Wie sich Headshaking zeigt – und wie du es von Fliegenabwehr unterscheidest

Typisch sind heftige, meist vertikale Kopfschläge – ruckartig nach oben, oft so, als hätte das Pferd plötzlich eine Biene an der Nase; die aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt die Kopfbewegungen als überwiegend vertikal [7], und in der australischen Erhebung war „Kopf hoch und runter werfen" mit 79,6 % das häufigste Einzelsymptom [8]. Wichtig für dich: Auch horizontales Schütteln (der Kopf pendelt von links nach rechts) und rotierendes Kopfschlagen gehören zum Headshaking dazu [13]. Wenn dein Pferd „nur" horizontal schlägt, ist das also kein Argument gegen die Diagnose. Als besonders aussagekräftiges Zeichen gilt in der Klinik das stromschlagartige Zucken, bei dem der Kopf unwillkürlich nach oben schnellt – je häufiger es auftritt, desto schwerer ist das Pferd nach klinischer Erfahrung betroffen [13]. Dazu kommen Schnauben, das Reiben der Nase an Gegenständen, am eigenen Bein oder am Boden, ein Schlagen in Richtung des eigenen Gesichts sowie das Ausweichen vor Licht und Wind. Häufig verstärken sich die Symptome unter Belastung und rund 60 % der Pferde zeigen sie vor allem im Frühjahr und Sommer [2]. Verlass dich darauf aber nicht: Nur etwa ein Viertel ist außerhalb der Saison wirklich beschwerdefrei [2], und in einer australischen Erhebung zeigten 41,6 % der Pferde ganzjährig Symptome [8].

Erst reibt das Pferd die Nase am eigenen Vorderbein, dann folgt eine Form des Kopfschlagens. Das blitzartige, stromschlagartige Zucken, das zusätzlich auftreten kann, ist in diesem Clip nicht zu sehen.

Der Unterschied zur normalen Fliegenabwehr liegt in Intensität, Muster und Kontext. Fliegen wehrt ein Pferd gezielt und situativ ab; das Verhalten hört auf, sobald die Insekten weg sind. Beim Headshaking wirken die Schläge unkontrolliert, wiederholen sich in Serien und treten auch ohne Insekten auf – etwa bei Sonnenlicht, Wind oder unter dem Reiter. Genau diese scheinbar harmlosen Reize sind der entscheidende Hinweis.

Der Nervenschmerz dahinter: das trigeminus-vermittelte Headshaking

Beim sogenannten trigeminus-vermittelten Headshaking ist der große Gesichtsnerv, der Nervus trigeminus, überempfindlich geworden. Vereinfacht gesagt: Der Nerv feuert Schmerzsignale, obwohl der auslösende Reiz eigentlich harmlos ist. Berührung, Luftzug, Wind oder Sonnenlicht werden dann nicht als das wahrgenommen, was sie sind, sondern lösen blitzartige Schmerzattacken im Gesicht aus – ein neuropathischer Schmerz. Diese Pferde meiden meist helles Licht oder Wind.

Bei einem Teil der betroffenen Pferde lässt sich eine lichtinduzierte Form („photic headshaking") beobachten, bei der helles Sonnenlicht die Attacken triggert – erstmals 1995 an sieben Pferden beschrieben [9]. In Besitzerbefragungen ist grelles Licht der mit Abstand häufigste genannte Auslöser: 61 % in einer australischen Erhebung [8], rund 79 % in der britischen Prävalenzstudie [1]. Das gilt nicht nur für Sonne, sondern auch für grelles Licht auf Schnee im Winter [13]. Dass Licht triggert, ist gut belegt; warum es das tut, ist es nicht: Die lange favorisierte Erklärung – Licht reize den Sehnerv, und weil dessen Hirnkerne dicht neben denen des Trigeminus liegen, werde dieser gleich mitgereizt – gilt inzwischen wieder als fraglich [13]. Die aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt die Entstehung entsprechend als multifaktoriell und in der Ursache ungeklärt [7]. Auch strukturell lässt sich bisher nichts festmachen: In einer Untersuchung an sechs betroffenen Pferden fand sich kein Nervenschaden im Sinne einer Entmarkung, was für eine funktionelle Störung der Reizverarbeitung spricht [4].

Dass diese Übererregbarkeit tatsächlich messbar ist, zeigt eine Untersuchung der Tierärztlichen Hochschule Hannover an 60 Pferden: In Narkose wurde bestimmt, ab welcher Reizstärke der Nervus infraorbitalis überhaupt antwortet. Gesunde Pferde reagierten erst ab 15 mA, ein Teil der betroffenen Pferde dagegen schon bei 10 mA oder weniger – ein derart niedriger Schwellenwert kam bei keinem einzigen gesunden Pferd vor [17].

Kopf eines narkotisierten Pferdes mit drei beschrifteten Elektroden für die Messung sensibler Nervenaktionspotenziale am Nervus infraorbitalis: Erdung, Ableitung und Stimulation.
So wird gemessen, ab welcher Reizstärke der Nervus infraorbitalis antwortet: Das Pferd liegt dafür in Narkose, eine feine Nadelelektrode wird an den Nerv gesetzt. Messung sensibler Nervenaktionspotenziale: Platzierung der Elektroden, Ableitung mit bipolarer konzentrischer Nadelelektrode. – Abbildung aus: Nessler JN, Delarocque J, Kloock T, Twele L, Neudeck S, Meyerhoff N, Riese F, Cavalleri JV, Tipold A, Feige K, Niebuhr T. Sensory nerve conduction stimulus threshold measurements of the infraorbital nerve and its applicability as a diagnostic tool in horses with trigeminal-mediated headshaking. BMC Vet Res 2024;20:201. doi.org/10.1186/s12917-024-04068-x. Lizenziert unter CC BY 4.0. Änderung: Bildunterschrift aus dem Englischen übersetzt.

Ein Test für die Praxis ist das allerdings nicht. Die Messung erfasste nur 41 % der betroffenen Pferde – ein normaler Schwellenwert schließt Headshaking also nicht aus –, sie setzt eine Vollnarkose voraus, und sie kann nicht unterscheiden, ob hinter dem Kopfschlagen eine Grunderkrankung steckt oder nicht [17]. Ihr Wert liegt woanders: Sie zeigt, dass dem Verhalten eine messbare Veränderung am Nerv zugrunde liegt.

Für den Alltag ist die wichtigste Botschaft: Es handelt sich um Schmerz, nicht um Böswilligkeit.

Headshaking ist eine Ausschlussdiagnose

Das ist der wichtigste Satz des ganzen Artikels: Bevor die Diagnose „trigeminus-vermitteltes“ oder „idiopathisches“ Headshaking überhaupt gestellt werden darf, muss alles andere ausgeschlossen sein [5]. Kopfschlagen ist ein Symptom, kein fertiger Befund. Viele andere, teils gut behandelbare Probleme können dasselbe Bild machen.

Was systematisch abgeklärt gehört:

Diese Liste ist bewusst eine Auswahl: Insgesamt sind nach klinischer Einschätzung rund 60 Erkrankungen beschrieben, die Kopfschlagen auslösen können [13]. Erst wenn nichts davon die Ursache ist, bleibt die Diagnose des idiopathischen bzw. trigeminus-vermittelten Headshakings übrig [5]. Zwei Dinge solltest du dabei wissen. Erstens: Die Suche gleicht der Nadel im Heuhaufen. In einer Auswertung von 240 Headshaking-Pferden an der Tierärztlichen Hochschule Hannover fand sich nur bei 6 % tatsächlich eine zugrunde liegende, behandelbare Ursache [11]; die Klinik selbst beziffert es aus dem Praxisalltag auf etwa 5 bis 10 % [13]. Die große Mehrheit landet am Ende bei „idiopathisch". Zweitens: Nach Anamnese und klinischer Untersuchung lieferte die Computertomografie des Kopfes 9 von 10 der klinisch relevanten Befunde; die übrigen Verfahren brachten kaum zusätzlichen Erkenntnisgewinn [11]. Sprich deine Tierärztin also früh auf ein CT an, statt eine lange Kette von Einzeluntersuchungen zu durchlaufen – das spart Zeit, Geld und deinem Pferd Narkosen. Und die gute Nachricht für die kleine Gruppe mit gefundener Ursache: In derselben Auswertung besserten sich alle diese Pferde nach gezielter Behandlung [11].

Was du im Alltag konkret tun kannst

Hier hast du echten Einfluss. Der rote Faden lautet: Reize managen statt strafen.

Führe ein Auslöser-Tagebuch. Notiere über mehrere Wochen Jahreszeit, Tageszeit, Wetter (Sonne, Wind), Lichtverhältnisse, Art der Arbeit und Futter – und wie stark die Symptome jeweils waren. Fang damit möglichst früh an: Die ersten Anzeichen sind meist so dezent, dass sie dem Reiter, dem Gebiss oder einem schlechten Tag zugeschrieben werden. In Besitzerbefragungen erinnern sich viele im Nachhinein, dass ihr Pferd das eigentlich schon ein bis zwei Jahre vorher immer mal wieder gezeigt hat [13]. Dieses Protokoll ist Gold wert für die tierärztliche Einordnung und zeigt dir, welche Situationen du meiden kannst.

Setze auf physikalischen Reizschutz. Ein Nasennetz ist die Maßnahme mit der besten Kosten-Nutzen-Bilanz und auf den meisten Turnieren erlaubt [2]. Es wirkt wie eine Gegenreizung: Ähnlich wie du auf einen Insektenstich drückst, um den Juckreiz zu dämpfen, erzeugt das Netz eine ständige leichte Reibung auf der Nase und hemmt so den Schmerzreiz [13] – ein Mechanismus, den die Fachliteratur der Gate-Control-Theorie zuordnet [2]. In einer Feldstudie an 36 Pferden berichteten rund 75 % der Besitzer über irgendeine Besserung, etwa 60 % über eine Besserung von mindestens der Hälfte [10]. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Bewertet haben die Besitzer selbst, und es gab keine Placebogruppe – die Zahlen sind also eher zu optimistisch als zu vorsichtig. Und auf seitliches Kopfschlagen hatte das Netz in derselben Studie keinen nachweisbaren Effekt [10].

Erwarte von der Maske weniger, als du denkst. Eine UV-/Fliegenmaske mit Augenschutz wird bei lichtempfindlichen Pferden häufig empfohlen – die Datenlage dazu ist aber schwach und uneinheitlich. In einer australischen Befragung nutzten 104 Besitzer eine solche Maske; nur 3,8 % hielten sie für wirksam, wenn sie allein eingesetzt wurde, 50 % für unwirksam [8]. Über verschiedene Studien hinweg reichen die berichteten Erfolgsquoten von 2 % bis über 50 % [8]. Auch getönte Kontaktlinsen für Pferde, gewissermaßen die Sonnenbrille, haben sich in der Klinik nicht bewährt: Sie müssen tagelang drinbleiben und gehen häufig verloren [13]. Beide Maßnahmen sind günstig und risikoarm, ein Versuch lohnt sich also – aber erwarte keine Wunder und ändere immer nur eine Sache auf einmal, sonst weißt du hinterher nicht, was gewirkt hat.

Zwei Dinge, die einen Versuch wert sind – mit ehrlicher Einordnung. Manche Besitzer lassen die oberflächlich verlaufenden Nervenbahnen am Kopf mit elastischem Tape bekleben. Die Überlegung dahinter ist dieselbe wie beim Nasennetz: ein sanfter Dauerreiz auf der Haut, der die Schmerzsignale überlagert. Belegt ist das allerdings nicht – zu Taping bei Headshaking gibt es keine einzige Studie, und die wenigen kontrollierten Untersuchungen am Pferd betreffen Gliedmaßen und Rücken. Beide fanden keinen messbaren Effekt [14][15]. Entscheidend ist ohnehin dein Pferd: Es muss sich am Kopf entspannt anfassen lassen. Berührung im Gesicht ist ein anerkannter Auslöser [7] – wenn schon das Aufkleben oder Abziehen Stress macht oder die Attacken verstärkt, lass es. Und lass dir die Anlage einmal von einer geschulten Therapeutin zeigen und beobachte dein Pferd, ob es hinterher entspannter wirkt.

Anatomisch geschnittene Trensen setzen woanders an: Ihr Nasenriemen sitzt höher und ist so geformt, dass er die Region freilassen soll, in der der Gesichtsnerv dicht unter der Haut verläuft – also genau dort, wo ein klassisches Reithalfter aufliegt. Die Überlegung ist anatomisch begründet, und dass Nasenriemen auf dem Gesicht messbaren Druck erzeugen, ist gut belegt [16]. Dass ein bestimmter Schnitt Headshaking bessert, ist dagegen nicht klar gezeigt – die kursierenden Prozentangaben dazu stammen aus dem Handel und haben keine Datengrundlage. Wichtiger als die Bauform ist ohnehin, wie fest du verschnallst: In der Messung stieg der Druck vor allem mit der Enge des Nasenriemens, während sich die getesteten Riementypen untereinander kaum unterschieden [16]. Ab einem Finger Spielraum und enger nahm er deutlich zu [16]. Weniger als anderthalb Finger Platz zwischen Nasenrücken und Riemen ist damit die Grenze, ab der es messbar eng wird – unabhängig vom Modell. Besonders lohnt der Blick auf die Zäumung, wenn dein Pferd vor allem unter dem Sattel schlägt und auf der Weide vergleichsweise ruhig ist [2][13].

Nutze die Tageszeit. Wenn Licht und Insekten die Auslöser sind, verlege Weidegang und Arbeit in die dämmrigen Tagesrandzeiten am frühen Morgen oder Abend. Schattige Unterstände und der Verzicht auf Training in der prallen Mittagssonne entlasten das Pferd zusätzlich.

Vermeide, was es schlimmer macht. Nicht nur die Passform zählt, sondern auch die Einwirkung: Härtere Gebisse, mehr Hebelwirkung, Ausbinder oder gar Bestrafung sind kontraproduktiv: Sie erhöhen Druck und Schmerz im ohnehin überempfindlichen Gesichtsbereich und können die Attacken verstärken. Weniger Reiz und mehr Ruhe sind der bessere Weg.

Tierärztliche Optionen – nüchtern eingeordnet

Über das Management hinaus gibt es medizinische Ansätze, die aber in tierärztliche Hand gehören und keine Wundermittel sind. Eines vorweg, weil es der häufigste Fehlgriff ist: Die üblichen Schmerz- und Entzündungshemmer helfen hier nach klinischer Erfahrung nicht. Was bei einer Lahmheit zuverlässig wirkt, greift beim neuropathischen Schmerz nicht, weil der Schmerz nicht aus entzündetem Gewebe kommt, sondern vom Nerv selbst ausgeht [13]. Spar dir also den Versuch auf eigene Faust. Gegen den Nervenschmerz werden stattdessen andere Medikamente eingesetzt, die auf die Erregbarkeit des Nervs zielen; einzelne sind verschreibungspflichtig und dürfen nur nach tierärztlicher Verordnung gegeben werden. Rechne dabei mit einem Haken: Diese Wirkstoffe können müde machen – die Fachliteratur hält ausdrücklich fest, dass dann im Einzelfall geprüft werden muss, ob das Pferd überhaupt noch sicher zu reiten und zu handhaben ist [2][13]. Dosierungen gehören in die Hand der behandelnden Tierärztin oder des behandelnden Tierarztes.

Zu Magnesium gibt es immerhin eine kontrollierte Studie: In einem Fütterungsversuch über 42 Tage schlugen die Pferde unter Magnesium seltener mit dem Kopf als bei reiner Heufütterung, in Kombination mit Bor noch etwas seltener [12]. Zwei Haken gehören dazu. Erstens waren es nur sechs betroffene Pferde aus einer einzigen Arbeitsgruppe, und eine unabhängige Bestätigung fehlt bis heute. Zweitens senkte schon das pelletierte Trägerfutter ohne Magnesium das Kopfschlagen um 44 % – mit Magnesium waren es 52 %, mit Magnesium und Bor 64 % [12]. Ein Teil des Effekts geht also auf die Futterumstellung selbst zurück, nicht auf das Mineral. Wenn du Magnesium ergänzt, lass den Magnesiumspiegel im Blut tierärztlich kontrollieren, damit er nicht zu hoch wird [5].

Wichtig für Turnierpferde: Hier ist die Lage eindeutig. Der Einsatz dieser Medikamente ist im Wettkampf nicht erlaubt [2]. Dasselbe gilt nach tierärztlicher Einschätzung für jeden Eingriff, der die Schmerzleitung des Nervs ausschaltet – das fällt im weitesten Sinne unter eine Neurektomie und ist im Pferdesport nicht zulässig [13]. Starten darfst du dein Pferd also nur, wenn es weder entsprechende Medikamente bekommt noch einen solchen Eingriff hinter sich hat. Welche Karenzzeit im Einzelfall gilt, ändert sich regelmäßig – kläre das vor jedem Start mit deiner Tierärztin und gleiche es mit der aktuellen Anti-Doping- und Medikamentenkontroll-Liste der FN ab.

Zwei Mittel, die regelmäßig gegeben werden – und was dazu bekannt ist. Hochdosiertes Kortison (Dexamethason) wurde als einziges Headshaking-Medikament in einer verblindeten, placebokontrollierten Studie geprüft. Die Pferde bekamen über vier Monate alle drei Wochen einen viertägigen Stoß – und unterschieden sich am Ende in nichts von der Placebogruppe [18]. Warum es trotzdem oft zu wirken scheint, erklären die Autoren nüchtern: Die Symptome schwanken ohnehin mit der Jahreszeit, und wer eine Besserung erwartet, nimmt sie eher wahr. Zum Risiko: Bei stoffwechselgesunden Pferden ist Kortison weniger gefährlich als sein Ruf, aber bei EMS, Cushing oder Rehe in der Vorgeschichte sieht das anders aus – und eine über Monate wiederholte Stoßtherapie ist etwas anderes als eine Einzelgabe. Ein Risiko ohne belegten Nutzen ist ein schlechtes Geschäft.

Bei Vitamin B12 ist die Lage anders, aber nicht besser: Dazu gibt es beim Pferd keine einzige Studie. Die Idee dahinter ist dabei nicht abwegig. In der Humanmedizin wird B12 durchaus gezielt weit über den Normalbereich hinaus gegeben, und zwar nicht, um einen Mangel aufzufüllen, sondern als Medikament – bei der Nervenerkrankung ALS ist ein solches hochdosiertes Präparat in Japan seit 2024 sogar regulär zugelassen [19]. Nur trägt der Vergleich beim Headshaking an drei Stellen nicht. Die Menge: In der Zulassungsstudie bekamen die Patienten 50 mg zweimal pro Woche – auf ein 550-Kilo-Pferd umgerechnet wären das etwa 400 mg je Injektion, ein Vielfaches dessen, was gängige Präparate überhaupt hergeben. Die Form: Gewirkt hat dort Methylcobalamin, während beim Pferd fast immer Cyanocobalamin gespritzt wird. Das Ziel: B12 soll Nervenhüllen erhalten und geschädigte Nerven regenerieren – beim trigeminus-vermittelten Headshaking fand man aber gerade keinen strukturellen Nervenschaden [4]. Der Nerv ist überempfindlich, nicht kaputt. Immerhin ist B12 gut verträglich und Überschüssiges wird ausgeschieden: Anders als beim Kortison steht dem fehlenden Nachweis wenigstens kein nennenswertes Risiko gegenüber. Wenn dir eines von beidem vorgeschlagen wird, frag in Ruhe nach, worauf sich die Erwartung stützt.

Bei den apparativen Verfahren steht die perkutane elektrische Nervenstimulation (PENS/EquiPENS) im Fokus, bei der der betroffene Nerv gezielt gereizt wird, um seine Überempfindlichkeit zu dämpfen. In einer Fallserie an 168 Pferden mit insgesamt 530 Behandlungen lag die Komplikationsrate bei 8,8 %, und bis auf einen Fall waren die Komplikationen mild und vorübergehend. Nach dem üblichen Dreier-Zyklus gingen 53 % der Pferde (72 von 136) in Remission – die hielt im Median allerdings nur 9,5 Wochen an, bei einer enormen Spanne von zwei Tagen bis 156 Wochen [3]. Rechne also fest mit Auffrischungsbehandlungen statt mit einer einmaligen Sache; kehrten die Symptome zurück, sprachen die meisten Pferde auf weitere Behandlungen erneut an, meist sogar länger als beim Mal davor [3]. Zur Einordnung: Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, und ob es dem Pferd besser ging, haben die Besitzer selbst beurteilt [3]. Und ehrlicherweise ist bis heute nicht geklärt, warum das Verfahren überhaupt wirkt [3][13]. Fachkliniken bieten das Verfahren als Spezialistenbehandlung an und ordnen die Erfolgsaussichten realistisch ein [6].

Operative Eingriffe am Nerv sind ebenfalls beschrieben, gelten in der Klinik inzwischen aber kaum noch als echte Option [13]. Der Grund ist einleuchtend, wenn du an eine Zahnarztbetäubung denkst: Der Schmerz ist weg, aber das taube, pelzige Gefühl bleibt – und genau diese Fehlempfindung bringt Pferde dazu, sich Nase und Oberkiefer so heftig zu scheuern, dass sie sich verletzen [13]. In Zahlen: Bei der beidseitigen Nervendurchtrennung war der Eingriff nur bei 3 von 19 Pferden erfolgreich, schwere Nebenwirkungen waren häufig. Bei der schonenderen Kompression des Nervs mit kleinen Spiralen lag die Erfolgsquote bei rund 50 % von 57 Pferden, gut ein Viertel bekam einen Rückfall – und 4 von 58 Pferden mussten wegen nicht abklingender Selbstverletzung eingeschläfert werden [2]. Diese letzte Zahl solltest du kennen, bevor du über einen solchen Eingriff nachdenkst.

Woran gerade geforscht wird. Weil die vorhandenen Optionen so unbefriedigend sind, richtet sich die Forschung inzwischen dorthin, wo der Kern des Problems liegt: auf die Überempfindlichkeit des Nervensystems selbst. Ein Ansatzpunkt sind die NMDA-Antagonisten – Wirkstoffe, die genau jene zentrale Sensibilisierung dämpfen, die die erniedrigte Reizschwelle des Trigeminus erklärt. Ketamin, sonst als Narkosemittel bekannt, ist der einzige Vertreter dieser Gruppe, der beim Pferd überhaupt zugelassen ist – allerdings für die Narkose, nicht gegen Schmerzen. Seit Ende 2025 sind erste Arbeiten erschienen, die niedrige, nicht narkotisierende Dosierungen beim Pferd systematisch vermessen: wie der Wirkstoff aufgenommen und wieder abgebaut wird, und wie unsicher die Pferde dabei in der Bewegung werden [20][21]. Genau diese Wackeligkeit ist der Grund, warum solche Dosierungen so sorgfältig untersucht werden. Für dich heißt das im Moment vor allem eines: Das ist Grundlagenforschung, keine Behandlungsoption. Zu Headshaking gibt es dazu bislang keine einzige Untersuchung. Aber es zeigt, dass sich in dem Feld etwas bewegt – und dass die nächste Generation von Ansätzen eher am überempfindlichen Nervensystem ansetzen wird als am Nerv selbst.

Tierschutz und Ehrlichkeit

Hier ist Ehrlichkeit wichtiger als Trost. Außerhalb der kleinen Gruppe mit auffindbarer Grunderkrankung gilt Headshaking als nicht heilbar; nur etwa 5 % der Pferde kommen von selbst in eine dauerhafte Beschwerdefreiheit [2]. Wie der Verlauf über die Jahre weitergeht, ist bislang nicht systematisch untersucht – Langzeitstudien dazu fehlen [2]; die Klinikerfahrung spricht eher für eine langsame Verschlechterung als für eine Besserung [13]. Trotzdem berichtet in Nachbefragungen fast die Hälfte der Besitzer, es sei besser geworden – nach tierärztlicher Einschätzung nicht, weil die Erkrankung zurückgeht, sondern weil sie nach der Diagnose ihr Management umgestellt haben: mehr Halle statt Platz, Reiten in der Dämmerung, weniger Druck im Training [13]. Genau darin liegt die eigentlich gute Nachricht: Du hast erheblichen Einfluss darauf, wie sehr dein Pferd unter der Erkrankung leidet, auch wenn du sie nicht heilen kannst. Was du gleichzeitig realistisch einplanen solltest: Turnierpferde verschwinden nach der Diagnose meist innerhalb von ein bis zwei Jahren aus dem Sport [13]. Und es gibt schwere Fälle, in denen das Pferd unter den Attacken massiv leidet und ein Ritt für Pferd und Mensch gefährlich wird. Ist ein Pferd unter dem Sattel aber unkontrollierbar, ist Reiten schlichtweg nicht mehr vertretbar, und die Sicherheit geht vor. In den seltenen, wirklich aussichtslosen Verläufen gehört auch die Frage nach dem Wohl des Pferdes offen und ohne Schuldzuweisung auf den Tisch – gemeinsam mit dem Tierarzt. Das Leiden ernst zu nehmen ist kein Versagen, sondern Verantwortung.

Fazit

Headshaking ist in vielen Fällen ein neuropathischer Gesichtsschmerz und keine Charakterfrage. Der Schlüssel liegt in der sauberen Ausschlussdiagnostik und in einem geduldigen Reizmanagement, das Auslöser meidet, statt das Pferd zu bestrafen. Die Verläufe sind höchst unterschiedlich: Rund 60 % der Pferde zeigen einen saisonalen Verlauf, aber nur etwa ein Viertel ist außerhalb der Saison wirklich beschwerdefrei [2], und gut vier von zehn zeigen ganzjährig Symptome [8] – wer beobachtet, dokumentiert und früh tierärztlich abklären lässt, gibt seinem Pferd die besten Karten.

Quellen

  1. [1] Ross SE, Murray JK, Roberts VLH – Prevalence of headshaking within the equine population in the UK. Equine Vet J 2018;50(1):73–78. PMID 28608565. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28608565/
  2. [2] Roberts V – Trigeminal-mediated headshaking in horses: prevalence, impact, and management strategies. Vet Med (Auckl) 2019;10:1–8. PMID 30666296. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30666296/
  3. [3] Roberts VLH, Bailey M, EquiPENS Group, Patel NK – The safety and efficacy of neuromodulation using percutaneous electrical nerve stimulation for the management of trigeminal-mediated headshaking in 168 horses. Equine Vet J 2020;52(2):238–243. PMID 31461784. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31461784/
  4. [4] Roberts VL, Fews D, McNamara JM, Love S – Trigeminal nerve root demyelination not seen in six horses diagnosed with trigeminal-mediated headshaking. Front Vet Sci 2017;4:72. PMID 28555189. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28555189/
  5. [5] UC Davis Center for Equine Health – Trigeminal-mediated Headshaking. https://ceh.vetmed.ucdavis.edu/health-topics/trigeminal-mediated-headshaking
  6. [6] Royal Veterinary College (RVC) – PENS therapy for headshaking (Fact file). https://www.rvc.ac.uk/equine-vet/information-and-advice/fact-files/pens-therapy-for-headshaking
  7. [7] Aleman M, Morales CJ – Update on Idiopathic Trigeminal-Mediated Headshaking. Vet Clin North Am Equine Pract 2026;42(1):117–131. PMID 41723007. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41723007/
  8. [8] Bell T, Kyriazopoulou P, Mowbray C, Murphy BA – Equine Headshaking Syndrome: Triggers, Seasonality, and Treatment Efficacy in Australia. Animals (Basel) 2024;14(6):875. PMID 38539973. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38539973/
  9. [9] Madigan JE, Kortz G, Murphy C, Rodger L – Photic headshaking in the horse: 7 cases. Equine Vet J 1995;27(4):306–311. PMID 8536668. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8536668/
  10. [10] Mills DS, Taylor K – Field study of the efficacy of three types of nose net for the treatment of headshaking in horses. Vet Rec 2003;152(2):41–44. PMID 12553579. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12553579/
  11. [11] Kloock T, Hellige M, Kloock A, Feige K, Niebuhr T – Impact of Different Diagnostic Procedures on Diagnosis, Therapy, and Outcome in Horses with Headshaking. Animals (Basel) 2022;12(22):3125. PMID 36428354. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36428354/
  12. [12] Sheldon SA, Aleman M, Costa LRR, Weich K, Howey Q, Madigan JE – Effects of magnesium with or without boron on headshaking behavior in horses with trigeminal-mediated headshaking. J Vet Intern Med 2019;33(3):1464–1472. PMID 30990929. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30990929/
  13. [13] Feige K, Tenz I – Headshaking. Pferdemedizin heute, Podcast der Gesellschaft für Pferdemedizin, Folge 7, 06.04.2022 – fachliche Einschätzung von Prof. Dr. Karsten Feige, Direktor der Klinik für Pferde der Tierärztlichen Hochschule Hannover; keine Studie. https://gpm-vet.de/de/service/podcast/296-7-headshaking
  14. [14] Zellner A, Bockstahler B, Peham C – The effects of Kinesio Taping on the trajectory of the forelimb and the muscle activity of the Musculus brachiocephalicus and the Musculus extensor carpi radialis in horses. PLoS One 2017;12(11):e0186371. PMID 29166657. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29166657/
  15. [15] Ericson C, Stenfeldt P, Hardeman A, Jacobson I – The Effect of Kinesiotape on Flexion-Extension of the Thoracolumbar Back in Horses at Trot. Animals (Basel) 2020;10(2):301. PMID 32069962. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32069962/
  16. [16] MacKechnie-Guire R, Murray R, Williams JM, Nixon J, Fisher M, Fisher D, Walker V, Clayton HM – Noseband type and tightness level affect pressure on the horse's face at trot. Equine Vet J 2025;57(3):774–788. PMID 39305099. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39305099/
  17. [17] Nessler JN, Delarocque J, Kloock T, Twele L, Neudeck S, Meyerhoff N, Riese F, Cavalleri JV, Tipold A, Feige K, Niebuhr T – Sensory nerve conduction stimulus threshold measurements of the infraorbital nerve and its applicability as a diagnostic tool in horses with trigeminal-mediated headshaking. BMC Vet Res 2024;20:201. PMID 38750534. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38750534/
  18. [18] Tomlinson JE, Neff P, Boston RC, Aceto H, Nolen-Walston RD – Treatment of idiopathic headshaking in horses with pulsed high-dose dexamethasone. J Vet Intern Med 2013;27(6):1551–1554. PMID 24627899. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24627899/
  19. [19] Oki R, Izumi Y, Fujita K et al.; JETALS Collaborators – Efficacy and Safety of Ultrahigh-Dose Methylcobalamin in Early-Stage Amyotrophic Lateral Sclerosis: A Randomized Clinical Trial. JAMA Neurol 2022;79(6):575–583. PMID 35532908. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35532908/
  20. [20] Rangel A, Sellon DC, Sanz MG, Pinnell E, Pietras ZM, Villarino NF – Pharmacokinetics and Safety of a Single Subcutaneous or Intramuscular Dose of Ketamine in Healthy Horses. J Vet Pharmacol Ther 2025;49(2):141–149. DOI 10.1111/jvp.70037. https://doi.org/10.1111/jvp.70037
  21. [21] Vandaele Z, Flyps J, Cuypers C, De Baere S, Devreese M, Schauvliege S – Pharmacokinetics of Intramuscularly Administered Ketamine at Subanaesthetic Dosage in Horses. J Vet Pharmacol Ther 2026. DOI 10.1111/jvp.70070. https://doi.org/10.1111/jvp.70070

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