Ein neues Virus bei Rindern – und jetzt auch die ersten Pferde

Seit Juli 2026 zirkuliert in Mitteleuropa ein neues Virus der sogenannten Simbu-Serogruppe. Die Schweiz wies es am 31. Juli erstmals bei Rindern mit Fieber, Durchfall und Milchrückgang nach [5]; am 3. August bestätigte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) den Erreger in Proben aus vier betroffenen Rinderbeständen in Baden-Württemberg, eingesandt über das CVUA Freiburg [1]. Danach folgten Nachweise in Liechtenstein, den Niederlanden, Belgien und Österreich [2][5][8]; in der Schweiz waren Ende August 22 Kantone betroffen [5].

Anfangs wurde es als „Shamonda-like"-Virus bezeichnet. Das FLI nennt es inzwischen schlicht Shamonda-Virus und das deutsche Isolat Shamonda-Virus/DE/2026, weil die Verwandtschaft zu dem seit den 1960er Jahren bekannten Shamonda-Virus für einen eigenen Namen zu groß ist [1].

Die wichtigste Nachricht für dich vorweg: Am 25.08.2026 gab es die ersten Pferdenachweise – zwei verstorbene Pferde in der Schweiz, bei denen das Virus im Gehirn gefunden wurde [5][7]. Ob das Virus ihre neurologischen Symptome ausgelöst hat, ist damit noch nicht bewiesen. Dieser Artikel ordnet ein, was belegt ist – und was nicht.

Was für ein Erreger ist das eigentlich?

Das Shamonda-Virus ist ein behülltes RNA-Virus aus der Gattung Orthobunyavirus, Simbu-Serogruppe [3]. Das klingt exotisch, ist es aber nur halb: In diese Gruppe gehören auch das Akabane-Virus und – für Mitteleuropa besonders relevant – das seit 2011/2012 bekannte Schmallenberg-Virus [1][3]. Wenn du dich an die Schmallenberg-Welle vor gut einem Jahrzehnt erinnerst, hast du bereits das beste gedankliche Modell für das neue Geschehen.

Die Verwandtschaft ist allerdings nicht in allen Teilen des Erbguts gleich eng. Alle drei Genomsegmente ähneln auf Ebene der Aminosäuren am stärksten Shamonda-Viren (S: 99 %, M: 95 %, L: 97 %) – das für Antigenität und Immunantwort besonders wichtige M-Segment stimmt mit dem des Schmallenberg-Virus dagegen zu weniger als 50 % überein [1]. Das ist genau der Punkt, an dem die Analogie zum Schmallenberg-Virus aufhört, wenn es um Immunität und Impfstoffe geht.

Übertragen wird das Virus durch Gnitzen (Culicoides) – winzige, nur ein bis drei Millimeter große Mücken, die in der Dämmerung besonders aktiv sind [1][3]. Entscheidend: Eine direkte Ansteckung von Tier zu Tier spielt keine Rolle. Die Verbreitung hängt an den Gnitzen als Überträger, und damit an Wetter, Jahreszeit und Mückenaktivität.

Nahaufnahme einer Gnitze (Culicoides) mit gefleckten Flügeln, die auf behaarter Haut Blut saugt
Eine Gnitze (Culicoides) beim Blutsaugen – die gefleckte Flügelzeichnung ist typisch für die Gattung. Ausgewachsen misst das Tier nur ein bis drei Millimeter.

Krankheitsbild bei Rindern

Bei Rindern beschreiben FLI, AGES, IVI und das noch nicht peer-reviewte Preprint ein akutes Geschehen mit Fieber, Fressunlust, Durchfall und massivem Milchrückgang, oft mit hoher Betroffenheit im Bestand, aber meist ohne tödlichen Verlauf [1][2][3]. Das IVI nennt als häufigste Symptome Fieber über 40 °C für ein bis zwei Tage, massiven Milchrückgang, Fressunlust und Durchfall bei einer Krankheitsdauer von etwa 14 bis 21 Tagen [5].

Beim tragenden Tier ist die Lage noch offen [1]. In der Schweiz wurde das Virus seit dem 6. August allerdings in mehreren abortierten Rinderföten aus verschiedenen Beständen nachgewiesen – das belegt, dass es die Plazenta überwinden kann, aber noch keine Häufigkeit und kein Schädigungsmuster [5]. Behörden raten deshalb, Aborte, Totgeburten und missgebildete Kälber gezielt untersuchen zu lassen [1].

Ein wichtiger Hinweis zur Belastbarkeit dieser Angaben: Die zentrale wissenschaftliche Beschreibung stammt aus einem Preprint (Wernike, Hoffmann, Link und Kollegen, bioRxiv, 06.08.2026), das ausdrücklich noch nicht durch ein wissenschaftliches Peer-Review gelaufen ist [3]. Es beschreibt ausschließlich Rinderbestände in Süddeutschland und der Schweiz und erwähnt Pferde nicht [3].

Was heißt das für mein Pferd?

Hier ist Sauberkeit wichtiger als alles andere. Trenne die Lage in drei Ebenen.

Was belegt ist: Das Geschehen betrifft ganz überwiegend Rinder, vor allem Milchvieh [1][2][3]. Seit dem 25.08.2026 gibt es zusätzlich zwei bestätigte Pferdenachweise aus der Schweiz: Bei zwei verstorbenen Pferden – eines aus Zürich, eines aus Bern – wurde das Virus im Hirngewebe gefunden, zuerst per unspezifischer Sequenzierung (metagenomic NGS) an der Vetsuisse-Fakultät Bern, bestätigt per pan-Simbu-PCR am IVI [5][7]. Es ist die erste beschriebene Infektion eines Pferdes mit einem Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe in Europa [7].

Was plausibel, aber unbewiesen ist: Dass das Virus bei diesen beiden Pferden auch die Ursache der Erkrankung war. Das IVI hält den Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und dem Orthobunyavirus für sehr wahrscheinlich, bewiesen ist er nicht [5]. Dass Viren dieser Gruppe Pferde krank machen können, ist grundsätzlich bekannt: Bei einem tödlich verlaufenden neurologischen Pferdefall in Südafrika wurde ein Shuni/Shamonda-Reassortant nachgewiesen [4], und bereits 2012 fand dieselbe Forschungsrichtung das Shuni-Virus bei sieben Pferden, fünf davon mit neurologischen Symptomen [9]. Das sind aber andere Erreger in einem völlig anderen Umfeld.

Was noch offen ist: Wie häufig Infektionen überhaupt zu einer Erkrankung führen, wie der Verlauf typischerweise aussieht und wie viele der seit Ende Juli in der Schweiz gemeldeten neurologischen Pferdefälle wirklich darauf zurückgehen [7]. Ein Nachweis am lebenden Tier ist bisher nicht gelungen – aktuell sind nur Verdachtsdiagnosen anhand der klinischen Befunde und über den Ausschluss anderer Ursachen möglich [7]. Für Deutschland liegen bislang keine Pferdenachweise vor; ob es außerhalb der Schweiz weitere, noch nicht veröffentlichte Fälle gibt, ist von außen nicht beurteilbar.

Ist das Virus gefährlich für Menschen?

FLI und AGES schätzen das Risiko für den Menschen aktuell als nicht relevant ein: Viren der Simbu-Serogruppe gelten „in der Regel" nicht als Zoonoseerreger und stellen nach bisherigem Kenntnisstand kein relevantes Infektionsrisiko dar [1]; Menschen sind in Analogie zum Schmallenberg-Virus vermutlich nicht empfänglich, was für das neue Virus aber erst noch bestätigt werden muss [2].

Wichtig ist dabei das Wort „in der Regel". Zur selben Serogruppe gehört das Oropouche-Virus, das seit seiner Entdeckung 1955 schätzungsweise 500.000 Infektionen beim Menschen verursacht hat und sich seit Ende 2023 über das Amazonasbecken hinaus ausbreitet [11]. Und das Shuni-Virus wurde in Südafrika bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen nachgewiesen [10]. Eine pauschale Entwarnung für die ganze Gruppe wäre also falsch – die vorsichtige Einschätzung der Behörden für dieses konkrete Virus bleibt davon unberührt.

Was du als Halter:in jetzt sinnvoll tun kannst

Kein Aktionismus, aber auch kein Wegsehen. Die einzige real greifbare Stellschraube ist der Gnitzenschutz – dieselbe Logik wie beim Sommerekzem.

Die Temperatur misst du rektal; als Normbereich beim erwachsenen Pferd gelten je nach Lehrbuch etwa 37,5–38,2 °C, ab rund 38,5 °C spricht man in der Praxis von Fieber, ab 39,5 °C von hohem Fieber. Bei neurologischen Symptomen gilt: sofort den Tierarzt rufen.

Bei den betroffenen Schweizer Pferden beschreiben die Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät zunächst Teilnahmslosigkeit und Abgeschlagenheit, im Verlauf ausgeprägte Schläfrigkeit, Koordinationsstörungen mit unsicherem Gang oder Schwanken, Muskelzuckungen, übermäßige Empfindlichkeit gegenüber Berührung und Reizen sowie Gleichgewichtsstörungen mit schiefer Kopfhaltung, unwillkürlichen Augenbewegungen und Schielen [7].

Neurologische Symptome: erst die etablierten Verdächtigen

Wenn ein Pferd neurologisch auffällt, stehen weiterhin die etablierten Differentialdiagnosen im Vordergrund: West-Nil-Virus, die EHV-1-Myeloenzephalopathie, Borna, Tollwut, Trauma sowie Stoffwechselstörungen. Sie sind einordbar, teils impfpräventabel und diagnostisch etabliert. Neu ist, dass in der Schweiz das Shamonda-Virus als weitere Möglichkeit dazugekommen ist – dort sind den beiden Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät seit Ende Juli aus der ganzen Schweiz Pferde mit neurologischen Symptomen gemeldet worden [7]. Mehr dazu findest du in unseren Artikeln zu West-Nil-Virus und zur EHV-1-Infektion (Links folgen).

Ein Punkt, der garantiert gefragt wird: Es gibt keine Impfung gegen dieses Virus [2], und die West-Nil-Impfung schützt nicht davor – beide gehören zu völlig verschiedenen Virusfamilien. Auch von einer Schmallenberg-Impfung wäre kein Schutz zu erwarten [1]. Impfstoffe gegen Orthobunyaviren lassen sich grundsätzlich entwickeln, das braucht aber ausreichend Vorlauf [1].

Melde- und Anzeigepflicht

Das Schmallenberg-Virus ist in Deutschland meldepflichtig. Maßgeblich ist dafür seit dem 11.03.2026 die neue Tierseuchenmeldeverordnung (TierSeuchMeldV vom 10. März 2026), die die frühere Trennung in anzeigepflichtige Tierseuchen und meldepflichtige Tierkrankheiten durch ein einheitliches Meldesystem ersetzt hat; die „Infektion mit dem Schmallenberg-Virus" ist dort für Rinder, Schafe und Ziegen gelistet, nicht für Pferde. Für das Shamonda-Virus lässt sich dieser Status Stand 26.08.2026 nicht ungeprüft übertragen – in Österreich stellt die AGES ausdrücklich fest, dass die Erkrankung nicht meldepflichtig ist [2]. Den verbindlichen aktuellen Status erfährst du über deine zuständige Veterinärbehörde und die FLI-Seite zum Tierseuchengeschehen [1]. Im Zweifel klärt dein Tierarzt, was gemeldet werden muss.

Ausblick

Die Situation kann sich weiter schnell verschieben, weil Überwachungsprogramme derzeit intensiv nach dem Erreger suchen und laufend neue Proben ausgewertet werden [1][3]. Die ersten belastbaren Pferdenachweise sind am 25.08.2026 vom IVI und der Vetsuisse-Fakultät kommuniziert worden [5][7]; weitere Entwicklungen – auch zur Frage, ob und wie sich das Geschehen auf Deutschland überträgt – werden FLI, AGES und IVI laufend veröffentlichen [1][2][5]. Zu verwandten Erregern gibt es einzelne Vorarbeiten, etwa den Nachweis des Shamonda-Virus in einem abortierten Ziegenfetus in Südafrika [6]. Der Forschungsstand zu dieser Virusgruppe ist insgesamt dünn – genau das macht die aktuelle Lage so schwer einzuschätzen.

Fazit

Das Shamonda-Virus ist ein reales, neues Geschehen – ganz überwiegend bei Rindern, seit dem 25.08.2026 aber mit den ersten Pferdenachweisen in der Schweiz [5][7]. Die ehrlichste Aussage ist, die Wissenslücke offen zu benennen: Wir wissen jetzt, dass Pferde sich infizieren können. Wir wissen noch nicht, wie oft das passiert, wie schwer es verläuft und wie viele der gemeldeten neurologischen Fälle wirklich darauf zurückgehen. Bis dahin sind konsequenter Gnitzenschutz und ein wacher Blick auf dein Pferd die richtige, unaufgeregte Antwort.

Quellen

  1. [1] Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) – Shamonda-Virus, Tierseuchengeschehen, sowie Pressemitteilung „FLI weist neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe ('Shamonda-like') bei Rindern in Deutschland nach" (03.08.2026). https://www.fli.de/de/aktuelles/tierseuchengeschehen/shamonda-virus/
  2. [2] AGES – Neuartiges Orthobunyavirus (Stand 20.08.2026). https://www.ages.at/mensch/krankheit/krankheitserreger-von-a-bis-z/neuartiges-orthobunyavirus
  3. [3] Wernike K, Hoffmann B, Link EK, Rotheneder S, Eshak M, Pfaff F, Höper D, Beer M – It happened again – emergence of a Shamonda-like orthobunyavirus in Central Europe, 2026. bioRxiv (Preprint, 06.08.2026, noch nicht peer-reviewt). https://doi.org/10.64898/2026.08.06.743243
  4. [4] Rakaki ME, van der Walt M, Williams J, Venter M – Detection of Novel Orthobunyavirus Reassortants in Fatal Neurologic Case in Horse and Culicoides Biting Midges, South Africa. Emerg Infect Dis 2025;31(7):1455–1459. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40563128/
  5. [5] Institut für Virologie und Immunologie (IVI), Schweiz – Neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe bei Rindern entdeckt, inkl. Update vom 25.08.2026 zum Erstnachweis bei zwei Pferden. https://www.ivi.admin.ch/de/neues-orthobunyavirus-der-simbu-serogruppe-bei-rindern-entdeckt
  6. [6] van der Walt M, Rakaki ME, MacIntyre C et al. – Identification and Molecular Characterization of Shamonda Virus in an Aborted Goat Fetus in South Africa. Pathogens 2023;12(9):1100. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37764908/
  7. [7] Institut Suisse de Médecine Equine (ISME), Bern und Avenches – Shamonda-like Virus beim Pferd (25.08.2026). https://isme.unibe.ch/forschung/neues_virus_beim_pferd/index_ger.html
  8. [8] GD Diergezondheid – Dossier „Shamonda-like" virus (Nachweise Niederlande ab Mitte August 2026, Belgien betroffen). https://www.gddiergezondheid.nl/Actueel/Dossiers/Shamonda-like-virus
  9. [9] van Eeden C, Williams JH, Gerdes TG et al. – Shuni virus as cause of neurologic disease in horses. Emerg Infect Dis 2012;18(2):318–321. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22305525/
  10. [10] Motlou TP, Venter M – Shuni Virus in Cases of Neurologic Disease in Humans, South Africa. Emerg Infect Dis 2021;27(2):565–569. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33496223/
  11. [11] Subissi L, Otieno JR, Ruis C et al. – Oropouche virus: transmission, epidemiology, genetic diversity, and public health implications. EClinicalMedicine 2026;95:103871. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42058505/

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