Was ist eigentlich das ISG-Syndrom?
Wenn ein Pferd "hinten nicht klar geht", schlecht durch den Rücken arbeitet oder im Galopp Probleme macht, fällt schnell der Begriff Iliosakralgelenk – kurz ISG. Gemeint ist ein Sammelbegriff für Schmerzen und Funktionsstörungen rund um das Kreuz-Darmbein-Gelenk, der genau deshalb so tückisch ist: Die Symptome sind unspezifisch, und echte ISG-Pathologie lässt sich nur schwer sicher nachweisen.
Das ISG verbindet das Kreuzbein (Os sacrum, der verschmolzene Teil der Wirbelsäule über dem Becken) mit dem Darmbein (Os ilium, dem großen flügelförmigen Beckenknochen). Es handelt sich um eine sogenannte Amphiarthrose – ein straffes Gelenk mit nur minimaler Beweglichkeit, das durch kräftige Bänder stabilisiert wird: die dorsalen und ventralen Sakroiliakalbänder sowie das breite Kreuz-Sitzbein-Band (Ligamentum sacrotuberale latum). Funktionell ist diese Region eine zentrale Schaltstelle: Hier wird die Schubkraft der Hinterhand auf den Rumpf übertragen – Grundvoraussetzung für Untertreten, Versammlung und Tragkraft.
Wie es zu ISG-Problemen kommt
Weil das ISG so stark belastet und gleichzeitig kaum beweglich ist, leidet es vor allem unter Überlastung und plötzlicher Krafteinwirkung. Typische Auslöser sind akute Bandverletzungen (Desmitis der Sakroiliakalbänder), chronische Überlastung im Training, asymmetrische Belastung sowie degenerative Veränderungen am Gelenk selbst.
ISG-Beschwerden sind besonders bei Dressur- und Springpferden beschrieben; in der klinischen Studie von Dyson und Murray waren diese Disziplinen signifikant überrepräsentiert, ebenso Warmblüter und größere, schwerere Pferde [1]. Auslöser können auch Stürze, Ausrutschen oder Hängenbleiben mit der Hinterhand sein – das gilt als Praxiserfahrung und ist nicht in Studien quantifiziert. Schmerzen aus der ISG-Region können sowohl primär als auch in Verbindung mit anderen orthopädischen Problemen auftreten [1]. Genau diese Verknüpfung macht das Thema komplex: Ein ISG-Problem steht selten völlig isoliert.
Symptome: meist unspezifisch
Das größte Problem für Pferdebesitzer ist, dass es kein eindeutiges Leitsymptom gibt. Häufig zeigen betroffene Pferde eine undeutliche, wechselnde oder schwer einzuordnende Hinterhandlahmheit, einen schleichenden Leistungsabfall und vor allem Rittigkeitsprobleme [1].
Typisch sind Schwierigkeiten, mit der Hinterhand unterzutreten, Taktunreinheiten, Probleme im Galopp und bei fliegenden Galoppwechseln, Widersetzlichkeit sowie Schwierigkeiten beim Rückwärtsrichten und bergauf. In der bislang größten klinischen Untersuchung zu ISG-Region-Schmerz (296 Pferde) hatte nur etwa jedes siebte Pferd ausschließlich ein ISG-Problem – bei rund 85 Prozent fanden sich zusätzliche Schmerzquellen, etwa Lahmheiten oder Rückenschmerz [2]. Wenn dein Pferd hinten unklar geht, ist das ISG also selten die ganze Geschichte.
Oft wird die asymmetrisch wirkende Kruppe als "Beweis" angeführt. Hier ist Vorsicht geboten: Der sogenannte "hunter's bump" – eine Vorwölbung im Bereich der Tuber sacrale (der knöchernen Höcker beidseits oben am Becken) – ist nicht zwangsläufig krankhaft. Und es geht auch andersherum: In der klinischen Studie von Dyson und Murray waren die Tubera sacrale bei 95 Prozent der Pferde mit nachgewiesenem ISG-Schmerz äußerlich symmetrisch [1]. Eine schiefe Kruppe ist also weder notwendig noch hinreichend für ein ISG-Problem – viele leistungsfähige, schmerzfreie Pferde haben eine solche Kontur aus rein anatomischen oder muskulären Gründen. Ein "hunter's bump" allein rechtfertigt keine ISG-Diagnose.
Diagnostik: ehrlich gesagt schwierig
Beim ISG gibt es kein einfaches Verfahren, das die Diagnose mit einem Bild beweist. Das liegt an der Anatomie: Das Gelenk liegt tief, von dicken Muskel- und Bandschichten überlagert. Eine aussagekräftige Bildgebung des ISG selbst ist beim großen, schweren Pferd technisch stark limitiert.
Die Abklärung beginnt deshalb mit einer gründlichen klinischen Lahmheitsuntersuchung, der Palpation von Tuber sacrale und Tuber coxae sowie Beweglichkeits- und Provokationstests. Ergänzend kommen die diagnostische Anästhesie der ISG-Region (peri- oder intraartikuläre Injektion) und bildgebende Verfahren zum Einsatz. Für die ultraschallgeführte Injektion der ISG-Region sind mehrere Zugänge beschrieben [4]. Wichtig zu wissen: Diese Injektionen landen zuverlässig neben dem Gelenk – in Untersuchungen an verstorbenen Pferden wurde nur ein kleiner Teil der Injektionen tatsächlich im Gelenkspalt platziert [6]. Man behandelt also realistisch die ISG-Region, nicht punktgenau das Gelenk. Zur Beurteilung der Bänder dient der Ultraschall, zur Aufdeckung aktiver knöcherner Prozesse die Szintigraphie. Ultraschalltechnik und normale anatomische Darstellung der ISG-Region beim Pferd sind beschrieben [3]. Die Beurteilung bleibt aber anspruchsvoll: Schon bei gesunden Pferden schwanken Faserbild, Echogenität und Dicke der Bänder stark – eine leichte bis mittelgradige Bandentzündung lässt sich allein per Ultraschall kaum sicher diagnostizieren [3].

Genauso wichtig wie der Nachweis ist der Ausschluss anderer Ursachen. Viele Befunde, die im Laienbereich als "ISG blockiert" interpretiert werden, sind nicht gesichert. Differentialdiagnosen wie Kissing Spines (dicht stehende Dornfortsätze der Wirbelsäule), echte Hintergliedmaßenlahmheiten und eine proximale Fesselträgererkrankung müssen zuerst sauber ausgeschlossen oder mitbewertet werden, bevor man die Kruppe verantwortlich macht.
Behandlung und Management
Die gute Nachricht zuerst: Viele Pferde mit ISG-Beschwerden lassen sich mit einem durchdachten Management gut weiternutzen. Im Mittelpunkt steht meist kontrollierte Bewegung und gezieltes Hinterhand- und Rückentraining, oft physiotherapeutisch begleitet. Für gezielte Mobilisationsübungen ("Karottendehnungen" und ähnliche Baucheinzieh-Übungen) ist belegt, dass sie den Querschnitt des tiefen Rückenmuskels M. multifidus vergrößern und Seitenunterschiede verringern – in einer kleinen Studie an acht Pferden über drei Monate [5]. Das ist kein direkter ISG-Nachweis, aber ein guter Grund, Rumpf- und Rückenmuskulatur konsequent mitzutrainieren.
Bewährt haben sich in der Praxis Stangenarbeit, Bergauf-Training und Übungen, die das aktive Untertreten der Hinterhand fördern – das gilt als praxisbewährt, auch wenn nicht jede Einzelmaßnahme durch harte Studienendpunkte abgesichert ist. Tierärztlich kommen je nach Befund peri- oder intraartikuläre Injektionen sowie die Stoßwellentherapie zum Einsatz. Beides ist etablierte Praxis; belastbare kontrollierte Studien zur Wirksamkeit speziell im ISG-Bereich fehlen bislang. Konkrete Medikamenten-Dosierungen gehören dabei in die Hand des behandelnden Tierarztes und nicht in einen Magazinartikel.
Mindestens ebenso entscheidend sind zwei oft unterschätzte Faktoren: ausreichend Zeit für die Heilung und ein ehrlicher Check von Sattel und Reiter. Ein schlecht passender Sattel oder eine dauerhaft einseitige Reiterhilfe kann eine ISG-Problematik unterhalten oder vortäuschen.
Ergänzende Fütterung
Beim ISG-Syndrom steht das Management klar im Vordergrund, einen spezifischen "ISG-Nährstoff" gibt es nicht. Bei der begleitenden Erhaltung von Muskulatur und Bewegungsapparat können eine bedarfsgerechte Eiweißversorgung mit hochwertigen Aminosäuren sowie eine ausreichende Versorgung mit Vitamin E und Selen sinnvoll sein – diese werden traditionell zur Unterstützung der Muskelfunktion eingesetzt. Eine Überversorgung mit Selen ist allerdings schädlich, weshalb Gaben nur nach Blutbild und tierärztlicher Empfehlung erfolgen sollten. Ein direkter therapeutischer Effekt einzelner Zusätze auf das ISG ist nicht belegt.
Prognose: differenziert betrachten
Pauschale Prognosen verbieten sich. Pferde mit klarer Diagnose, konsequentem Training und gutem Management sind in vielen Fällen wieder gut belastbar. Chronische Fälle dagegen erfordern oft ein Dauermanagement – also langfristig angepasstes Training, regelmäßige Kontrolle und manchmal wiederholte Behandlungen. Der Verlauf hängt unter anderem davon ab, ob begleitende orthopädische Probleme vorliegen und erkannt werden [7]. Je früher du auf wechselnde Hinterhandprobleme reagierst, desto eher lässt sich die Ursache sauber einordnen.
Wann zum Tierarzt?
Anhaltende Hinterhand- oder Rittigkeitsprobleme sind ein Fall für die tierärztliche Lahmheitsdiagnostik – und zwar bevor "auf Verdacht" behandelt wird. Gerade weil das ISG selten isoliert betroffen ist und die Bildgebung limitiert bleibt, ist die strukturierte Untersuchung mit Ausschluss von Differentialdiagnosen der einzig verlässliche Weg.
Fazit
Das ISG-Syndrom ist real, aber oft überdiagnostiziert: Eine schiefe Kruppe oder ein "hunter's bump" reicht nicht als Beweis. Wer bei wechselnden Hinterhandproblemen früh eine fundierte Lahmheitsuntersuchung machen lässt und nicht blind "die Blockade lösen" will, hat die besten Chancen, dem Pferd wirklich zu helfen.
Quellen
- [1] Dyson S, Murray R – Pain associated with the sacroiliac joint region: a clinical study of 74 horses. Equine Vet J 2003;35(3):240–245. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12755425/
- [2] Barstow A, Dyson S – Clinical features and diagnosis of sacroiliac joint region pain in 296 horses: 2004–2014. Equine Vet Educ 2015;27(12):637–647. https://doi.org/10.1111/eve.12377
- [3] Engeli E, Yeager AE, Erb HN, Haussler KK – Ultrasonographic technique and normal anatomic features of the sacroiliac region in horses. Vet Radiol Ultrasound 2006;47(4):391–403. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16863059/
- [4] Cousty M, Rossier Y, David F – Ultrasound-guided periarticular injections of the sacroiliac region in horses: a cadaveric study. Equine Vet J 2008;40(2):160–166. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18089470/
- [5] Stubbs NC, Kaiser LJ, Hauptman J, Clayton HM – Dynamic mobilisation exercises increase cross sectional area of musculus multifidus. Equine Vet J 2011;43(5):522–529. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21496085/
- [6] Stack JD, Bergamino C, Sanders R, Fogarty U, Puggioni A, Kearney C, David F – Comparison of two ultrasound-guided injection techniques targeting the sacroiliac joint region in equine cadavers. Vet Comp Orthop Traumatol 2016;29(5):386–393. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27468977/
- [7] Nagy A, Quiney L, Dyson S – Long-term outcome of 84 horses with sacroiliac joint region pain with (n=69) or without (n=15) other orthopaedic problems. Equine Vet Educ 2020;32(S10):129–135. https://doi.org/10.1111/eve.13057
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