Der Paradigmenwechsel: Von pauschal zu gezielt
Jahrzehntelang galt die Faustregel: alle 8 bis 12 Wochen eine Wurmkur, für alle Pferde im Bestand. Diese strategische Intervall-Entwurmung ist heute überholt. An ihre Stelle tritt die selektive Entwurmung – ein Ansatz, der auf Kotprobenuntersuchung basiert und nur die Pferde behandelt, die tatsächlich einen relevanten Parasitenbefall zeigen.
Das Prinzip: Du sammelst Kotproben, schickst sie ins Labor zur mikroskopischen Untersuchung mittels McMaster- oder Mini-FLOTAC-Methode, und bekommst das Ergebnis als Eier pro Gramm Kot (EpG). Pferde mit einer Eiausscheidung von 200 EpG oder mehr gelten als behandlungsbedürftig – alle anderen bleiben unbehandelt [1]. Die McMaster-Methode hat eine Nachweisgrenze von etwa 50 EpG; die Mini-FLOTAC-Methode ist sensitiver (ab 10 EpG oder weniger) und wird mittlerweile in vielen Laboren als Standard eingesetzt und durch die ESCCAP empfohlen.
Was nach Mehraufwand klingt, verfolgt zwei klare Ziele: unnötige Medikamentenbelastung vermeiden und die Entwicklung von Anthelminthika-Resistenzen verlangsamen [2]. Denn was viele Pferdebesitzer unterschätzen: Die Wirkstoffe, die wir heute haben, sind die letzten ihrer Art.
Warum selektiv? Die wissenschaftlichen Gründe
Resistenzen sind keine Zukunftsmusik – sie sind da
Intestinale Strongyliden, besonders die Kleinen Strongyliden (Cyathostominae), sind die relevantesten Endoparasiten beim Pferd [3]. Und genau hier liegt das Problem: In einer französischen Studie mit 688 Pferden zeigte Fenbendazol (ein Benzimidazol) nur noch 42,8 % Wirksamkeit – die Resistenzrate lag also bei über 57 % [4]. In Irland wurde auf 12 von 14 Betrieben Benzimidazol-Resistenz nachgewiesen, mit Eizahlreduktionen zwischen 0 und 86 % [5]. In Brasilien versagten Benzimidazole auf über der Hälfte der untersuchten Höfe [6]. Insgesamt zeigt sich: In vielen Beständen liegt die Benzimidazol-Resistenz über 50 %, in stark belasteten Beständen sogar über 90 %.
Auch Pyrantel zeigt zunehmend Wirkungslücken – in der französischen Studie lag die Wirksamkeit nur bei etwa 70 % (intermediär) [4]. Gegen Bandwürmer (Anoplocephala perfoliata) wirkt Pyrantel zudem nur in doppelter Dosis (13,2 mg/kg statt der üblichen 6,6 mg/kg) – in der Praxis hat sich daher die Kombination mit Praziquantel durchgesetzt.
Und selbst bei den Makrozyklischen Laktonen (Ivermectin, Moxidectin) – lange als sicher wirksam betrachtet – gibt es Frühwarnzeichen: Die sogenannte Egg Reappearance Period (ERP), also die Zeit bis neue Eier im Kot erscheinen, hat sich bei Ivermectin deutlich verkürzt – von ehemals 8–12 Wochen auf heute oft nur 4–6 Wochen [5][6]. Das ist noch kein vollständiges Versagen, aber ein frühes Resistenzzeichen.
Keine neuen Wirkstoffe in Sicht
Die letzte neue Wirkstoffklasse für die Entwurmung beim Pferd wurde in den 1980er Jahren eingeführt: die Makrozyklischen Laktone. Seither kam nichts nach. Wenn wir die vorhandenen Wirkstoffe durch übermäßigen Einsatz unbrauchbar machen, stehen wir ohne Alternativen da.
Jungpferde: Hier ist Vorsicht lebensrettend
Bei erwachsenen Pferden dominieren die relativ harmlosen Kleinen Strongyliden. Bei Fohlen und Jungpferden unter drei Jahren sieht es anders aus: Große Strongyliden wie Strongylus vulgaris können durch Larvenwanderung in den Blutgefäßen des Darms Thromboembolien und Darminfarkte verursachen – potenziell tödlich. Hier ist konsequente, häufigere Entwurmung kein Luxus, sondern Überlebensstrategie. Doch nicht nur bei Jungpferden ist Strongylus vulgaris ein Thema – auch bei erwachsenen Pferden könnte er durch die veränderte Entwurmungspraxis bald wieder relevanter werden.

Die fast vergessene Erkrankung könnte zurückkommen
In den 1970er und 1980er Jahren war die Verminöse Arteritis durch Strongylus vulgaris eine gefürchtete Erkrankung – jeder ältere Tierarzt kennt die Fälle. Mit der Massenentwurmung der folgenden Jahrzehnte verschwand sie fast vollständig. Genau das könnte sich jetzt ändern.
Strongylus vulgaris hat eine Pre-patente Periode von etwa sechs Monaten: In dieser Zeit wandern die Larven durch die Darmarterien des Pferdes, ohne dass Eier im Kot erscheinen. Eine normale Kotprobenuntersuchung findet sie also nicht. Genau hier liegt das Risiko der reinen selektiven Entwurmung: Pferde mit niedriger Eiausscheidung (unter 200 EpG) gelten als nicht behandlungsbedürftig – können aber dennoch wandernde S.-vulgaris-Larven beherbergen.
Eine dänische Studie (Nielsen et al. 2012) zeigte den Zusammenhang direkt: Auf Höfen mit reiner selektiver Therapie lag die S.-vulgaris-Prävalenz bei 15,4 % auf Pferd- und 83,3 % auf Hof-Ebene – auf Höfen mit strategischer Entwurmung nur bei 7,7 % bzw. 38,9 % [7]. Wichtig: Eine schwedische Folgestudie (Tydén et al. 2019) ergänzte das Bild – wenn die selektive Therapie um eine Larvenkultivierung (Differenzierung von Klein- und Großstrongyliden im Labor) ergänzt wird, verschwindet dieser Risikoanstieg [8].
Klinisch zeigt sich ein S.-vulgaris-Befall am häufigsten als Kolik durch Larvenmigration in den Mesenterialarterien. In seltenen Fällen ist auch eine aortoiliakale Thrombose beschrieben, die belastungsabhängige Hinterhand-Lahmheit verursachen kann – die Kausalität durch S. vulgaris gilt hier historisch als wahrscheinlich, in der aktuellen Literatur aber als nicht eindeutig bewiesen [9].
Wichtig zur Einordnung: Es ist nicht Resistenz, die dieses Risiko treibt. Makrozyklische Laktone (Ivermectin, Moxidectin) sind gegen S. vulgaris weiterhin hochwirksam. Das Problem ist die zu seltene Behandlung asymptomatischer Träger. Genau deshalb gilt: Entweder die jährliche strategische Winterentwurmung mit Moxidectin beibehalten, auch wenn die Kotprobe negativ ist – oder die selektive Therapie um eine Larvenkultivierung beim Labor erweitern.
Der Frust ist real: Was Besitzer nervt
Aufwand
Früher: Tube rein, fertig. Heute: Kotproben von mindestens drei Haufen über drei Tage sammeln (idealerweise), in Probengefäße füllen, beschriften, ins Labor schicken, auf Ergebnis warten, auswerten, gegebenenfalls behandeln. Wer mehrere Pferde hat, multipliziert den Aufwand.
Falsch-negative Ergebnisse
Die McMaster-Methode hat eine Nachweisgrenze von etwa 50 EpG. Niedrige Ausscheider werden nicht erfasst. Du investierst Zeit und Geld, das Ergebnis lautet "negativ" – und drei Monate später zeigt dein Pferd doch Symptome oder die Kontrolle ist plötzlich hochpositiv. Frustrierend.
Kosten
Eine Kotprobenuntersuchung kostet je nach Umfang zwischen 20 und 60 Euro: Die reine Strongyliden-Untersuchung (McMaster-Methode) liegt bei 15–30 Euro, das komplette Profil mit Bandwurm- und Lungenwurmnachweis (Baermann-Wetzel) ca. 40–60 Euro. Bei drei Pferden und zwei Untersuchungen pro Jahr summiert sich das schnell auf 200–360 Euro – plus die Kosten für die tatsächlich notwendigen Entwurmungsmittel.
Sozialer Druck im Stall
Wenn du selektiv entwurmst und dein Stallnachbar pauschal alle drei Monate behandelt (oder umgekehrt), entstehen Konflikte. "Dein Pferd steckt meins an" ist ein Satz, den viele selektiv Entwurmende schon gehört haben – obwohl die Studienlage zeigt, dass gerade die selektive Strategie langfristig die Parasitenlast im Bestand senkt [2]. Ebenso gibt es weiterhin Ställe die ohne Konzept im Blindflug entwurmen oder ganz auf die Entwurmung verzicheten.
Das Kompromissmodell: Pragmatisch und evidenzbasiert
Hier kommt die gute Nachricht: Du musst dich nicht zwischen Ideal und Frustration entscheiden. Wer nicht 3–4-mal pro Jahr selektiv entwurmen kann oder will – sei es aus Kostengründen, wegen des Aufwands oder weil die Stallgemeinschaft nicht mitmacht –, fährt mit einem häufig angewendeten Kompromiss gut: eine jährliche strategische Behandlung gegen eingekapselte Larvenstadien und Bandwürmer plus gezielte Kotproben im Frühjahr und Herbst [10].
Dezember/Januar: Strategische Winterentwurmung für alle
Einmal im Jahr – idealerweise im Winter, wenn die Weidekontamination minimal ist – bekommen alle Pferde im Bestand eine Entwurmung mit Moxidectin (einem Makrozyklischen Lakton mit besonders langer Wirkung gegen eingekapselte Larvenstadien der Kleinen Strongyliden) in Kombination mit Praziquantel gegen Bandwürmer. Diese strategische Behandlung reduziert die Parasitenlast im gesamten Bestand und schützt die Pferde vor encysted Small Strongyles – Larvenstadien, die in der Darmwand eingekapselt sind und bei massenhaftem Schlüpfen lebensbedrohliche Koliken auslösen können.
Ein zweiter Grund spricht für die Winterentwurmung mit Moxidectin oder Ivermectin: die Dasselfliegen-Larven. Im Spätsommer und Herbst legen Dasselfliegen (Gasterophilus spp.) ihre gelben Eier an die Beine und Mähne des Pferdes. Beim Belecken nimmt das Pferd die Eier auf, die Larven schlüpfen im Maul und wandern in den Magen. Dort heften sie sich mit kräftigen Mundhaken an der Magenschleimhaut fest – bevorzugt im Bereich des Margo plicatus, also genau in der Region, in der auch fütterungs- und stressbedingte Magengeschwüre (Equine Squamöse Magenerkrankung, ESGD) entstehen [11]. Die Larven verursachen dort typischerweise multifokale, runde Geschwüre mit hyperplastischen Rändern und können bestehende ESGD-Läsionen verschlimmern [12]. Bei den meisten Pferden bleibt der Befall klinisch unauffällig, bei starkem Befall oder bei Pferden mit ohnehin angegriffener Magenschleimhaut kann er aber zu Symptomen wie Leistungsabfall, unspezifischen Koliken oder verschlechtertem Allgemeinbefinden beitragen. Ivermectin und Moxidectin wirken zuverlässig gegen die Larven. Die ideale Behandlungszeit ist nach dem ersten starken Frost – dann fliegen die adulten Dasselfliegen nicht mehr und es kommt zu keiner Neuinfektion mehr.
Frühjahr: Erste gezielte Kotprobe
Drei Wochen nach Weidegang-Beginn nimmst du eine Sammelkotprobe – idealerweise vom gesamten Bestand gleichzeitig. Nur Pferde mit 200 EpG oder mehr werden behandelt. Diese Schwelle hat sich in der Praxis als Faustregel etabliert: Die meisten erwachsenen Pferde sind natürlicherweise Niedrig-Ausscheider (0–200 EpG) und tragen kaum zur Weidekontamination bei [3].
Herbst: Zweite gezielte Kotprobe
Vor dem Aufstallen wiederholst du die Kotprobenuntersuchung. Wieder werden nur die Pferde behandelt, die den Schwellenwert überschreiten.
Jungpferde: Sonderregelung
Pferde unter drei Jahren entwurmst du häufiger – etwa viermal pro Jahr mit Wirkstoffrotation. Ihre Immunität gegen Parasiten baut sich erst auf, und das Risiko durch Große Strongyliden ist höher.
Ältere Pferde und PPID (Cushing): individuell überwachen
Pferde mit klinischem PPID (Cushing) scheiden tendenziell mehr Strongylideneier aus – ein Grund für engmaschigere Kotproben, nicht für pauschal häufigeres Entwurmen. Für reine Insulindysregulation (EMS) ist ein solcher Zusammenhang nicht belegt.
Bei der Festlegung des Entwurmungsintervalls verdient der endokrine Status älterer Pferde besondere Beachtung. Pferde mit klinisch manifestem PPID (Equines Cushing-Syndrom) scheiden im Mittel mehr Strongylideneier aus und zeigen teils eine verkürzte Eireaktivierungsperiode nach der Behandlung [21][23][24] – vermutlich infolge einer altersbedingt bzw. cortisolvermittelt eingeschränkten Immunabwehr. Die Befunde sind allerdings nicht einheitlich: Bei subklinischem PPID ließ sich kein Unterschied zu gesunden Pferden nachweisen [22], und auch unter klinisch auffälligen Tieren bleiben einzelne Pferde durchgängig Niedrigausscheider [23]. Für die reine Insulindysregulation (EMS) ist ein Zusammenhang mit der Wurmbürde bislang nicht belegt [24]. Praktisch bedeutet das: Eine endokrine Erkrankung rechtfertigt keine pauschal häufigere Entwurmung, wohl aber eine engmaschigere individuelle Kotprobenüberwachung, um tatsächliche Hochausscheider gezielt zu behandeln – ganz im Sinne der selektiven Entwurmung [25].
Welche Parasiten werden überhaupt erfasst?
Die Standard-McMaster-Untersuchung deckt die häufigsten Magen-Darm-Parasiten ab: Kleine und Große Strongyliden, Spulwürmer (Parascaris), Hakenwürmer und Zwergfadenwürmer. Drei wichtige Parasiten brauchen aber spezielle Verfahren:
Bandwürmer (Anoplocephala perfoliata): Werden im McMaster oft übersehen, weil ihre Eier nur intermittierend ausgeschieden werden. Sicherer ist eine ELISA-Speichelprobe oder serologische Untersuchung. Daher die jährliche Praziquantel-Behandlung im Winter, auch ohne FEC-Befund.
Lungenwürmer (Dictyocaulus arnfieldi): Vor allem bei Pferden, die mit Eseln gemeinsam grasen – Esel sind der natürliche Wirt mit etwa 30 % asymptomatischer Trägerquote. Beim Pferd verursachen sie chronischen Husten und Leistungsabfall – oft fälschlich als Equines Asthma diagnostiziert. Der Standard-McMaster-Test übersieht Lungenwürmer; nötig ist eine Untersuchung mit dem Baermann-Wetzel-Larvenauswanderungsverfahren. Behandlung mit Ivermectin oder Moxidectin.
Strongylus vulgaris: Die gefährlichste Wurmart wegen Larvenmigration in den Darmarterien. Standard-Kotproben erfassen sie zwar bei adulten Würmern, ihre Pre-patente Periode beträgt aber 6 Monate – wandernde Larven werden also nicht erfasst. Für sichere Detektion gibt es heute PCR-basierte Untersuchungen, die aber teurer sind.

Wirkstoffklassen und Rotation: Nicht nach Produktname
Viele Pferdebesitzer wechseln zwischen verschiedenen Produktnamen und glauben, damit zu rotieren. Entscheidend ist aber die Wirkstoffklasse:
- Benzimidazole (Fenbendazol, Mebendazol) – in vielen Beständen bereits stark resistenzbelastet
- Tetrahydropyrimidine (Pyrantel) – intermediäre Wirksamkeit in einigen Regionen; gegen Bandwürmer nur in doppelter Dosis (13,2 mg/kg statt 6,6 mg/kg) wirksam
- Makrozyklische Laktone (Ivermectin, Moxidectin) – derzeit noch die zuverlässigste Klasse, aber verkürzte Egg Reappearance Period als Frühwarnzeichen beachten
Rotiere zwischen diesen Klassen, nicht zwischen Herstellern desselben Wirkstoffs. Alle Entwurmungsmittel sind verschreibungspflichtig und sollten nach tierärztlicher Verordnung eingesetzt werden.
Vorsicht beim Entwurmen, wenn Hunde Zugang zum Stall oder Auslauf haben: Beim Eingeben der Paste geht fast immer etwas daneben, und schon kleine heruntergefallene Reste eines auf 500-kg-Pferde dosierten makrozyklischen Laktons (Ivermectin, Moxidectin) können für einen Hund eine massive Überdosis bedeuten – bei Rassen mit MDR1-(ABCB1-)Defekt wie Collies und Australian Shepherds drohen schon geringste Mengen schwere neurologische Vergiftungen [26].
Eine Wurmgruppe, die von der klassischen Pferdewurmkur übrigens komplett unbeeindruckt bleibt, sind die Leberegel – beim Pferd selten, aber unter bestimmten Bedingungen relevant.
Leberegel: Selten, aber in feuchten Lagen ein Thema
Der große Leberegel (Fasciola hepatica) ist beim Pferd deutlich weniger relevant als bei Rindern und Schafen. In Deutschland gelten Leberegelinfektionen bei Pferden als selten: Nach Auskunft des Laboklin-Labors (Bad Kissingen) werden in weniger als einem Prozent der im Sedimentationsverfahren untersuchten Pferdekotproben Leberegeleier nachgewiesen [13]. In anderen europäischen Ländern liegt die Prävalenz höher: In Großbritannien zeigte eine Schlachthof-Studie eine Seroprävalenz von 8,7 % bei 183 untersuchten Pferden, mit adulten Egeln in der Leber bei 2,2 % (Howell et al. 2020) [14]. Für die Schweiz wird die Prävalenz bei Pferden offiziell als „unbekannt“ angegeben (Equinella) [15], in Irland wurde an einer Schlachthof-Stichprobe eine Prävalenz von 9,5 % geschätzt (Quigley et al. 2017) [16].
Pferde sind keine optimalen Wirte für Leberegel: Viele Infektionen verlaufen impatent — das heißt, der Egel kann sich im Pferd nicht vollständig entwickeln und scheidet nur gelegentlich oder gar keine Eier aus. Klinisch bleibt der Befall in den meisten Fällen unauffällig. Bei symptomatischer Erkrankung sind die Anzeichen unspezifisch: Gewichtsverlust trotz guter Fütterung, Leistungsabfall, Inappetenz, gelegentlich Durchfall, leichte Anämie, in schweren Fällen Ikterus. Im Blutbild fallen erhöhte Leberenzyme auf (GGT, GLDH, SDH).
Wann solltest du an Leberegel denken?
- Feuchte Weide mit Bach, Tümpel oder sumpfigen Stellen – das ist der Lebensraum der Zwergschlammschnecke (Galba truncatula) als Zwischenwirt
- Gemeinsame oder rotierende Beweidung mit Rindern oder Schafen
- Unspezifische Klinik wie oben beschrieben
- Auffällige Leberwerte ohne andere erklärende Ursache
Diagnose: Die normale McMaster-Methode reicht nicht – für Leberegel ist eine spezielle Sedimentationsmethode mit explizitem Hinweis ans Labor nötig. Aber auch dann ist die Nachweissicherheit niedrig: Die Sensitivität des Sedimentationsverfahrens liegt nach Angaben der Landwirtschaftskammer NRW bei nur etwa 30 %, weil viele Pferdeinfektionen impatent verlaufen und die Eiausscheidung unregelmäßig ist [17]. Aus diesem Grund empfehlen sich wiederholte Kotproben und größere Probenmengen (ca. 40 g statt der üblichen 5–10 g). Serologische Tests (ELISA) sind beim Pferd weniger zuverlässig als beim Rind. Laut der Schweizer Meldeplattform Equinella ist seit 2025 ein neuer serologischer ELISA mit hoher Spezifität (97 %) verfügbar, der sich vor allem zum Ausschluss einer Infektion eignet – die Originalpublikation liegt uns nicht vor [15].
Behandlung: In Deutschland ist kein Präparat zur Leberegel-Behandlung beim Pferd zugelassen. Tierärzte greifen im Umwidmungsverfahren auf Triclabendazol oder Closantel zurück – beides streng off-label und ausschließlich tierärztliche Sache. Wichtig zu wissen: Die Standard-Pferde-Wurmkuren (Ivermectin, Moxidectin, Fenbendazol, Pyrantel, Praziquantel) wirken nicht gegen Leberegel. Und auch hier kündigt sich ein bekanntes Muster an: 2023 wurde in Deutschland erstmals eine Triclabendazol-Resistenz von Fasciola hepatica auf einem von elf untersuchten Schafbetrieben dokumentiert (Kahl et al. 2023) [18] – ein Hinweis darauf, dass auch der wichtigste Wirkstoff gegen Leberegel nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen wird. Insgesamt gilt der Leberegel beim Pferd als unterschätzte, in feuchten Regionen wiederkehrende Erkrankung, die bei unklaren Leberwerten differenzialdiagnostisch bedacht werden sollte [19].
Der Resistenz-Test: FECRT
Der Eizahlreduktionstest (Fecal Egg Count Reduction Test, FECRT) ist derzeit die einzige verfügbare Methode, um Resistenzen beim Pferd zu diagnostizieren [20]. Das Prinzip: Du machst vor der Entwurmung eine Kotprobe, behandelst das Pferd, und 14 Tage später eine zweite Probe. Eine Eizahlreduktion von 95 % oder mehr gilt nach den aktuellen WAAVP-2023-Kriterien als wirksam – alles darunter weist auf beginnende oder bestehende Resistenz hin [20].
Praxis-Empfehlung: Führe den FECRT mindestens einmal pro Jahr bei einem der behandelten Pferde durch. So weißt du, ob deine Entwurmungsstrategie noch greift. Doch was bedeutet es eigentlich, wenn der Test Resistenz anzeigt – und was tust du dann?
Was heißt eigentlich „resistent" – und was tust du dann?
Resistent bedeutet: Die Würmer überleben die Behandlung. Eine Wurmkur, die früher 99 Prozent der Eiausscheidung reduziert hat, schafft heute vielleicht nur noch 40 Prozent – die übrigen Würmer geben ihre genetisch verankerte Widerstandsfähigkeit an die nächste Generation weiter. Das passiert auf deinem Hof, in deinem Pferd, und es ist in den allermeisten Fällen nicht umkehrbar: Einmal etablierte Resistenz bleibt bestehen.
Festgestellt wird sie typischerweise beim FECRT – wenn die zweite Kotprobe 14 Tage nach Behandlung statt der erwarteten 95-Prozent-Reduktion nur 70 oder 50 Prozent zeigt. Oder ganz praktisch: wenn dein Pferd kurz nach einer Wurmkur erneut hohe Eizahlen ausscheidet.
Was tust du dann?
- Tierarzt einbeziehen. Resistenz ist eine Diagnose, keine Vermutung – das gehört dokumentiert.
- Wirkstoffklasse wechseln, nicht nur das Produkt. Wenn ein Benzimidazol versagt, hilft ein anderes Benzimidazol nicht – wohl aber ein Makrozyklisches Lakton oder Pyrantel.
- Erneuter FECRT mit dem neuen Wirkstoff, um zu prüfen, ob er greift. Multi-Drug-Resistenz (= Resistenz gegen mehrere Klassen) kommt vor und ist die schwierigste Situation.
- Weidemanagement intensivieren. Wenn Wirkstoffe schwächeln, wird das Drumherum wichtiger: konsequentes Abäppeln, Wechselbeweidung, Stallhygiene.
- Im ganzen Bestand prüfen. Resistenz betrifft selten ein einzelnes Pferd – sie ist meist ein Bestandsproblem. Eine Untersuchung mehrerer Pferde gleichzeitig gibt das genauere Bild.
Die ehrliche Botschaft: Resistenz lässt sich verlangsamen, aber nicht zurückdrehen. Jede vermiedene unnötige Behandlung heute schützt die Wirksamkeit der wenigen Wirkstoffe, die wir morgen noch haben.
Weidemanagement: Die unterschätzte Säule
Selektive Entwurmung funktioniert nur in Kombination mit gutem Weidemanagement:
- Abäppeln mindestens zweimal pro Woche – reduziert die Larven auf der Weide massiv.
- Wechselbeweidung mit Rindern oder Schafen: Die meisten Pferdeparasiten sind wirtsspezifisch, Rinder und Schafe fressen die Larven mit, können sich aber nicht infizieren. Ausnahme: Trichostrongylus axei kann Pferd, Rind und Schaf gleichermaßen befallen – ist also keine streng wirtsspezifische Parasitose. Auch bei Fasciola hepatica (Großer Leberegel) ist Mischbeweidung auf feuchten Weiden theoretisch problematisch.
- Koppelrotation: Parasiten überleben auf der Weide begrenzt – nach mehreren Wochen ohne Pferde sinkt die Kontamination.
- Jungpferde getrennt weiden: Sie sind Hoch-Ausscheider und sollten nicht mit erwachsenen Pferden auf derselben Fläche grasen.
Was definitiv nicht funktioniert
Kräuter-Wurmkuren, Knoblauch-Fütterung gegen Würmer, homöopathische Entwurmung – für all das gibt es keine wissenschaftliche Evidenz beim Pferd. Knoblauch kann in hohen Dosen sogar eine Heinz-Körper-Anämie auslösen. Verlasse dich auf Methoden, die nachweislich wirken.
Fazit
Selektive Entwurmung ist kein Dogma – sie ist ein Werkzeug, um die Wirkstoffe zu schützen, die wir noch haben. Wenn dir der Aufwand zu hoch ist oder die Rahmenbedingungen im Stall schwierig sind, ist der pragmatische Kompromiss ein gangbarer Weg: strategische Winterentwurmung für alle (inklusive Schutz gegen eingekapselte Larven, Bandwürmer und Dasselfliegen), gezielte Kotproben im Frühjahr und Herbst, erhöhte Wachsamkeit bei Jungpferden. Kombiniert mit konsequentem Weidemanagement und regelmäßigen Resistenztests sicherst du deinem Pferd langfristig wirksame Parasitenbekämpfung – ohne in die Falle des pauschalen Über-Entwurmens zu tappen.
Quellen
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- [16] Quigley A, Sekiya M, Egan S, Wolfe A, Negredo C, Mulcahy G. 2017. „Prevalence of liver fluke infection in Irish horses and assessment of a serological test for diagnosis of equine fasciolosis." Equine Vet J 49(2):183–188. PMID 27037816. DOI: 10.1111/evj.12577. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27037816/
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- [18] Kahl A, von Samson-Himmelstjerna G, Helm C, Hodgkinson J, Williams D, Weiher W, Terhalle W, Steuber S, Ganter M, Krücken J. 2023. „Efficacy of flukicides against Fasciola hepatica and first report of triclabendazole resistance on German sheep farms." Int J Parasitol Drugs Drug Resist 23:94–105. PMID 38006779. DOI: 10.1016/j.ijpddr.2023.11.001. PMC10757264. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38006779/
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