Zucker, Fruktan und Stärke – für Risikopferde wird ein NSC-Gehalt unter 10–12 % der Trockenmasse empfohlen
- Strukturkohlenhydrate (Zellulose, Hemizellulose) aus Heu bleiben die Hauptenergiequelle – sie werden nicht reduziert - Pferde mit EMS, PPID, Hufrehe-Vorgeschichte oder PSSM profitieren von NSC-reduzierter Fütterung - Heuanalyse und angepasstes Weidemanagement sind die Basis – Einweichen kann WSC um 20–30 % senken - Alternativen zu Hafer und Gerste: eingeweichte Rübenschnitzel, NSC-arme Heucobs, pflanzliche Öle als Energieträger
Was heißt „kohlenhydratarm" beim Pferd?
Wenn von kohlenhydratarmer Pferdefütterung die Rede ist, geht es nicht darum, Kohlenhydrate generell zu reduzieren – denn die machen den Großteil der natürlichen Pferdenahrung aus. Es geht um die nicht-strukturellen Kohlenhydrate, kurz NSC (Non-Structural Carbohydrates).
NSC ist ein Sammelbegriff für die leicht verdaulichen Kohlenhydrate in der Nahrung: wasserlösliche Kohlenhydrate (WSC) – dazu zählen Zucker und Fruktan – sowie Stärke. Diese werden im Dünndarm oder durch bakterielle Fermentation im Dickdarm schnell aufgespalten und können den Blutzucker- und Insulinspiegel stark beeinflussen. Genau das ist bei Pferden mit Stoffwechselstörungen das Problem.
Strukturkohlenhydrate wie Zellulose und Hemizellulose aus Heu und Stroh hingegen werden im Dickdarm langsam zu flüchtigen Fettsäuren fermentiert und liefern die Hauptenergie eines gesunden Pferdes – sie stehen nicht zur Diskussion, wenn wir von „kohlenhydratarm" sprechen. Die Rohfaserbasis bleibt bestehen.
Wann ist eine NSC-Reduktion sinnvoll?
Nicht jedes Pferd braucht eine kohlenhydratarme Diät. Für gesunde Sportpferde mit normalem Insulinstoffwechsel ist eine moderate NSC-Aufnahme völlig unproblematisch. Anders sieht es bei Pferden mit bestimmten Erkrankungen oder Risikofaktoren aus.
Equines Metabolisches Syndrom (EMS)
Das zentrale Merkmal von EMS ist die Insulindysregulation (ID) – eine gestörte Regulation des Insulinstoffwechsels, die das Risiko für Hufrehe drastisch erhöht [1]. Die wichtigste therapeutische Maßnahme bei EMS ist eine angepasste Fütterung mit reduziertem NSC-Gehalt [1]. Das ECEIM-Konsensus-Statement von 2019 empfiehlt je nach Schweregrad der Insulindysregulation einen NSC-Gehalt von 10–12 % der Trockenmasse, bei Hochrisikopferden sogar unter 10 % [1].
PPID (Equines Cushing-Syndrom)
Auch Pferde mit Pituitary Pars Intermedia Dysfunction (PPID) entwickeln häufig eine Insulindysregulation und sind besonders anfällig für Hufrehe. Die Fütterungsprinzipien ähneln daher denen bei EMS – NSC-reduzierte Rationen sind Teil der Standardtherapie.
Hufrehe-Vorgeschichte
Pferde, die bereits eine oder mehrere Hufrehe-Episoden durchgemacht haben, sind besonders gefährdet. NSC-reiche Futtermittel und Weidegras können die Insulinreaktion verstärken und damit das Risiko für weitere Schübe erhöhen [2][3]. Eine dauerhafte NSC-Kontrolle ist hier präventiv notwendig.
PSSM (Polysaccharid-Speicher-Myopathie)
Bei dieser genetisch bedingten Muskelerkrankung führt eine übermäßige Einlagerung von Glykogen in der Muskulatur zu schmerzhaften Muskelschäden. Pferde mit PSSM Typ 1 profitieren von einer stärkearmen, fettreicheren Diät, bei der NSC aus Getreide drastisch reduziert wird.
Präventiv bei genetisch disponierten Rassen
Robustpferderassen wie Isländer, Shetlandponys, Fjordpferde, aber auch manche Quarter Horses und Morgan Horses neigen genetisch zur Insulindysregulation. Auch wenn (noch) keine Symptome vorliegen, kann eine moderate NSC-Kontrolle langfristig das Erkrankungsrisiko senken.
Heu als Basis: Warum die Analyse entscheidend ist
Heu ist das Fundament jeder pferdefreundlichen Fütterung – auch und gerade bei kohlenhydratarmer Diät. Doch Heu ist nicht gleich Heu. Der NSC-Gehalt variiert enorm je nach Schnitttermin, Grasart, Wetter und Düngung. NSC-Werte können in Weidegras über 400 g/kg Trockenmasse erreichen [3], in spät geschnittenem Heu deutlich darunter liegen.
Für Pferde mit Insulindysregulation ist eine Heuanalyse Pflicht, kein optionales Extra. Nur so weißt du verlässlich, ob dein Heu die empfohlenen Grenzwerte einhält. Einige Labore bieten kostengünstige Schnelltests speziell für Pferdeheu an – ESC (Ethanol-lösliche Kohlenhydrate, nur Zucker), WSC (wasserlösliche Kohlenhydrate, Zucker plus Fruktan) und Stärke werden dabei getrennt angegeben.
Heu einweichen: Faustregel mit Grenzen
Das Einweichen von Heu in kaltem Wasser für 30–60 Minuten kann die wasserlöslichen Kohlenhydrate (WSC) um 20–30 % senken – das ist eine in der Praxis bewährte Faustregel. Wie stark die Reduktion tatsächlich ist, hängt aber stark vom Ausgangsheu, der Wassertemperatur und der Einweichzeit ab. Die Studienlage zeigt erhebliche Schwankungen. Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, kommst du um die Heuanalyse nicht herum – idealerweise vor und nach dem Einweichen.
Wichtig: Eingeweichtes Heu muss zügig verfüttert werden. Im Sommer kann es innerhalb weniger Stunden verderben.
Konzentratfutter: Was geht, was nicht?
Hafer, Gerste und Mais sind klassische Getreidefuttermittel – und für Pferde mit Insulindysregulation, EMS oder Hufrehe-Vorgeschichte tabu. Der hohe Stärkegehalt treibt den Insulinspiegel in die Höhe. Bei insulindysregulierten Pferden führen NSC-Mengen über 0,1 g/kg Körpergewicht pro Mahlzeit zu deutlich erhöhten Insulinreaktionen [4].
NSC-arme Alternativen
Unmelassierte Rübenschnitzel (Zuckerrübenschnitzel – nicht zu verwechseln mit der roten Speiserübe; vor dem Verfüttern eingeweicht) sind eine beliebte Energiequelle mit niedrigem NSC-Gehalt. Sie liefern gut verdauliche Pektine und Fasern, sind aber arm an Zucker und Stärke.
Heucobs und Heupellets aus spät geschnittenem Gras bieten strukturierte Energie ohne NSC-Spitzen – achte auf die Deklaration, nicht alle Produkte sind gleich NSC-arm.
Sojaschalen sind ein faserreiches Nebenprodukt der Ölgewinnung, ebenfalls NSC-arm und mit moderatem Energiegehalt.
Luzerneschnitzel liefern Protein und Kalzium, haben aber einen hohen Kalziumgehalt – bei dauerhafter Fütterung solltest du das Kalzium-Phosphor-Verhältnis im Blick behalten.
Pflanzliche Öle (Leinöl, Sojaöl, Reiskeimöl) sind eine Möglichkeit, die Energiedichte der Ration zu erhöhen, ohne NSC zuzuführen. Sie eignen sich besonders für Pferde mit hohem Energiebedarf, etwa Sportpferde in NSC-reduzierter Fütterung. Die Menge sollte langsam aufgebaut werden – starte mit 50 ml täglich und steigere über 2–3 Wochen. Da das Pferd keine Gallenblase besitzt und die Leber kontinuierlich Galle in den Darm leitet, muss das System erst an höhere Öl-Mengen gewöhnt werden. Größere Mengen von 300–400 ml pro Tag sind nur bei hohem Energiebedarf sinnvoll; Stoffwechselpferde mit Abnehmziel brauchen deutlich weniger – hier reichen oft 50–100 ml.
Entöltes Koprameal (Kokosmehl) ist eine weitere nicht-glykämische Energiequelle für stoffwechselsensible Pferde. Mit rund 11 % nicht-strukturellen Kohlenhydraten und sehr wenig Stärke lässt es den Blutzuckerspiegel nach der Fütterung praktisch unverändert – auf dem Niveau NSC-armer Weide; der Insulinanstieg fällt nur klein und vorübergehend aus (etwa 15–60 Minuten) und damit weit geringer als bei stärke- und zuckerreichem Kraftfutter [6]. Entscheidend ist aber die hohe Energiedichte über den Öl- und Faseranteil: Niedriger Zucker- und Stärkegehalt bedeutet nicht kalorienarm. Geeignet ist Koprameal daher vor allem für schlanke bis normalgewichtige Pferde mit gestörtem Stoffwechsel – etwa PPID-Pferde mit Gewichtsverlust –, die Energie ohne Stärke und Zucker aufnehmen sollen. Für übergewichtige EMS-Pferde, die abnehmen müssen, ist ein derart energiereiches Futter dagegen ungeeignet, auch wenn der NSC-Wert niedrig ist.

Weidegang anpassen: Die Fruktan-Ampel und mehr
Frisches Weidegras ist für viele Pferde die Hauptquelle von NSC – und die kann enorm schwanken. Stress durch Kälte, Trockenheit oder Nährstoffmangel kann den NSC-Gehalt auf das Zwei- bis Dreifache erhöhen [5]. Für Risikopferde ist kontrollierter Weidegang daher essenziell.
Zeitfenster nutzen
Die NSC-Konzentration im Gras ist in den frühen Morgenstunden (vor Sonnenaufgang bis etwa 10 Uhr) am niedrigsten, da die Pflanze über Nacht einen Teil der tagsüber gebildeten Zucker und Fruktane verstoffwechselt. Nachmittags und abends, besonders an sonnigen Tagen, steigt der NSC-Gehalt stark an. Wenn du Weidegang anbietest, dann am besten morgens und für begrenzte Zeit.
Fressbremse statt freiem Zugang
Eine Fressbremse reduziert die Grasaufnahme mechanisch, ohne den Weidegang ganz zu verbieten. Das ist für viele Pferde ein Kompromiss zwischen Bewegung, sozialer Interaktion und NSC-Kontrolle. Achte darauf, dass die Fressbremse korrekt sitzt und das Pferd trinken kann.
Trockenpaddock oder Sandpaddock
Für Pferde mit akuter Hufrehe oder sehr hohem Risiko ist der komplette Verzicht auf Weidegras oft die sicherste Lösung. Ein großzügiger Auslauf mit strukturiertem Heu zur freien Verfügung (aus Heunetzen zur Verlangsamung der Aufnahme) bietet Bewegung ohne NSC-Risiko. Achte bei einem Sandpaddock darauf, dass der Sand staubarm ist – Staub kann die Atemwege belasten –; alternativ eignet sich ein grasfreier Naturboden.
Hay-only-Diät: Für wen ist sie geeignet?
Eine „Hay-only"-Fütterung – also Heu plus Mineralfutter, ohne Kraftfutter – ist für viele leichtfuttrige Pferde, Ponys und Robustpferde mit Stoffwechselrisiko die beste Wahl. Sie senkt das NSC-Risiko maximal und kommt der natürlichen Ernährungsweise des Pferdes sehr nahe.
Auch Sportpferde können bei entsprechender Heuqualität und optionaler Ölzugabe ausreichend Energie aus einer Hay-only-Diät beziehen – vorausgesetzt, der Energiebedarf ist nicht extrem hoch (z. B. bei Vollblütern im Renntraining). Entscheidend ist, dass die Mineralstoffversorgung über ein abgestimmtes Mineralfutter sichergestellt wird. Bei reduzierter Kraftfuttergabe fällt die dort enthaltene Mineralstoffzufuhr weg.
Mineralien nicht vergessen: Die Lücke schließen
Je weniger Konzentratfutter du fütterst, desto wichtiger wird die separate Mineralfuttergabe. Viele kommerziell hergestellte Müslis und Pellets enthalten bereits Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente – wenn du diese Futtermittel stark reduzierst oder ganz weglässt, musst du die Versorgung anderweitig sichern.
Ein gutes Mineralfutter sollte auf die Heuanalyse abgestimmt sein. Kalzium, Phosphor, Magnesium, Zink, Kupfer, Selen und die Vitamine A, D und E sind die kritischen Nährstoffe. Eine Blutuntersuchung kann Defizite aufdecken, bevor Symptome entstehen. Überdosierung ist genauso problematisch wie Mangel – mehr ist nicht immer besser.
EGUS und kohlenhydratarme Fütterung: Ein Sonderfall
Bei Pferden mit Equinem Magenschleimhaut-Ulkus-Syndrom (EGUS) ist die Situation differenzierter. Grundsätzlich kann eine hohe Zucker- und Stärkeaufnahme Magengeschwüre begünstigen. Gleichzeitig brauchen Pferde mit Magenulkus aber kontinuierlich Raufutter, um die Magensäure abzupuffern. Eine reine NSC-Reduktion ohne ausreichende Raufuttermenge hilft nicht – im Gegenteil.
Wenn du ein Pferd mit EGUS UND Insulindysregulation hast, ist die Strategie: NSC-armes Heu ad libitum (über Heunetze verlangsamt anbieten), kleine, häufige Mahlzeiten, keine langen Fresspausen. Luzerneheu kann durch seinen Proteingehalt zusätzlich puffern, sollte aber wegen des Kalziumgehalts nicht die alleinige Raufutterquelle sein.
Praxisbeispiel: Aufbau einer NSC-reduzierten Ration
Pferd: 380 kg schwerer Isländer-Wallach, 12 Jahre, Body Condition Score 7/9 (leicht übergewichtig), insulindysreguliert, keine akute Hufrehe, aber Vorgeschichte.
Ziel: NSC unter 10 % der Trockenmasse, 1,5–2 % Körpergewicht an Raufutter pro Tag.
Ration:
- ca. 6 kg Heu pro Tag (NSC-analysiert, Wert 8 % TM) – rund 1,5 % Körpergewicht und damit die untere, noch magenschonende Grenze beim Abnehmen –, verteilt auf engmaschige Heunetze zur Verlangsamung
- 200 g unmelassierte Rübenschnitzel (eingeweicht), zweimal täglich
- 100 ml Leinöl, aufgeteilt auf zwei Mahlzeiten
- 50 g Mineralfutter (abgestimmt auf Heuanalyse, Zink/Kupfer optimiert)
- Kein Weidegang, stattdessen 8–10 Stunden täglich Paddock mit Heunetzen
- Bewegung: tägliches Reiten oder Longieren (30–45 min)
Diese Ration deckt den Energiebedarf eines leichtarbeitenden Pferdes, hält den NSC-Wert niedrig und unterstützt den kontrollierten Fettabbau.

Fazit
Kohlenhydratarme Pferdefütterung bedeutet keine Radikaldiät, sondern eine gezielte Reduktion von Zucker, Fruktan und Stärke – den nicht-strukturellen Kohlenhydraten. Für Pferde mit EMS, PPID, Hufrehe-Vorgeschichte oder PSSM ist diese Anpassung keine Option, sondern medizinische Notwendigkeit. Die Basis bleibt strukturiertes Raufutter in ausreichender Menge. Heuanalyse, angepasstes Weidemanagement und NSC-arme Futtermittel sind die Werkzeuge. Und: Jede Umstellung gehört tierärztlich begleitet – besonders bei vorgeschädigten oder stoffwechselkranken Pferden.
Quellen
- [1] Durham AE, Frank N, McGowan CM, et al. – ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J Vet Intern Med 2019; 33(2):335-349. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30724412/
- [2] Geor RJ, Harris P – Dietary management of obesity and insulin resistance: countering risk for laminitis. Vet Clin North Am Equine Pract 2009; 25(1):51-65, vi. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19303550/
- [3] Longland AC, Byrd BM – Pasture nonstructural carbohydrates and equine laminitis. J Nutr 2006; 136(7 Suppl):2099S-2102S. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16772510/
- [4] Macon EL, Harris P, Bailey S, et al. – Identifying possible thresholds for nonstructural carbohydrates in the insulin dysregulated horse. Equine Vet J 2023; 55(6):1069-1077. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36537847/
- [5] Watts K – Pasture management to minimize the risk of equine laminitis. Vet Clin North Am Equine Pract 2010; 26(2):361-369. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20699180/
- [6] Richards N, Kempton TJ – The post feeding glycaemic and insulin response to copra meal in horses. Anim Feed Sci Technol 2016; 211:100-108. https://doi.org/10.1016/j.anifeedsci.2015.09.003
Alle medizinischen Aussagen sind im Text mit Inline-Markern [N] auf die jeweilige Quelle in dieser Liste bezogen. Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung.
