das Virus selbst war bei diesen Tieren nicht mehr nachweisbar [5].
Was plausibel, aber unbewiesen ist: Dass das Virus bei diesen Pferden auch die Ursache der Erkrankung war. Das IVI hält den Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und dem Orthobunyavirus für sehr wahrscheinlich, bewiesen ist er nicht [5]. Dass Viren dieser Gruppe Pferde krank machen können, ist grundsätzlich bekannt: Bei einem tödlich verlaufenden neurologischen Pferdefall in Südafrika wurde ein Shuni/Shamonda-Reassortant nachgewiesen [4], und bereits 2012 fand dieselbe Forschungsrichtung das Shuni-Virus bei sieben Pferden, fünf davon mit neurologischen Symptomen [9]. Das sind aber andere Erreger in einem völlig anderen Umfeld.
Was noch offen ist: Wie häufig Infektionen überhaupt zu einer Erkrankung führen, wie der Verlauf typischerweise aussieht und wie viele der seit Ende Juli in der Schweiz gemeldeten neurologischen Pferdefälle wirklich darauf zurückgehen [7]. Seit dem 01.07.2026 sind bei Equinella 46 Meldungen über Pferde mit ZNS-Symptomatik eingegangen, eine Shamonda-Labordiagnose tragen davon aber weiterhin nur zwei [12]. Diese Lücke entsteht durch zwei verschiedene Datenquellen: Equinella ist ein freiwilliges Meldesystem ohne Bezugsgröße, in das Tierärztinnen melden, was ihnen auffällt. Die sechs bestätigten Nachweise stammen dagegen aus den Labors, die das Hirngewebe untersucht haben. Das sind Signaldaten, keine Fallzahlen, und wie viele dieser Meldungen wirklich auf das Virus zurückgehen, weiß niemand. Beim Pferd aus Rheinland-Pfalz macht die hohe Viruslast im Gehirn einen Zusammenhang mit dem klinischen Bild nach Einschätzung des FLI wahrscheinlich [14], ein Beweis der Ursächlichkeit ist auch das noch nicht. Die Autoren der deutschen Veröffentlichung formulieren es nüchtern: Welche Rolle Pferde in diesem Geschehen überhaupt spielen, ist derzeit unklar [15].
Die Schweizer Antikörperbefunde helfen dabei nur begrenzt weiter. Das IVI betont ausdrücklich, dass sie eine zurückliegende Exposition belegen, aber keinen Rückschluss auf einen kausalen Zusammenhang mit den beobachteten neurologischen Symptomen erlauben [5].
Ein Nachweis am lebenden Pferd ist weiterhin nicht gelungen, und inzwischen versteht man besser, warum. Das Virus ließ sich bei den untersuchten Pferden ausschließlich im Nervengewebe finden, nicht im Blut [15]. Die Fachleute führen das auf eine sehr kurze Virämie zurück: Bis ein Pferd neurologisch auffällt, ist das Virus aus dem Blut vermutlich längst verschwunden. Eine Blut-PCR fällt deshalb meist negativ aus, und ein Antikörpertest aus dem Blut zeigt nur eine zurückliegende Exposition [7]. Als aussichtsreichster Weg gilt derzeit die Kombination aus Antikörpernachweis und PCR, beides aus dem Liquor, also aus dem Nervenwasser [7]. Für die Praxis heißt das vorerst: Verdachtsdiagnose über den Ausschluss anderer Ursachen, Sicherheit erst nach dem Tod, am ehesten über eine Probe aus dem Hirnstamm [15].
Ist das Virus gefährlich für Menschen?
Hier hat sich die Lage im Oktober geändert. Am 22.10.2026 meldete das FLI die erste bekannte Infektion eines Menschen mit dem Shamonda-Virus überhaupt [17]. Der Fall stammt aus Frankreich, verlief tödlich und betraf eine Person mit stark geschwächtem Immunsystem. Es ist bislang der einzige dokumentierte Fall weltweit, und er wird noch untersucht.
Was das bedeutet und was nicht: Das FLI schreibt ausdrücklich, es gebe „bislang keine weiteren Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung der Allgemeinbevölkerung" [17]. Ein tödlicher Einzelfall bei stark geschwächter Abwehr ist etwas anderes als ein Erreger, der gesunde Menschen krank macht. In Deutschland laufen inzwischen erste Untersuchungen an, ob Menschen überhaupt Antikörper gegen das Virus tragen [17]. Bis dazu Ergebnisse vorliegen, ist die ehrliche Antwort zweiteilig: Für gesunde Menschen gibt es nach derzeitigem Kenntnisstand keinen Anlass zur Sorge. Der Satz „Menschen sind vermutlich nicht empfänglich", den die Behörden im Sommer formuliert hatten, lässt sich so aber nicht mehr halten.
Die Vorsicht war von Anfang an eingebaut: FLI und AGES schrieben stets, Viren der Simbu-Serogruppe gälten „in der Regel" nicht als Zoonoseerreger [1][2]. Genau dieser Vorbehalt trägt jetzt. Zur selben Serogruppe gehört das Oropouche-Virus, das seit seiner Entdeckung 1955 schätzungsweise 500.000 Infektionen beim Menschen verursacht hat und sich seit Ende 2023 über das Amazonasbecken hinaus ausbreitet [11]. Und das Shuni-Virus wurde in Südafrika bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen nachgewiesen [10]. Eine pauschale Entwarnung für die ganze Gruppe wäre also schon immer falsch gewesen.
Für den Stallalltag ändert der französische Fall nichts: Es gibt keinen Hinweis auf eine Übertragung von Pferd zu Mensch. Das Virus wird von Gnitzen übertragen, und was gegen Gnitzen hilft, steht weiter unten.
Wichtig ist dabei das Wort „in der Regel". Zur selben Serogruppe gehört das Oropouche-Virus, das seit seiner Entdeckung 1955 schätzungsweise 500.000 Infektionen beim Menschen verursacht hat und sich seit Ende 2023 über das Amazonasbecken hinaus ausbreitet [11]. Und das Shuni-Virus wurde in Südafrika bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen nachgewiesen [10]. Eine pauschale Entwarnung für die ganze Gruppe wäre also falsch - die vorsichtige Einschätzung der Behörden für dieses konkrete Virus bleibt davon unberührt.
Was du als Halter:in jetzt sinnvoll tun kannst
Kein Aktionismus, aber auch kein Wegsehen. Die einzige real greifbare Stellschraube ist der Gnitzenschutz - dieselbe Logik wie beim Sommerekzem.
- Aktivitätszeiten meiden: Gnitzen sind vor allem in der Dämmerung und in den frühen Morgenstunden aktiv. Wer kann, holt Pferde in dieser Zeit von exponierten Weiden.
- Weidemanagement: Gnitzen brauchen zur Vermehrung feuchtes organisches Substrat und kein offenes Wasser - Mist- und Silagereste, schlammige Tränkenränder, dauerfeuchte Trittstellen. Genau diese Bereiche im Blick behalten und, wo möglich, trockenlegen oder abräumen.
- Physische Barrieren: Ekzemerdecken und Fliegenmasken reduzieren die Angriffsfläche.
- Repellents: Insektenschutzmittel können die Belästigung mindern. Ein sicherer Schutz vor einer Infektion lässt sich daraus nicht ableiten.
- Beobachten: Achte auf Fieber, Fressunlust sowie Verhaltens- oder Bewegungsauffälligkeiten.
Die Temperatur misst du rektal; als Normbereich beim erwachsenen Pferd gelten je nach Lehrbuch etwa 37,5–38,2 °C, ab rund 38,5 °C spricht man in der Praxis von Fieber, ab 39,5 °C von hohem Fieber. Bei neurologischen Symptomen gilt: sofort den Tierarzt rufen.
Bei den betroffenen Schweizer Pferden beschreiben die Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät zunächst Teilnahmslosigkeit und Abgeschlagenheit, im Verlauf ausgeprägte Schläfrigkeit, Koordinationsstörungen mit unsicherem Gang oder Schwanken, Muskelzuckungen, übermäßige Empfindlichkeit gegenüber Berührung und Reizen sowie Gleichgewichtsstörungen mit schiefer Kopfhaltung, unwillkürlichen Augenbewegungen und Schielen [7][13].
Neurologische Symptome: erst die etablierten Verdächtigen
Wenn ein Pferd neurologisch auffällt, stehen weiterhin die etablierten Differentialdiagnosen im Vordergrund: West-Nil-Virus, die EHV-1-Myeloenzephalopathie, FSME, Borna, Tollwut, Trauma sowie Stoffwechselstörungen. Sie sind einordbar, teils impfpräventabel und diagnostisch etabliert - und sie produzieren gerade tatsächlich Fälle: Die Schweizer Meldeliste führt für diesen Sommer unter anderem einen laborbestätigten West-Nil-Fall (17.07.2026, Aargau) und einen bestätigten FSME-Fall (13.08.2026, Zürich, EHV negativ, FSME-IgG positiv) bei neurologisch auffälligen Pferden [12]. Neu ist, dass in der Schweiz das Shamonda-Virus als weitere Möglichkeit dazugekommen ist - dort sind den beiden Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät seit Ende Juli aus der ganzen Schweiz Pferde mit neurologischen Symptomen gemeldet worden [7]. Mehr dazu findest du in unseren Artikeln zum West-Nil-Virus und zur EHV-1-Infektion.
Ein Punkt, der garantiert gefragt wird: Es gibt keine Impfung gegen dieses Virus [2], und die West-Nil-Impfung schützt nicht davor - beide gehören zu völlig verschiedenen Virusfamilien. Auch von einer Schmallenberg-Impfung wäre kein Schutz zu erwarten [1]. Impfstoffe gegen Orthobunyaviren lassen sich grundsätzlich entwickeln, das braucht aber ausreichend Vorlauf [1].
Melde- und Anzeigepflicht
Das Schmallenberg-Virus ist in Deutschland meldepflichtig. Maßgeblich ist dafür seit dem 11.03.2026 die neue Tierseuchenmeldeverordnung (TierSeuchMeldV vom 10. März 2026), die die frühere Trennung in anzeigepflichtige Tierseuchen und meldepflichtige Tierkrankheiten durch ein Meldesystem mit zwei Stufen ersetzt hat: eine allgemeine Meldepflicht, die auch Tierhalter trifft (Anlagen 1 und 2), und eine zusätzliche Meldepflicht für Labore und Tierärzte (Anlage 3). Die „Infektion mit dem Schmallenberg-Virus" steht in Anlage 3 (Nr. 24), und zwar für Rinder, Schafe und Ziegen, nicht für Pferde; gemeldet wird dort der Nachweis durch Labore und Tierärzte, nicht durch den Halter. Für das Shamonda-Virus gilt das nicht: Das FLI weist ausdrücklich darauf hin, dass mangels Meldepflicht keine einheitliche Fallerfassung möglich ist und es deshalb auch keine Verbreitungskarten erstellen kann [14]. In Österreich stellt die AGES ebenfalls fest, dass die Erkrankung nicht meldepflichtig ist [2]. Praktisch heißt das: Die bekannten Fallzahlen bilden nur ab, was jemand freiwillig untersuchen ließ. Den verbindlichen aktuellen Status erfährst du über deine zuständige Veterinärbehörde und die FLI-Seite zum Tierseuchengeschehen [1]. Im Zweifel klärt dein Tierarzt, was gemeldet werden muss.
Ausblick
Die akute Welle flaut ab. Das IVI meldete am 14.10.2026 knapp 200 positive Fälle aus 22 Kantonen und eine abklingende akute Phase [5], was zur Jahreszeit passt: Mit kühleren Nächten lässt die Gnitzenaktivität nach. Entwarnung ist das nicht. Die Überwachung ist von erwachsenen Tieren auf Aborte und missgebildete Jungtiere umgestellt worden, und genau dort fallen die Proben weiter häufig positiv aus [5]. Die ersten belastbaren Pferdenachweise sind am 25.08.2026 vom IVI und der Vetsuisse-Fakultät kommuniziert worden [5][7], der erste deutsche Fall am 31.08.2026 vom FLI [14], die erste begutachtete Pferde-Publikation am 10.10.2026 [15] und der erste Fall beim Menschen am 22.10.2026 [17]; wie weit das Geschehen tatsächlich reicht, werden FLI, AGES und IVI laufend nachschärfen [1][2][5]. Zu verwandten Erregern gibt es einzelne Vorarbeiten, etwa den Nachweis des Shamonda-Virus in einem abortierten Ziegenfetus in Südafrika [6]. Der Forschungsstand zu dieser Virusgruppe ist insgesamt dünn - genau das macht die aktuelle Lage so schwer einzuschätzen.
Fazit
Das Shamonda-Virus ist ein reales, neues Geschehen - zahlenmäßig ganz überwiegend bei Rindern, aber mit inzwischen acht bestätigten Pferdenachweisen in der Schweiz und Deutschland [7][13][14][15]. Die ehrlichste Aussage ist, die Wissenslücke offen zu benennen: Wir wissen jetzt, dass Pferde sich infizieren können, und wir kennen das Krankheitsbild bei den gestorbenen Tieren genauer. Wir wissen noch nicht, wie oft eine Infektion überhaupt krank macht, wie viele der gemeldeten neurologischen Fälle wirklich darauf zurückgehen und welche Rolle Pferde in diesem Geschehen am Ende spielen [15]. Und solange es keinen verlässlichen Test für lebende Pferde gibt, fällt ein Fall überhaupt nur auf, wenn das Tier stirbt und untersucht wird - die bekannten Zahlen sind deshalb eher eine Untergrenze als ein Abbild der Lage. Bis dahin sind konsequenter Gnitzenschutz und ein wacher Blick auf dein Pferd die richtige, unaufgeregte Antwort.
Häufige Fragen zum Shamonda-Virus beim Pferd
Was ist das Shamonda-Virus?
Es ist ein behülltes RNA-Virus aus der Gattung Orthobunyavirus, Simbu-Serogruppe, zu der auch das bekannte Schmallenberg-Virus gehört [3][1]. Anfangs wurde es als „Shamonda-like"-Virus bezeichnet, das FLI nennt es inzwischen schlicht Shamonda-Virus (SHAV) [1]. In Mitteleuropa zirkulieren zwei Varianten: SHAV-EU1 in Süddeutschland, der Schweiz und Frankreich, bisher als einzige auch bei Pferden, und SHAV-EU2 in Nordwest- und Ostdeutschland, bisher nur bei Rindern [16]. Übertragen wird es durch Gnitzen (Culicoides), winzige nur ein bis drei Millimeter große Mücken, die in der Dämmerung besonders aktiv sind [1][3].
Welche Symptome zeigt ein Pferd mit dem Shamonda-Virus?
Bei den betroffenen Schweizer Pferden beschrieben die Pferdekliniken zunächst Teilnahmslosigkeit und Abgeschlagenheit, im Verlauf ausgeprägte Schläfrigkeit, Koordinationsstörungen mit unsicherem Gang oder Schwanken, Muskelzuckungen, übermäßige Empfindlichkeit gegenüber Berührung und Reizen sowie Gleichgewichtsstörungen mit schiefer Kopfhaltung, unwillkürlichen Augenbewegungen und Schielen [7][13]. Wichtig ist aber: Dass das Virus diese Erkrankungen auch ausgelöst hat, gilt als sehr wahrscheinlich, bewiesen ist es nicht [5]. Achte generell auf Fieber, Fressunlust sowie Verhaltens- oder Bewegungsauffälligkeiten, und ruf bei neurologischen Symptomen sofort den Tierarzt.
Ist das Shamonda-Virus gefährlich für mein Pferd?
Das lässt sich derzeit nicht abschließend sagen. Belegt ist, dass Pferde sich infizieren können: Bis zum 18.09.2026 gab es sechs bestätigte Nachweise bei verstorbenen Pferden in der Schweiz und mindestens zwei in Deutschland [7][13][14][15]. Offen ist, wie häufig eine Infektion überhaupt zu einer Erkrankung führt, wie der Verlauf typischerweise aussieht und wie viele der gemeldeten neurologischen Fälle wirklich darauf zurückgehen [7][15]. Da es bislang keinen verlässlichen Test für lebende Pferde gibt, fällt ein Fall überhaupt nur auf, wenn das Tier stirbt und untersucht wird, die bekannten Zahlen sind deshalb eher eine Untergrenze [15].
Ist das Shamonda-Virus von Pferd zu Pferd ansteckend?
Nein, eine direkte Ansteckung von Tier zu Tier spielt keine Rolle [1][3]. Die Verbreitung hängt an den Gnitzen als Überträger, und damit an Wetter, Jahreszeit und Mückenaktivität [1][3]. Dein Pferd steckt sich also über einen Gnitzenstich an und nicht bei einem anderen Pferd.
Was hilft gegen Gnitzen beim Pferd?
Die einzige real greifbare Stellschraube ist der Gnitzenschutz, nach derselben Logik wie beim Sommerekzem. Meide die Aktivitätszeiten der Gnitzen in der Dämmerung und in den frühen Morgenstunden und hol dein Pferd, wenn möglich, in dieser Zeit von exponierten Weiden. Beim Weidemanagement hilft es, feuchtes organisches Substrat wie Mist- und Silagereste, schlammige Tränkenränder und dauerfeuchte Trittstellen im Blick zu behalten und wo möglich trockenzulegen. Ekzemerdecken und Fliegenmasken reduzieren die Angriffsfläche, Insektenschutzmittel können die Belästigung mindern, ein sicherer Schutz vor einer Infektion lässt sich daraus aber nicht ableiten.
Gibt es eine Impfung gegen das Shamonda-Virus?
Nein, es gibt keine Impfung gegen dieses Virus [2]. Auch die West-Nil-Impfung schützt nicht davor, beide gehören zu völlig verschiedenen Virusfamilien, und von einer Schmallenberg-Impfung wäre ebenfalls kein Schutz zu erwarten [1]. Impfstoffe gegen Orthobunyaviren lassen sich grundsätzlich entwickeln, das braucht aber ausreichend Vorlauf [1].
Kann man das Shamonda-Virus beim Pferd behandeln?
Eine spezifische Behandlung oder ein Virusnachweis am lebenden Tier ist bisher nicht möglich, derzeit sind nur Verdachtsdiagnosen anhand der klinischen Befunde und über den Ausschluss anderer Ursachen möglich [7]. Wenn dein Pferd neurologisch auffällt, stehen weiterhin die etablierten Differentialdiagnosen wie West-Nil-Virus, EHV-1, FSME, Borna, Tollwut, Trauma und Stoffwechselstörungen im Vordergrund, die teils impfpräventabel und diagnostisch etabliert sind. Ruf bei neurologischen Symptomen sofort den Tierarzt, er klärt die weiteren Schritte.
Ist das Shamonda-Virus auch für Menschen gefährlich?
Am 22.10.2026 wurde erstmals eine Infektion bei einem Menschen bekannt: ein tödlicher Fall in Frankreich bei einer Person mit stark geschwächtem Immunsystem, bislang der einzige dokumentierte weltweit [17]. Das FLI betont, es gebe bislang keine weiteren Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung der Allgemeinbevölkerung [17]; in Deutschland laufen erste Antikörper-Untersuchungen beim Menschen an. Für gesunde Menschen besteht nach derzeitigem Kenntnisstand kein Anlass zur Sorge, und eine Übertragung von Pferd zu Mensch ist nicht beschrieben. Viren der Simbu-Serogruppe gelten weiterhin „in der Regel" nicht als Zoonoseerreger [1][2], eine pauschale Entwarnung für die ganze Gruppe wäre aber falsch [10][11].
Quellen
- [1] Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) - Shamonda-Virus, Tierseuchengeschehen, sowie Pressemitteilung „FLI weist neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe ('Shamonda-like') bei Rindern in Deutschland nach" (03.08.2026). https://www.fli.de/de/aktuelles/tierseuchengeschehen/shamonda-virus/
- [2] AGES - Neuartiges Orthobunyavirus (Stand 20.08.2026). https://www.ages.at/mensch/krankheit/krankheitserreger-von-a-bis-z/neuartiges-orthobunyavirus
- [3] Wernike K, Hoffmann B, Link EK, Rotheneder S, Eshak M, Pfaff F, Höper D, Beer M - It happened again - emergence of a Shamonda-like orthobunyavirus in Central Europe, 2026. bioRxiv (Preprint, 06.08.2026, noch nicht peer-reviewt). https://doi.org/10.64898/2026.08.06.743243
- [4] Rakaki ME, van der Walt M, Williams J, Venter M - Detection of Novel Orthobunyavirus Reassortants in Fatal Neurologic Case in Horse and Culicoides Biting Midges, South Africa. Emerg Infect Dis 2025;31(7):1455–1459. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40563128/
- [5] Institut für Virologie und Immunologie (IVI), Schweiz - Neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe bei Rindern entdeckt, inkl. Update vom 25.08.2026 zum Erstnachweis bei zwei Pferden. https://www.ivi.admin.ch/de/neues-orthobunyavirus-der-simbu-serogruppe-bei-rindern-entdeckt
- [6] van der Walt M, Rakaki ME, MacIntyre C et al. - Identification and Molecular Characterization of Shamonda Virus in an Aborted Goat Fetus in South Africa. Pathogens 2023;12(9):1100. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37764908/
- [7] Institut Suisse de Médecine Equine (ISME), Bern und Avenches - Shamonda-like Virus beim Pferd (25.08.2026). https://isme.unibe.ch/forschung/neues_virus_beim_pferd/index_ger.html
- [8] GD Diergezondheid - Dossier „Shamonda-like" virus (Nachweise Niederlande ab Mitte August 2026, Belgien betroffen). https://www.gddiergezondheid.nl/Actueel/Dossiers/Shamonda-like-virus
- [9] van Eeden C, Williams JH, Gerdes TG et al. - Shuni virus as cause of neurologic disease in horses. Emerg Infect Dis 2012;18(2):318–321. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22305525/
- [10] Motlou TP, Venter M - Shuni Virus in Cases of Neurologic Disease in Humans, South Africa. Emerg Infect Dis 2021;27(2):565–569. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33496223/
- [11] Subissi L, Otieno JR, Ruis C et al. - Oropouche virus: transmission, epidemiology, genetic diversity, and public health implications. EClinicalMedicine 2026;95:103871. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42058505/
- [12] Equinella - Tabellarische Übersicht der Meldungen (freiwilliges Melde- und Informationssystem für Pferdekrankheiten in der Schweiz; Meldungen Juli/August 2026, eigene Auszählung, Abruf 31.08.2026). https://www.equinella.ch/aktuell/tabellarische-uebersicht-der-meldungen/
- [13] Universitäres Tierspital Zürich, Pferdekliniken - Shamonda-like Virus beim Pferd (25.08.2026). https://www.tierspital.uzh.ch/pferdekliniken/shamonda-like-virus-beim-pferd/
- [14] Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) - Shamonda-Virus: Infektionen bei Pferd und Alpaka bestätigt, Schafe und Ziegen auch empfänglich. Kurznachricht vom 31.08.2026. https://www.fli.de/de/aktuelles/kurznachrichten/neues-einzelansicht/shamonda-virus-infektionen-bei-pferd-und-alpaka-bestaetigt-schafe-und-ziegen-auch-empfaenglich/
- [15] Volkwein ME, Köster J, Großmann E et al. - Detection of Shamonda Virus in Two Horses with Neurological Signs in Germany. Viruses 2026;18(10):1125. https://doi.org/10.3390/v18101125
- [16] Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) - FLI bestätigt weiteres Shamonda-Virus-verwandtes Orthobunyavirus in Deutschland (SHAV-EU2). Pressemitteilung vom 01.09.2026. https://www.fli.de/de/presse/pressemitteilungen/presse-einzelansicht-1-1-1/
- [17] Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) - Erste Infektion mit Shamonda-Virus bei immungeschwächter Person in Frankreich. Kurznachricht vom 22.10.2026. https://www.fli.de/de/aktuelles/kurznachrichten/neues-einzelansicht/erste-infektion-mit-shamonda-virus-bei-immungeschwaechter-person-in-frankreich/
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