Was ist PPID?
Die Pituitary Pars Intermedia Dysfunction – kurz PPID – ist eine chronische Hormonstörung älterer Pferde, die durch Degeneration dopaminerger Nervenzellen im Hypothalamus ausgelöst wird. Die moderne Bezeichnung PPID hat sich in der Veterinärmedizin gegenüber dem älteren Begriff „Equines Cushing-Syndrom" (ECS) durchgesetzt, auch wenn beide Namen noch parallel verwendet werden. Der Begriffswechsel hat einen fachlichen Grund: Beim klassischen Morbus Cushing des Menschen entsteht der Cortisol-Überschuss durch Adenome im vorderen Hypophysenlappen (Pars distalis), beim Pferd hingegen im Zwischenlappen (Pars intermedia) – daher der präzisere Name PPID.
Bei PPID verlieren Nervenzellen im Hypothalamus ihre hemmende Kontrolle über den Zwischenlappen der Hirnanhangsdrüse (Pars Intermedia). Dadurch kommt es zur Überproduktion von POMC-Peptiden – insbesondere ACTH (adrenocorticotropes Hormon), α-MSH und weiterer Botenstoffe. Dieser hormonelle Überschuss bringt zahlreiche Systeme des Körpers aus dem Gleichgewicht.
PPID ist nicht heilbar, aber mit moderner Medikation gut behandelbar. Frühzeitig erkannt und konsequent therapiert, können betroffene Pferde noch viele Jahre bei hoher Lebensqualität leben.
Wie häufig ist PPID?
Die Erkrankung ist eine typische Alterserscheinung und tritt bei Pferden über 15 Jahren deutlich häufiger auf als bei jüngeren Tieren. In dieser Altersgruppe liegt die Prävalenz bei etwa 21 bis 27 Prozent [1][2][3]. Bei Pferden über 30 Jahren steigt die Häufigkeit sogar auf bis zu 30 Prozent [4].
In der gesamten Pferdepopulation – unabhängig vom Alter – beträgt die Prävalenz etwa 2,9 Prozent [2]. Das klingt nach wenig, doch die Dunkelziffer ist hoch: Viele Besitzer erkennen subtile Frühsymptome nicht oder ordnen sie fälschlicherweise dem natürlichen Alterungsprozess zu [1].
Die einzige gesicherte Risikofaktor für PPID ist das zunehmende Alter [2]. Weder Rasse noch Geschlecht scheinen einen Einfluss zu haben – Ponys, Warmblüter, Vollblüter und andere Rassen können gleichermaßen betroffen sein.
Symptome: Das Fell erzählt die Geschichte
Das auffälligste und häufigste Frühsymptom von PPID ist der Hirsutismus: ein ungewöhnlich langes, lockiges Fell, das im Frühjahr oder Sommer nicht oder nur verzögert abgestoßen wird [1][3]. Oft beginnt der verzögerte Fellwechsel an den Beinen, unter dem Kehlgang oder am Unterbauch – Stellen, die leicht übersehen werden.
Weitere typische Anzeichen sind:
- Muskelverlust, besonders entlang der Rückenlinie (Epaxial-Muskulatur) und im Bereich des Halses – das Pferd wirkt trotz ausreichender Fütterung „eingefallen"
- Lethargie und verminderte Leistungsbereitschaft
- Polyurie und Polydipsie (vermehrtes Trinken und Urinieren) – bei etwa 30 Prozent der PPID-Pferde nachgewiesen [5]
- Abnormes Schwitzen oder umgekehrt fehlende Schweißproduktion (Anhidrose)
- Hufrehe-Schübe, besonders bei Pferden mit begleitender Insulindysregulation
- Infektanfälligkeit: häufigere Abszesse, verzögerte Wundheilung, chronische Hautinfektionen oder Atemwegserkrankungen – bei 35 Prozent der PPID-Pferde im Vergleich zu nur 11 Prozent gesunder alter Pferde [1]
- Zahnprobleme und schlechte Zahngesundheit [6]
In frühen Stadien können die Symptome subtil und unspezifisch sein. Selbst wenn kein ausgeprägter Hirsutismus sichtbar ist, können bereits hormonelle Entgleisungen vorliegen [3]. Daher lohnt sich bei älteren Pferden mit wiederkehrenden Infektionen, veränderter Leistung oder unerklärlichem Muskelabbau ein Bluttest.
Diagnostik: Basal-ACTH und TRH-Stimulation
Die Diagnose von PPID basiert auf der Kombination von klinischen Anzeichen, Alter des Pferdes und Laborwerten. Der häufigste Bluttest ist die Messung der basalen ACTH-Konzentration im Plasma.
Basaler ACTH-Wert: Dieser Test ist einfach, kostengünstig und in fortgeschrittenen Fällen von PPID sehr aussagekräftig. Allerdings unterliegen die ACTH-Werte starken saisonalen Schwankungen – von August bis November sind sie physiologisch erhöht, mit einem deutlichen Peak Ende September / Anfang Oktober [4]. In dieser Zeit ist die Aussagekraft des Tests deutlich reduziert, und falsch-positive Befunde sind häufiger.
TRH-Stimulationstest: Dieser dynamische Test ist insbesondere bei frühen oder subklinischen Fällen sensitiver als der basale ACTH-Wert und wird bei unklaren Befunden empfohlen [5]. Hierbei wird dem Pferd das Hormon Thyrotropin-Releasing-Hormon (TRH) intravenös verabreicht. Die ACTH-Konzentration wird 10 Minuten nach Injektion gemessen – aktuelle Empfehlungen betonen die Genauigkeit des Zeitpunkts, da bereits eine Minute Abweichung das Ergebnis beeinflussen kann [5]. Pferde mit PPID zeigen eine übermäßige ACTH-Antwort.
Der TRH-Test sollte nicht in den Herbstmonaten (etwa Mitte August bis Mitte November) durchgeführt werden, da in dieser Zeit die saisonalen ACTH-Schwankungen die Interpretation erschweren [5]. In den Herbstmonaten ist stattdessen der basale ACTH-Wert (mit saisonangepassten Referenzbereichen) die bessere Wahl.
Dexamethason-Suppressionstest: Wird seltener eingesetzt, da er aufwendiger ist und gegenüber ACTH-Messungen keine klaren Vorteile bietet.
Die Wahl des Tests hängt von der klinischen Verdachtsdiagnose, der Jahreszeit und den Möglichkeiten des Labors ab. Im Zweifelsfall sollte der Tierarzt konsultiert werden, um die beste Strategie zu finden.
Therapie: Pergolid als Goldstandard
Die medikamentöse Behandlung von PPID beruht auf dem verschreibungspflichtigen Wirkstoff Pergolid, einem Dopamin-Rezeptor-Agonisten. Pergolid ersetzt die fehlende dopaminerge Hemmung und reduziert die Überproduktion von ACTH und anderen POMC-Peptiden aus der Pars Intermedia.
Die Therapie muss lebenslang durchgeführt werden. Die Dosierung gehört in die Hand des behandelnden Tierarztes und wird individuell angepasst. Die meisten Pferde zeigen innerhalb von ein bis drei Monaten eine deutliche Verbesserung der klinischen Symptome – das Fell wird kürzer, die Muskulatur baut sich langsam wieder auf, Infektionen treten seltener auf [5].
Pergolid verbessert die meisten klinischen Symptome von PPID, hat aber nur begrenzten Einfluss auf Hufrehe [5]. Bei Pferden mit begleitender Insulindysregulation (ID) – also Hyperinsulinämie, Insulinresistenz und/oder gestörter glykämischer Antwort, die bei etwa 30 bis 60 Prozent der PPID-Pferde auftritt – kann Pergolid die Insulinregulation indirekt verbessern, aber eine spezifische diätetische und therapeutische Intervention bleibt notwendig [7].
Nebenwirkungen sind selten und meist mild – gelegentlich vorübergehende Appetitlosigkeit oder Durchfall in den ersten Tagen. Herzschädigende Effekte, wie sie bei Menschen beschrieben wurden, sind beim Pferd nicht nachgewiesen [5].
Management: Was du selbst tun kannst
Neben der medikamentösen Behandlung brauchen PPID-Pferde angepasstes Management, um Komplikationen zu verhindern und die Lebensqualität zu erhalten.
Fütterung
Pferde mit PPID und begleitender Insulindysregulation benötigen eine zuckerarme Fütterung mit einem Gehalt an nicht-strukturellen Kohlenhydraten (Zucker + Stärke) von unter 10 bis 12 Prozent in der Trockensubstanz [7]. Heu sollte analysiert oder gewässert werden, Weidegang je nach Insulin-Status eingeschränkt oder über eine Fressbremse reguliert werden.
Pferde mit PPID, die normalgewichtig sind und keine Insulindysregulation zeigen, können hingegen normal gefüttert werden – Senior-Futter und Weidegang sind hier unbedenklich [4]. Eine monatliche Kontrolle des Body Condition Score (BCS) durch den Besitzer hilft, Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
Fellpflege und Schur
Bei starkem Hirsutismus wird eine Schur empfohlen, vor allem im Sommer. Pferde mit langem Fell können ihre Körpertemperatur nicht ausreichend regulieren und leiden unter Hitzestress.
Hufpflege
Das Hufrehe-Risiko ist bei PPID-Pferden erhöht, insbesondere wenn zusätzlich eine Insulindysregulation vorliegt. Regelmäßige Hufpflege durch einen erfahrenen Hufschmied oder Hufpfleger ist daher unverzichtbar. Achte auf verstärkte Pulsation der Zehenarterien und veränderten Gang – beides sind Frühwarnsignale.
Zahnkontrolle und Parasitenprophylaxe
Die Infektanfälligkeit von PPID-Pferden erstreckt sich auch auf Zahnprobleme und erhöhte Parasitenlast. Halbjährliche Zahnkontrollen und ein konsequentes Entwurmungsmanagement nach Kot-Untersuchung (McMaster-Methode) sind sinnvoll.
Ergänzende Fütterung und Supplemente
Einige Nährstoffe werden in der Praxis bei PPID-Pferden ergänzend eingesetzt, auch wenn die wissenschaftliche Evidenz unterschiedlich stark ist.
Mariendistel wird traditionell bei älteren Pferden eingesetzt. Die Studienlage zur Wirksamkeit beim Pferd ist jedoch dünn – pharmakokinetische Daten zu Silymarin beim Pferd existieren, kontrollierte Wirksamkeitsstudien fehlen. Mariendistel sollte daher als begleitende Maßnahme, nicht als Therapieersatz betrachtet werden.
Vitamin E unterstützt die Nervenfunktion und wirkt antioxidativ. Da PPID mit oxidativem Stress und Neurodegeneration einhergeht, kann eine Supplementierung sinnvoll sein – insbesondere bei Pferden mit eingeschränktem Weidegang, die weniger frisches Gras (Hauptquelle für Vitamin E) aufnehmen.
Omega-3-Fettsäuren (z. B. aus Leinsamen oder Fischöl) können entzündungshemmende Effekte haben und die allgemeine Stoffwechselgesundheit unterstützen. Auch hier ist die Evidenz moderat, aber die Praxiserfahrung positiv.
Wichtig: Kein Supplement ersetzt die medikamentöse Therapie mit Pergolid. Vor der Gabe von Zusätzen sollte immer der Tierarzt konsultiert werden, um Wechselwirkungen und sinnvolle Dosierungen zu klären.
Prognose: PPID ist behandelbar
Die gute Nachricht: PPID ist kein Todesurteil. Mit konsequenter Therapie erreichen viele Pferde ein hohes Alter bei guter Lebensqualität. Eine retrospektive Studie der Purdue University an 132 PPID-Pferden und 274 alters- und rassematched Kontrollen zeigte: Pferde mit PPID wurden im Median mit 26 Jahren euthanasiert, die Kontrollpferde mit 24 Jahren – der Unterschied war statistisch nicht signifikant [6].
Was sich jedoch unterschied, war die Anzahl medizinischer Ereignisse: PPID-Pferde hatten häufiger Zahnprobleme, Hufrehe-assoziierte Hyperinsulinämie, schlechte Wundheilung und benötigten öfter NSAIDs [6]. Das bedeutet: Mit guter Betreuung können PPID-Pferde alt werden – aber sie brauchen mehr Aufmerksamkeit und Management als gesunde Pferde.
Die Früherkennung ist entscheidend. Je früher PPID diagnostiziert und behandelt wird, desto besser lassen sich Komplikationen wie Hufrehe, schwere Infektionen oder fortschreitender Muskelabbau verhindern. Ältere Pferde – besonders ab 15 Jahren – sollten regelmäßig auf Anzeichen wie verzögerten Fellwechsel, Muskelabbau oder vermehrtes Trinken beobachtet werden. Im Zweifelsfall lohnt sich ein Bluttest.
Fazit
PPID ist eine häufige, altersbedingte Hormonstörung, die bei über 20 Prozent der Pferde ab 15 Jahren auftritt. Hirsutismus – langes, lockiges Fell mit verzögertem Fellwechsel – ist das Leitsymptom, doch auch subtile Anzeichen wie Muskelverlust, Lethargie oder Infektanfälligkeit können auf PPID hinweisen.
Die Diagnose erfolgt über basale ACTH-Messung oder den sensitiveren TRH-Stimulationstest. Mit dem verschreibungspflichtigen Wirkstoff Pergolid lässt sich die Erkrankung gut behandeln – die meisten Pferde zeigen innerhalb weniger Monate deutliche Verbesserungen. Angepasstes Management mit zuckerarmer Fütterung bei Insulindysregulation, Schur bei starkem Fellwuchs und regelmäßiger Hufpflege unterstützt die Therapie.
PPID ist nicht heilbar, aber mit moderner Medizin und konsequentem Management können betroffene Pferde noch viele Jahre bei hoher Lebensqualität leben. Früherkennung und frühzeitiger Therapiebeginn sind der Schlüssel.
Quellen
- [1] McGowan CM, Frost RE, Pfeiffer DU, Neiger R. Prevalence, risk factors and clinical signs predictive for equine pituitary pars intermedia dysfunction in aged horses. Equine Vet J. 2013;45(1):74-79. PMID: 22594955. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22594955/
- [2] Ireland JL, McGowan CM. Epidemiology of pituitary pars intermedia dysfunction: A systematic literature review. Vet J. 2018;235:22-33. PMID: 29704935. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29704935/
- [3] Kirkwood NC, Hughes KJ, Stewart AJ. Prospective Case Series of Clinical Signs and ACTH Concentrations in Seven Horses Transitioning to PPID. Vet Sci. 2022;9(10):561. PMC9607114. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9607114/
- [4] Equine Endocrinology Group. Recommendations for the Diagnosis and Treatment of PPID. 2021. https://idppid.com/sites/default/files/clinical-research/2021%20EEG%20Recommendations%20(2)_1_0.pdf
- [5] Menzies-Gow NJ, Knowles EJ, Rogers I, Sherlock CE. BEVA primary care clinical guidelines: Diagnosis and management of equine pituitary pars intermedia dysfunction. Equine Vet Educ. 2024;36(12):e475-e483. https://beva.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/evj.14009
- [6] Stapley E, Gillespie-Harmon C, Waxman S, Farr A, Bertin FR. Horses diagnosed with pituitary pars intermedia dysfunction do not have shorter life expectancies but experience more medical events during their lifetime. J Am Vet Med Assoc. 2025;264(3):319-325. PMID: 41406612. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41406612/
- [7] Durham AE, Frank N, McGowan CM, Menzies-Gow NJ, Roelfsema E, Vervuert I, Feige K, Fey K. ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J Vet Intern Med. 2019;33(2):335-349. PMID: 30724412. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30724412/
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