Was heißt „kohlenhydratarm" beim Pferd?
Wenn von kohlenhydratarmer Pferdefütterung die Rede ist, geht es nicht darum, Kohlenhydrate generell zu reduzieren - denn die machen den Großteil der natürlichen Pferdenahrung aus. Es geht um die nicht-strukturellen Kohlenhydrate, kurz NSC (Non-Structural Carbohydrates).
NSC ist ein Sammelbegriff für die leicht verdaulichen Kohlenhydrate in der Nahrung: wasserlösliche Kohlenhydrate (WSC) - dazu zählen Zucker und Fruktan - sowie Stärke. Diese werden im Dünndarm oder durch bakterielle Fermentation im Dickdarm schnell aufgespalten und können den Blutzucker- und Insulinspiegel stark beeinflussen. Genau das ist bei Pferden mit Stoffwechselstörungen das Problem.
Strukturkohlenhydrate wie Zellulose und Hemizellulose aus Heu und Stroh hingegen werden im Dickdarm langsam zu flüchtigen Fettsäuren fermentiert und liefern die Hauptenergie eines gesunden Pferdes - sie stehen nicht zur Diskussion, wenn wir von „kohlenhydratarm" sprechen. Die Rohfaserbasis bleibt bestehen.
Wann ist eine NSC-Reduktion sinnvoll?
Nicht jedes Pferd braucht eine kohlenhydratarme Diät. Für gesunde Sportpferde mit normalem Insulinstoffwechsel ist eine moderate NSC-Aufnahme völlig unproblematisch. Anders sieht es bei Pferden mit bestimmten Erkrankungen oder Risikofaktoren aus.
Equines Metabolisches Syndrom (EMS)
Das zentrale Merkmal von EMS ist die Insulindysregulation (ID) - eine gestörte Regulation des Insulinstoffwechsels, die das Risiko für Hufrehe drastisch erhöht [1]. Die wichtigste therapeutische Maßnahme bei EMS ist eine angepasste Fütterung mit reduziertem NSC-Gehalt [1]. Das ECEIM-Konsensus-Statement von 2019 empfiehlt je nach Schweregrad der Insulindysregulation einen NSC-Gehalt von 10–12 % der Trockenmasse, bei Hochrisikopferden sogar unter 10 % [1]. Die neueren Empfehlungen der Equine Endocrinology Group von 2024 nennen für Heu durchgehend einen NSC-Gehalt unter 10 % und definieren NSC ausdrücklich als Summe aus wasserlöslichen Kohlenhydraten und Stärke [7].
Wichtig für die Praxis: Manche schwer betroffenen Pferde reagieren selbst auf solches Heu noch mit zu hohen Insulinwerten. Verlässlich zeigt das nur eine Insulinmessung etwa zwei Stunden nach der Fütterung - sie ist auch der Weg, ein neues Futter am einzelnen Pferd zu prüfen [7]. Im Winter liegen die Insulinwerte tendenziell höher; gerade dann also nicht mit NSC-reichen Futtern zufüttern [7].
PPID (Equines Cushing-Syndrom)
Auch Pferde mit Pituitary Pars Intermedia Dysfunction (PPID) entwickeln häufig eine Insulindysregulation und sind besonders anfällig für Hufrehe. Die Fütterungsprinzipien ähneln daher denen bei EMS - NSC-reduzierte Rationen sind Teil der Standardtherapie.
Hufrehe-Vorgeschichte
Pferde, die bereits eine oder mehrere Hufrehe-Episoden durchgemacht haben, sind besonders gefährdet. NSC-reiche Futtermittel und Weidegras können die Insulinreaktion verstärken und damit das Risiko für weitere Schübe erhöhen [2][3]. Eine dauerhafte NSC-Kontrolle ist hier präventiv notwendig.
PSSM (Polysaccharid-Speicher-Myopathie)
Bei dieser genetisch bedingten Muskelerkrankung führt eine übermäßige Einlagerung von Glykogen in der Muskulatur zu schmerzhaften Muskelschäden. Pferde mit PSSM Typ 1 profitieren von einer stärkearmen, fettreicheren Diät, bei der NSC aus Getreide drastisch reduziert wird.
Präventiv bei genetisch disponierten Rassen
Robustpferderassen wie Isländer, Shetlandponys, Fjordpferde, aber auch manche Quarter Horses und Morgan Horses neigen genetisch zur Insulindysregulation. Auch wenn (noch) keine Symptome vorliegen, kann eine moderate NSC-Kontrolle langfristig das Erkrankungsrisiko senken.
Heu als Basis: Warum die Analyse entscheidend ist
Heu ist das Fundament jeder pferdefreundlichen Fütterung - auch und gerade bei kohlenhydratarmer Diät. Doch Heu ist nicht gleich Heu. Der NSC-Gehalt variiert enorm je nach Schnitttermin, Grasart, Wetter und Düngung. NSC-Werte können in Weidegras über 400 g/kg Trockenmasse erreichen [3], in spät geschnittenem Heu deutlich darunter liegen.
Für Pferde mit Insulindysregulation ist eine Heuanalyse Pflicht, kein optionales Extra. Nur so weißt du verlässlich, ob dein Heu die empfohlenen Grenzwerte einhält. Einige Labore bieten kostengünstige Schnelltests speziell für Pferdeheu an - ESC (Ethanol-lösliche Kohlenhydrate, nur Zucker), WSC (wasserlösliche Kohlenhydrate, Zucker plus Fruktan) und Stärke werden dabei getrennt angegeben.
Heu einweichen: Faustregel mit Grenzen
Die Equine Endocrinology Group empfiehlt, Heu mindestens 60 Minuten in kaltem Wasser einzuweichen - immer dann, wenn die Analyse mehr als 10 % NSC ergibt oder gar keine Analyse vorliegt [7]. Wie viel das bringt, lässt sich allerdings kaum vorhersagen: In einer britischen Untersuchung verloren Heuproben nach bis zu 16 Stunden im Mittel 27 % ihrer wasserlöslichen Kohlenhydrate (WSC), die Spanne reichte aber von 6 bis 54 % - und mehrere Proben lagen danach immer noch über 10 % WSC [19]. Einweichen ist also eine Hilfe, keine Garantie. Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, kommst du um die Heuanalyse nicht herum - idealerweise vor und nach dem Einweichen.
Bedampfen ersetzt das Einweichen nicht: Im direkten Vergleich blieb der WSC-Gehalt von bedampftem Heu praktisch auf dem Niveau des trockenen Heus [20].
Wichtig: Eingeweichtes Heu muss zügig verfüttert werden. Im Sommer kann es innerhalb weniger Stunden verderben.
Stroh: der unterschätzte Baustein
Hygienisch einwandfreies Stroh enthält kaum Zucker und Stärke und wenig Energie. Die Equine Endocrinology Group führt es inzwischen ausdrücklich als Baustein der EMS-Ration: Bis etwa die Hälfte des Raufutters kann aus gutem Stroh bestehen, gemischt mit dem Heu [7]. In einer schwedischen Cross-over-Studie mit sechs Pferden veränderte ein Strohanteil von 50 % die Magenschleimhaut-Befunde nicht; die Fresszeit wurde länger, Energieaufnahme und Insulinwerte sanken [11]. Eine britische Studie an Native Ponies hat Stroh gezielt als Mittel zur Gewichtsabnahme untersucht [12].
Entscheidend sind die Randbedingungen: über mindestens zwei Wochen einschleichen, Kotabsatz und Kolikanzeichen beobachten [7], nur bei intaktem Gebiss - und nie als alleiniges Raufutter. Reine Strohfütterung war in einer früheren Feldstudie mit mehr Magengeschwüren verbunden [11].
Konzentratfutter: Was geht, was nicht?
Hafer, Gerste und Mais sind klassische Getreidefuttermittel - und für Pferde mit Insulindysregulation, EMS oder Hufrehe-Vorgeschichte tabu. Der hohe Stärkegehalt treibt den Insulinspiegel in die Höhe. Bei insulindysregulierten Pferden führen NSC-Mengen über 0,1 g/kg Körpergewicht pro Mahlzeit zu deutlich erhöhten Insulinreaktionen [4][8].
Das verschiebt den Blick vom Prozentwert auf die Menge: In einer Folgestudie mit pelletierten Futtern zwischen 7 und 45 % NSC reagierten insulindysregulierte Pferde ab etwa 0,11–0,12 g NSC je kg Körpergewicht pro Mahlzeit überhöht - unabhängig davon, wie NSC-arm das Futter selbst war [8]. Schon kleine Portionen von Futtern mit niedrigem bis mittlerem NSC-Gehalt können bei diesen Pferden unverhältnismäßig viel Insulin freisetzen [9].
Als Faustformel: Körpergewicht mal 0,1 g ergibt das NSC-Budget je Mahlzeit. Für ein 400-kg-Pferd sind das 40 g - bei einem Futter mit 7 % NSC rund 570 g Trockenmasse, bei 12 % rund 330 g, bei 22 % nur noch rund 180 g. Die Streuung zwischen einzelnen Pferden war in den Studien groß; die Formel ersetzt keine Insulinkontrolle am eigenen Pferd.
NSC-arme Alternativen
Unmelassierte Rübenschnitzel (Zuckerrübenschnitzel - nicht zu verwechseln mit der roten Speiserübe; vor dem Verfüttern eingeweicht) sind eine beliebte Energiequelle mit niedrigem NSC-Gehalt. Sie liefern gut verdauliche Pektine und Fasern, sind aber arm an Zucker und Stärke.
Heucobs und Heupellets aus spät geschnittenem Gras bieten strukturierte Energie ohne NSC-Spitzen - achte auf die Deklaration, nicht alle Produkte sind gleich NSC-arm. In einer Fütterungsstudie lösten kleine Mengen NSC-armer Heupellets bei insulindysregulierten Pferden keine überhöhte Insulinantwort aus: Sie lag auf dem Niveau eines NSC-armen Kontrollfutters, blieb aber höher als bei gesunden Pferden; größere Mengen sind noch nicht untersucht [10].
Sojaschalen sind ein faserreiches Nebenprodukt der Ölgewinnung, ebenfalls NSC-arm und mit moderatem Energiegehalt. Im Mittel enthalten sie rund 5 % Stärke und 2 % Zucker in der Trockenmasse; einzelne Chargen mit Kernresten liegen höher [15]. Bei Pferden blieben Verdaulichkeit und Kotbeschaffenheit bis zu einem Anteil von 28 % im Kraftfutter unauffällig [14].
Luzerneschnitzel liefern Protein und Kalzium, haben aber einen hohen Kalziumgehalt - bei dauerhafter Fütterung solltest du das Kalzium-Phosphor-Verhältnis im Blick behalten.
Pflanzliche Öle (Leinöl, Sojaöl, Reiskeimöl) sind eine Möglichkeit, die Energiedichte der Ration zu erhöhen, ohne NSC zuzuführen. Sie eignen sich besonders für Pferde mit hohem Energiebedarf, etwa Sportpferde in NSC-reduzierter Fütterung. Die Menge sollte langsam aufgebaut werden - starte mit 50 ml täglich und steigere über 2–3 Wochen. Da das Pferd keine Gallenblase besitzt und die Leber kontinuierlich Galle in den Darm leitet, muss das System erst an höhere Öl-Mengen gewöhnt werden. Größere Mengen von 300–400 ml pro Tag sind nur bei hohem Energiebedarf sinnvoll; Stoffwechselpferde mit Abnehmziel brauchen deutlich weniger - hier reichen oft 50–100 ml.
Entöltes Koprameal (Kokosmehl) ist eine weitere nicht-glykämische Energiequelle für stoffwechselsensible Pferde. Mit rund 11 % nicht-strukturellen Kohlenhydraten und sehr wenig Stärke lässt es den Blutzuckerspiegel nach der Fütterung praktisch unverändert - auf dem Niveau NSC-armer Weide; der Insulinanstieg fällt nur klein und vorübergehend aus (etwa 15–60 Minuten) und damit weit geringer als bei stärke- und zuckerreichem Kraftfutter [6]. Entscheidend ist aber die hohe Energiedichte über den Öl- und Faseranteil: Niedriger Zucker- und Stärkegehalt bedeutet nicht kalorienarm. Geeignet ist Koprameal daher vor allem für schlanke bis normalgewichtige Pferde mit gestörtem Stoffwechsel - etwa PPID-Pferde mit Gewichtsverlust -, die Energie ohne Stärke und Zucker aufnehmen sollen. Für übergewichtige EMS-Pferde, die abnehmen müssen, ist ein derart energiereiches Futter dagegen ungeeignet, auch wenn der NSC-Wert niedrig ist.

Weniger bekannte Alternativen im Überblick
Neben den Klassikern gibt es im deutschsprachigen Handel eine Reihe weiterer Futtermittel, die wenig Zucker und Stärke mitbringen. Die Tabellen trennen bewusst, was belegt ist und was nicht: Eine Quellennummer steht nur dort, wo eine Studie am Pferd, eine Leitlinie oder eine Futterwerttabelle die Aussage stützt. Wichtig bleibt die Mengenlogik von oben - auch ein NSC-armes Futter wird in großen Portionen zum Problem.
| Futtermittel | NSC-Einordnung | Wofür | Worauf achten | Beleg |
|---|---|---|---|---|
| Stroh (Weizen, Hafer, Gerste) | niedrig | Energie verdünnen, Fresszeit verlängern; bis etwa die Hälfte des Raufutters | nur hygienisch einwandfrei, über mindestens zwei Wochen einschleichen, Kotabsatz und Kolikanzeichen beobachten, intaktes Gebiss; nie als alleiniges Raufutter | [7][11][12] |
| Strohhäcksel, Strohcobs, Strohpellets | niedrig - sofern unmelassiert | wie Stroh; eingeweicht auch bei Zahnproblemen | Zutatenliste lesen, viele Produkte enthalten Melasse | Praxiswissen |
| Sojaschalen | niedrig: im Mittel rund 5 % Stärke und 2 % Zucker i. TM | hochverdauliche Faser als Energiequelle ohne Getreide | Chargen mit Kernresten enthalten mehr Stärke und Protein; eingeweicht füttern | [14][15] |
| Haferschälkleie, Haferspelzen | niedrig bis mittel, chargenabhängig | energiearmer Füllstoff in Strukturmischungen | Reststärke je nach Schälgrad - Deklaration prüfen | Deklaration |
| Dinkelspelzen | niedrig | Struktur und Kauzeit | keine Pferdedaten zur Insulinantwort | Praxiswissen |
| Esparsette-Cobs | je Charge niedrig bis mittel | Proteinaufwertung, kondensierte Tannine | NSC-Wert beim Hersteller erfragen; Pferdestudien gibt es bisher zu Parasiten, nicht zu Insulin | Deklaration |
| Luzerne (Häcksel, Cobs) | niedrig bis mittel, stärkearm | Protein, Kalzium, Pufferwirkung im Magen | unmelassierte Ware wählen; Kalzium-Phosphor-Verhältnis und Proteinmenge im Blick behalten | Deklaration |
| Futtermittel | NSC-Einordnung | Wofür | Worauf achten | Beleg |
|---|---|---|---|---|
| Rübenschnitzel, unmelassiert | niedrig bis mittel - Restzucker je Hersteller | bewährte Faser-Energie | einweichen; Zuckergehalt deklarieren lassen | Deklaration |
| Blaue Süßlupine, geflockt | niedrig: Stärke unter 1 %, Zucker rund 6 % i. TM | Proteinaufwertung ohne Stärke | rund 33 % Rohprotein - nur kleine Mengen; sehr proteinreiche Mahlzeiten können bei EMS-Pferden die Insulinantwort verstärken | [16][13] |
| Leinkuchen (Leinexpeller) | niedrig | Protein, Fett, Schleimstoffe | Proteinmenge; Deklaration prüfen | Deklaration |
| Leinsamen | niedrig | Omega-3-Fettsäuren in kleinen Mengen | sehr energiedicht | Praxiswissen |
| Sonnenblumenkerne, Sonnenblumenkuchen | niedrig | Fett und Protein | Omega-6-lastig, energiedicht | Praxiswissen |
| Kürbiskern-, Schwarzkümmel-, Leindotterkuchen | vermutlich niedrig | Abwechslung in kleinen Mengen | keine Pferdedaten | Praxiswissen |
| Entöltes Koprameal | rund 11 % | Energie für schlanke Stoffwechselpferde | energiedicht, nichts für Abnehmkandidaten | [6] |
Einordnung: niedrig = typischerweise unter 10 % NSC in der Trockenmasse (i. TM), mittel = 10–20 %, hoch = über 20 %. „Deklaration" heißt: Der Wert schwankt je Hersteller und Charge - frag nach Zucker- und Stärkegehalt. „Praxiswissen" heißt: plausibel, aber ohne Pferdestudie.
Ein Wort zu Protein: Luzerne, Lupine und Leinkuchen sind stärkearm, aber eiweißreich. In einer Studie reagierten EMS-Pferde auf eine sehr proteinreiche Mahlzeit mit einer neunfach höheren Insulinantwort als gesunde Pferde [13] - allerdings bei einer Proteinmenge, die weit über einer üblichen Portion lag. In einer Studie mit kleinen Portionen unterschiedlich proteinreicher Futter war dagegen der NSC-Gehalt und nicht das Protein der Haupttreiber [9]. Für die Praxis heißt das: Eiweißträger als kleine Aufwertung einsetzen, nicht als Hauptenergiequelle.
| Futtermittel | Warum Vorsicht |
|---|---|
| Reiskleie | stärkereich - als „getreidefreier" Energieträger für Stoffwechselpferde nur in sehr kleinen Mengen |
| Erbsenflocken, Ackerbohnen | stärkereiche Körnerleguminosen |
| Weizenkleie | deutlicher Stärke- und Zuckeranteil |
| Apfeltrester, Möhrentrester, Rote-Bete-Chips | Zucker in der Trockenmasse konzentriert; eine einzelne frische Möhre ist wegen des hohen Wasseranteils mengenmäßig etwas anderes |
| Johannisbrot | sehr zuckerreich |
| Wiesen- und Grascobs aus frühem Schnitt | WSC-Gehalt oft hoch - nur mit deklariertem Zucker- und Fruktanwert |
| Melassierte Rübenschnitzel und Strukturfutter | Melasse ist Zucker |
| Zum Vergleich: Hafer, Gerste, Mais | rund 42 %, 60 % und 74 % Stärke i. TM, dazu 1,5–2,5 % Zucker [16] |
Und Topinambur oder Inulin als „Präbiotikum"? Inulin ist ein Fruktan und zählt damit zu den WSC. Inulin in einer Dosis von 1 g je kg Körpergewicht täglich über drei Tage veränderte Blutzucker und Insulin bei Ponys kaum [17]. In einer älteren Untersuchung stiegen die Insulinwerte rehegefährdeter Ponys dagegen unter 3 g Inulin je kg Körpergewicht täglich deutlich an [18] - das wären bei 400 kg mehr als ein Kilogramm Inulin am Tag, weit entfernt von präbiotischen Dosierungen im Grammbereich. Solche Kleinmengen sind nach heutigem Stand kein NSC-Thema; Topinamburknollen oder -kraut in Futtermengen sind es für Risikopferde sehr wohl.
Weidegang anpassen: Die Fruktan-Ampel und mehr
Frisches Weidegras ist für viele Pferde die Hauptquelle von NSC - und die kann enorm schwanken. Wie der Weidestart im Frühjahr schrittweise gelingt, steht im Artikel zum Anweiden. Stress durch Kälte, Trockenheit oder Nährstoffmangel kann den NSC-Gehalt auf das Zwei- bis Dreifache erhöhen [5]. Für Risikopferde ist kontrollierter Weidegang daher essenziell. Wie hoch das Fruktan-Risiko an deinem Standort heute ist, zeigt dir unsere Fruktan-Ampel.
Zeitfenster nutzen
Die NSC-Konzentration im Gras ist in den frühen Morgenstunden (vor Sonnenaufgang bis etwa 10 Uhr) am niedrigsten, da die Pflanze über Nacht einen Teil der tagsüber gebildeten Zucker und Fruktane verstoffwechselt. Nachmittags und abends, besonders an sonnigen Tagen, steigt der NSC-Gehalt stark an. Wenn du Weidegang anbietest, dann am besten morgens und für begrenzte Zeit. Ausnahme: Nach kalten, klaren Nächten - erst recht nach Frost - baut das Gras die Zucker über Nacht kaum ab; dann ist auch der Morgen kein sicheres Fenster. Tagesaktuell hilft die Fruktan-Ampel.
Fressbremse statt freiem Zugang
Eine Fressbremse reduziert die Grasaufnahme mechanisch, ohne den Weidegang ganz zu verbieten. Das ist für viele Pferde ein Kompromiss zwischen Bewegung, sozialer Interaktion und NSC-Kontrolle. Achte darauf, dass die Fressbremse korrekt sitzt und das Pferd trinken kann.
Trockenpaddock oder Sandpaddock
Für Pferde mit akuter Hufrehe oder sehr hohem Risiko ist der komplette Verzicht auf Weidegras oft die sicherste Lösung. Ein großzügiger Auslauf mit strukturiertem Heu zur freien Verfügung (aus Heunetzen zur Verlangsamung der Aufnahme) bietet Bewegung ohne NSC-Risiko. Achte bei einem Sandpaddock darauf, dass der Sand staubarm ist - Staub kann die Atemwege belasten -; alternativ eignet sich ein grasfreier Naturboden.
Hay-only-Diät: Für wen ist sie geeignet?
Eine „Hay-only"-Fütterung - also Heu plus Mineralfutter, ohne Kraftfutter - ist für viele leichtfuttrige Pferde, Ponys und Robustpferde mit Stoffwechselrisiko die beste Wahl. Sie senkt das NSC-Risiko maximal und kommt der natürlichen Ernährungsweise des Pferdes sehr nahe.
Auch Sportpferde können bei entsprechender Heuqualität und optionaler Ölzugabe ausreichend Energie aus einer Hay-only-Diät beziehen - vorausgesetzt, der Energiebedarf ist nicht extrem hoch (z. B. bei Vollblütern im Renntraining). Entscheidend ist, dass die Mineralstoffversorgung über ein abgestimmtes Mineralfutter sichergestellt wird. Bei reduzierter Kraftfuttergabe fällt die dort enthaltene Mineralstoffzufuhr weg.
Mineralien nicht vergessen: Die Lücke schließen
Je weniger Konzentratfutter du fütterst, desto wichtiger wird die separate Mineralfuttergabe. Viele kommerziell hergestellte Müslis und Pellets enthalten bereits Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente - wenn du diese Futtermittel stark reduzierst oder ganz weglässt, musst du die Versorgung anderweitig sichern.
Ein gutes Mineralfutter sollte auf die Heuanalyse abgestimmt sein. Kalzium, Phosphor, Magnesium, Zink, Kupfer, Selen und die Vitamine A, D und E sind die kritischen Nährstoffe. Eine Blutuntersuchung kann Defizite aufdecken, bevor Symptome entstehen. Überdosierung ist genauso problematisch wie Mangel - mehr ist nicht immer besser.
EGUS und kohlenhydratarme Fütterung: Ein Sonderfall
Bei Pferden mit Equinem Magenschleimhaut-Ulkus-Syndrom (EGUS) ist die Situation differenzierter. Grundsätzlich kann eine hohe Zucker- und Stärkeaufnahme Magengeschwüre begünstigen. Gleichzeitig brauchen Pferde mit Magenulkus aber kontinuierlich Raufutter, um die Magensäure abzupuffern. Eine reine NSC-Reduktion ohne ausreichende Raufuttermenge hilft nicht - im Gegenteil. Mehr zu Ursachen, Diagnose und Therapie findest du in unserem Artikel Magengeschwüre beim Pferd (EGUS).
Wenn du ein Pferd mit EGUS UND Insulindysregulation hast, ist die Strategie: NSC-armes Heu ad libitum (über Heunetze verlangsamt anbieten), kleine, häufige Mahlzeiten, keine langen Fresspausen. Luzerneheu kann durch seinen Proteingehalt zusätzlich puffern, sollte aber wegen des Kalziumgehalts nicht die alleinige Raufutterquelle sein.
Praxisbeispiel: Aufbau einer NSC-reduzierten Ration
Pferd: 380 kg schwerer Isländer-Wallach, 12 Jahre, Body Condition Score 7/9 (leicht übergewichtig), insulindysreguliert, keine akute Hufrehe, aber Vorgeschichte.
Ziel: NSC unter 10 % der Trockenmasse, 1,5–2 % Körpergewicht an Raufutter pro Tag.
Ration:
- ca. 6 kg Heu pro Tag (NSC-analysiert, Wert 8 % TM) - rund 1,5 % Körpergewicht und damit die untere, noch magenschonende Grenze beim Abnehmen -, verteilt auf engmaschige Heunetze zur Verlangsamung
- 200 g unmelassierte Rübenschnitzel (eingeweicht), zweimal täglich
- 100 ml Leinöl, aufgeteilt auf zwei Mahlzeiten
- 50 g Mineralfutter (abgestimmt auf Heuanalyse, Zink/Kupfer optimiert)
- Kein Weidegang, stattdessen 8–10 Stunden täglich Paddock mit Heunetzen
- Bewegung: tägliches Reiten oder Longieren (30–45 min)
Diese Ration deckt den Energiebedarf eines leichtarbeitenden Pferdes, hält den NSC-Wert niedrig und unterstützt den kontrollierten Fettabbau. Die Rübenschnitzel-Portion von 200 g bleibt dabei deutlich unter dem NSC-Budget von rund 38 g je Mahlzeit (380 kg mal 0,1 g). Stagniert das Gewicht, kann ein Teil des Heus schrittweise durch gutes Stroh ersetzt werden.

Fazit
Kohlenhydratarme Pferdefütterung bedeutet eine gezielte Reduktion von Zucker, Fruktan und Stärke - den nicht-strukturellen Kohlenhydraten. Für Pferde mit EMS, PPID, Hufrehe-Vorgeschichte oder PSSM ist diese Anpassung medizinisch notwendig. Die Basis bleibt strukturiertes Raufutter in ausreichender Menge. Heuanalyse, angepasstes Weidemanagement, Stroh als Energieverdünner und NSC-arme Futtermittel in kleinen Portionen sind die Werkzeuge. Und: Jede Umstellung gehört tierärztlich begleitet - besonders bei vorgeschädigten oder stoffwechselkranken Pferden.
Häufige Fragen zur kohlenhydratarmen Pferdefütterung
Warum sollte ich mein Pferd getreidefrei füttern?
Getreide wie Hafer, Gerste und Mais ist stärkereich und treibt den Insulinspiegel in die Höhe. Für Pferde mit Insulindysregulation, EMS oder Hufrehe-Vorgeschichte ist Getreide deshalb tabu [4][8]. Zum Vergleich: Hafer enthält rund 42 %, Gerste rund 60 % und Mais rund 74 % Stärke in der Trockenmasse, dazu 1,5–2,5 % Zucker [16]. Bei PSSM Typ 1 profitiert dein Pferd ebenfalls von einer Diät, bei der NSC aus Getreide drastisch reduziert wird.
Wann sollte ich mein Pferd getreidefrei oder NSC-reduziert füttern?
Sinnvoll ist eine NSC-reduzierte Fütterung bei Pferden mit EMS, PPID (Cushing), einer Hufrehe-Vorgeschichte oder PSSM, denn hier ist sie medizinisch notwendig. Bei EMS ist die wichtigste therapeutische Maßnahme eine angepasste Fütterung mit reduziertem NSC-Gehalt [1]. Auch genetisch disponierte Robustpferderassen wie Isländer, Shetlandponys oder Fjordpferde können präventiv von einer moderaten NSC-Kontrolle profitieren. Für gesunde Sportpferde mit normalem Insulinstoffwechsel ist eine moderate NSC-Aufnahme dagegen völlig unproblematisch.
Heißt getreidefrei automatisch zuckerfrei oder NSC-arm?
Nein, getreidefrei bedeutet nicht automatisch NSC-arm. Reiskleie ist stärkereich, Erbsenflocken und Ackerbohnen sind stärkereiche Körnerleguminosen, und Apfeltrester oder Rote-Bete-Chips konzentrieren Zucker in der Trockenmasse. Auch Johannisbrot ist sehr zuckerreich und melassierte Rübenschnitzel enthalten durch die Melasse Zucker. Achte deshalb immer auf die Deklaration und frag bei Unsicherheit nach Zucker- und Stärkegehalt.
Welches Futter ist zucker- und stärkearm für mein Pferd?
NSC-arm sind unter anderem unmelassierte Rübenschnitzel (eingeweicht), Heucobs aus spät geschnittenem Gras, Sojaschalen und pflanzliche Öle wie Leinöl. Eingeweichte Rübenschnitzel liefern gut verdauliche Pektine und Fasern bei wenig Zucker und Stärke. Sojaschalen enthalten im Mittel rund 5 % Stärke und 2 % Zucker in der Trockenmasse [15]. Entscheidend bleibt die Menge: Auch ein NSC-armes Futter wird in großen Portionen zum Problem, denn bei insulindysregulierten Pferden führen NSC-Mengen über 0,1 g je kg Körpergewicht pro Mahlzeit zu deutlich erhöhten Insulinreaktionen [4][8].
Was ist bei zuckerarmem Futter für ältere Pferde mit Cushing zu beachten?
Pferde mit PPID (Cushing) entwickeln häufig eine Insulindysregulation und sind besonders anfällig für Hufrehe, deshalb sind NSC-reduzierte Rationen Teil der Standardtherapie. Braucht dein PPID-Pferd zugleich Energie, weil es an Gewicht verliert, kann entöltes Koprameal passen: Mit rund 11 % nicht-strukturellen Kohlenhydraten und sehr wenig Stärke lässt es den Blutzucker praktisch unverändert und löst nur einen kleinen, kurzen Insulinanstieg aus [6]. Für übergewichtige EMS-Pferde mit Abnehmziel ist ein so energiereiches Futter dagegen ungeeignet, auch wenn der NSC-Wert niedrig ist. Welche Lösung für dein Pferd passt, besprichst du am besten mit deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt.
Wie viel zuckerarmes Kraftfutter darf mein Pferd pro Mahlzeit fressen?
Als Faustformel gilt: Körpergewicht mal 0,1 g ergibt das NSC-Budget je Mahlzeit. Für ein 400-kg-Pferd sind das 40 g, bei einem Futter mit 7 % NSC rund 570 g Trockenmasse, bei 12 % rund 330 g und bei 22 % nur noch rund 180 g. Schon kleine Portionen von Futtern mit niedrigem bis mittlerem NSC-Gehalt können bei insulindysregulierten Pferden unverhältnismäßig viel Insulin freisetzen [9]. Die Streuung zwischen einzelnen Pferden ist groß, die Formel ersetzt keine Insulinkontrolle am eigenen Pferd.
Reicht zuckerarmes Müsli aus, oder muss ich auch das Heu beachten?
Das Heu ist die Basis und entscheidet maßgeblich über den NSC-Gehalt der Ration, denn Heu ist nicht gleich Heu: Der Wert variiert stark je nach Schnitttermin, Grasart, Wetter und Düngung. Für Pferde mit Insulindysregulation ist eine Heuanalyse Pflicht, kein optionales Extra, damit du verlässlich weißt, ob dein Heu die empfohlenen Grenzwerte einhält. Die Equine Endocrinology Group von 2024 nennt für Heu durchgehend einen NSC-Gehalt unter 10 % [7]. Reduzierst du das Konzentratfutter stark, musst du außerdem die Mineralstoffversorgung über ein auf die Heuanalyse abgestimmtes Mineralfutter sicherstellen.
Hilft Einweichen, um den Zucker im Heu zu senken?
Einweichen kann den Gehalt an wasserlöslichen Kohlenhydraten senken, ist aber keine Garantie. In einer britischen Untersuchung verloren Heuproben nach bis zu 16 Stunden im Mittel 27 % ihrer WSC, die Spanne reichte aber von 6 bis 54 %, und mehrere Proben lagen danach immer noch über 10 % WSC [19]. Die Equine Endocrinology Group empfiehlt, Heu mindestens 60 Minuten in kaltem Wasser einzuweichen, immer dann, wenn die Analyse mehr als 10 % NSC ergibt oder gar keine Analyse vorliegt [7]. Bedampfen ersetzt das Einweichen nicht, denn der WSC-Gehalt blieb dabei praktisch auf dem Niveau des trockenen Heus [20]. Eingeweichtes Heu muss zügig verfüttert werden, im Sommer kann es innerhalb weniger Stunden verderben.
Quellen
- [1] Durham AE, Frank N, McGowan CM, et al. - ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J Vet Intern Med 2019; 33(2):335-349. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30724412/
- [2] Geor RJ, Harris P - Dietary management of obesity and insulin resistance: countering risk for laminitis. Vet Clin North Am Equine Pract 2009; 25(1):51-65, vi. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19303550/
- [3] Longland AC, Byrd BM - Pasture nonstructural carbohydrates and equine laminitis. J Nutr 2006; 136(7 Suppl):2099S-2102S. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16772510/
- [4] Macon EL, Harris P, Bailey S, et al. - Identifying possible thresholds for nonstructural carbohydrates in the insulin dysregulated horse. Equine Vet J 2023; 55(6):1069-1077. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36537847/
- [5] Watts K - Pasture management to minimize the risk of equine laminitis. Vet Clin North Am Equine Pract 2010; 26(2):361-369. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20699180/
- [6] Richards N, Kempton TJ - The post feeding glycaemic and insulin response to copra meal in horses. Anim Feed Sci Technol 2016; 211:100-108. https://doi.org/10.1016/j.anifeedsci.2015.09.003
- [7] Bertin FR, Bailey S, Burns T, et al. - Recommendations for the Diagnosis and Management of Equine Metabolic Syndrome (EMS) and Insulin Dysregulation. Equine Endocrinology Group, revidiert Juni 2024. https://equineendocrinologygroup.org/
- [8] Kerley BS, Harris P, Jacquay E, et al. - Identifying insulinemic responses of ID horses offered varying levels of NSC and meal-sizes. J Equine Vet Sci 2025; 151:105638. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40588143/
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- [10] Macon EL, Harris P, McClendon M, et al. - Insulin dysregulated horses metabolic responses to forage pellets. J Equine Vet Sci 2024; 133:104991. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38159582/
- [11] Jansson A, Harris P, Davey SL, et al. - Straw as an Alternative to Grass Forage in Horses: Effects on Post-Prandial Metabolic Profile, Energy Intake, Behaviour and Gastric Ulceration. Animals (Basel) 2021; 11(8):2197. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34438656/
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