Was Kissing Spines eigentlich ist
Kissing Spines – fachlich „impinging" oder „overriding dorsal spinous processes" – beschreibt einen Zustand, bei dem die nach oben ragenden Knochenfortsätze der Wirbel (die Dornfortsätze) zu dicht beieinander stehen. Im ausgeprägten Fall berühren oder überlappen sie sich, es kommt zu Knochenkontakt, Verdichtung des Knochens (Sklerosierung), Zysten oder falschen Gelenkbildungen an Stellen, die eigentlich keinen Kontakt haben sollten.
Fachlich definiert ist das über den Abstand: Als kissing spines gilt ein Zwischenraum zwischen den Dornfortsätzen von weniger als 4 mm. Betroffen sind typischerweise die mittleren und hinteren Brustwirbel – also der Abschnitt unter der Sattellage; die Lendenwirbel können ebenfalls betroffen sein [1]. Impinging und überlappende Dornfortsätze gehören zu den häufigsten knöchernen Befunden am Pferderücken und werden regelmäßig mit Rückenschmerz und Leistungsproblemen in Verbindung gebracht [1]. Wichtig ist die anatomische Präzision: Es geht um den Abstand der Dornfortsätze, nicht um „verschobene Wirbel" oder ein „ausgerenktes Kreuz".
Die wichtigste Botschaft: Befund ist nicht gleich Schmerz
Wenn du eine Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese: Ein Röntgenbild mit eng stehenden Dornfortsätzen ist noch keine Diagnose. Radiologische Veränderungen an den Dornfortsätzen der Brust- und Lendenwirbel unterscheiden sich nicht zwischen jungen und trainierten Pferden ohne wahrgenommenen Rückenschmerz [2]. Anders gesagt: Enge Dornfortsätze finden sich auch bei Pferden, die keinerlei Probleme zeigen.

Genau hier passiert der häufigste Fehler – die Überdiagnose. Ein Pferd zickt beim Reiten, das Röntgen zeigt „Kissing Spines", und schon gilt die Ursache als geklärt. Das kann teuer und für das Pferd schlecht sein, weil die echte Ursache (etwa eine Lahmheit oder ein schlecht passender Sattel) unbehandelt bleibt.
Deshalb gilt: der Nachweis, dass die Dornfortsätze tatsächlich die Schmerzquelle sind, ist entscheidend – und wird üblicherweise durch eine gezielte örtliche Betäubung an den betroffenen Stellen erbracht [3, 4]. Erst wenn das Pferd nach der Betäubung deutlich lockerer läuft, ist der Zusammenhang zwischen Knochenbefund und Beschwerden plausibel.
Wie es dazu kommt
Ehrlich gesagt: Die Ursache ist wissenschaftlich nicht geklärt. Die Fachgesellschaft ACVS hält fest, dass die Entstehung unbekannt ist – Training, Muskelkraft, Sattelpassung und genetische Faktoren gelten als Hypothesen, und vermutlich wirken mehrere zusammen [3]. Auffällig ist außerdem: Junge, noch nie gerittene Jährlinge zeigen im Röntgen ähnlich viele Veränderungen wie trainierte Pferde – das spricht eher für eine veranlagungsbedingte als für eine erworbene Entstehung [2]. Die folgenden Faktoren sind also plausible Mitspieler, keine bewiesenen Auslöser:
- Veranlagung und Anatomie: Manche Pferde bringen von Natur aus enger stehende Dornfortsätze mit.
- Fehlende Rückenmuskulatur: Kann das Pferd den Rücken nicht aufwölben, fehlt die aktive Stabilisierung. Der Rücken „hängt durch", die Dornfortsätze nähern sich einander an.
- Unpassender Sattel: Drückt der Sattel oder liegt er auf, blockiert er genau die Muskulatur, die den Rücken tragen soll.
- Reiterliche Überforderung: Reiten in Zwangshaltung, zu frühes oder zu hartes Training bei jungen Pferden.
- Sekundär bei anderen Lahmheiten: Tut irgendwo ein Bein weh, spannt das Pferd kompensatorisch den Rücken an – und der wird sekundär zum Problem.
Dieser letzte Punkt ist praktisch bedeutsam: Rückenschmerz ist oft Folge, nicht Ursache. Deshalb gehört zur Abklärung immer auch der Ausschluss von Lahmheiten der Gliedmaßen.
Symptome: Woran du es merkst
Die Anzeichen sind unspezifisch und werden leicht als „Charakterfrage" abgetan. Typisch sind:
- Berührungsempfindlichkeit in der Sattellage, „Kaltrückigkeit" beim Satteln und Aufsteigen
- Sattelzwang, Wegdrücken des Rückens, Schwierigkeiten beim Untertreten und Aufwölben
- Widersetzlichkeit: Buckeln, Steigen, Losstürmen beim Antraben oder beim Aufsteigen
- Leistungsabfall, Taktunreinheiten, wechselnde oder unklare Lahmheiten
Solche Verhaltensänderungen sind ernst zu nehmen. „Der will nur nicht" ist selten die richtige Erklärung, wenn ein Pferd sein Verhalten plötzlich ändert.
Diagnostik: der Dreiklang aus Klinik, Bild und Schmerznachweis
Eine saubere Abklärung läuft schrittweise:
- Klinische und orthopädische Untersuchung inklusive gründlicher Rückenabtastung. Der Tierarzt prüft, wo das Pferd auf Druck reagiert und wie beweglich der Rücken ist.
- Röntgen der Dornfortsätze zeigt Abstände, Knochenkontakt und Sklerosierung.
Diese knöchernen Veränderungen lassen sich radiologisch gut darstellen [1] – sie sind aber, wie oben beschrieben, nur ein Baustein.

- Szintigraphie kann aktive Knochenumbauzonen sichtbar machen und hilft, dir einen „stummen" von einem aktiven Befund zu unterscheiden – sie wird vor allem bei schwierigen Fällen empfohlen [3].
- Diagnostische Lokalanästhesie an den betroffenen Dornfortsätzen liefert den entscheidenden Schmerznachweis.
In einer Langzeitauswertung an 18 operierten Pferden besserten sich 9 von 10 Pferden, die vorher auf eine diagnostische Anästhesie angesprochen hatten – aber nur 4 von 8, bei denen keine durchgeführt worden war. Der Unterschied verfehlte knapp die statistische Signifikanz, deutet aber klar in diese Richtung [4].
- Ausschluss anderer Lahmheitsursachen, damit nicht ein sekundärer Rückenschmerz fälschlich zur Hauptdiagnose wird.
Therapie: konservativ zuerst
Der Standard beginnt fast immer konservativ. Ziel ist es, den Rücken aktiv tragfähig zu machen – nicht, ihn zu schonen bis zur Bewegungslosigkeit.
Aufbautraining und Physiotherapie stehen im Zentrum: Bodenarbeit, Arbeit über Stangen, Bergauftraining und Longieren mit gefördertem Aufwölben stärken Rücken- und Bauchmuskulatur. Ziel ist, dass die Wirbelsäule die muskuläre Unterstützung bekommt, die sie braucht, und die Verspannung der Rückenmuskulatur nachlässt [3]. Dass sich die knöchernen Dornfortsätze dadurch messbar wieder voneinander entfernen, ist allerdings nicht belegt – erwarte das nicht. Als Praxis-Faustregel gilt: Dieser Muskelaufbau braucht Wochen bis Monate konsequenter Arbeit – schnelle Ergebnisse sind die Ausnahme.
Sattelanpassung ist kein optionaler Zusatz, sondern Pflicht. Ein Sattel, der die Muskulatur blockiert, macht jedes Training zunichte.
Lokale Injektionen (etwa entzündungshemmende Präparate oder Mesotherapie) und Stoßwellentherapie können die Schmerzsituation soweit verbessern, dass wieder trainiert werden kann. Solche Präparate sind verschreibungspflichtig und gehören in die Hand des behandelnden Tierarztes; die Dosierung entscheidet er.
Chirurgie kommt in der Regel erst bei echter Therapieresistenz infrage – in einer internationalen Umfrage unter 353 Orthopädie-Spezialisten bevorzugten 71 % das konservative Vorgehen und empfahlen eine OP nur bei Pferden, die darauf nicht ansprachen. Aber Achtung: Spezialisten in den USA, UK und Irland empfehlen die OP deutlich häufiger als Erstlinien-Therapie. Wo du fragst, beeinflusst also die Antwort, die du bekommst [5]. Zwei Verfahren dominieren: die minimal-invasive Durchtrennung des Bandes zwischen den Dornfortsätzen (Interspinous Ligament Desmotomy, ISLD) und die Teilentfernung der Dornfortsätze (Ostektomie). Ein einziges „richtiges" Schema gibt es dabei nicht – welches Verfahren infrage kommt, ist eine am Einzelfall orientierte Entscheidung.
Prognose: Die Operation ist nicht das Ende der Arbeit
Die gute Nachricht zuerst: Viele Pferde werden mit konsequentem Training und gutem Management wieder nutzbar. Auch nach einer Operation sind die Aussichten bei richtiger Indikationsstellung solide. Die Fachgesellschaft ACVS gibt die Gesamtprognose bei passender Therapie und konsequenter Reha mit 80–90 % Rückkehr zu einer Form von Leistung an [3]. Eine retrospektive Auswertung an 18 operierten Pferden fand eine Besserung bei 13 von 18 Tieren (mediane Nachbeobachtung 14,5 Monate) – mit deutlich besserem Abschneiden derer, die vorher auf eine diagnostische Anästhesie angesprochen hatten. Die Fallzahl ist klein, verlass dich also nicht auf die Prozentzahl allein [4].
Die Kehrseite: Eine Operation ohne anschließendes Aufbautraining ist selten von Dauer. Egal welchen Behandlungsweg ihr wählt: Die fortgesetzte Rehabilitation zu Hause ist der Schlüssel zum Langzeiterfolg – starke Muskulatur und ein beweglicher Rücken sind das, was den Effekt hält [3]. Wer die OP als Abkürzung um das Training herum versteht, wird enttäuscht. Je konsequenter du danach an der tragenden Muskulatur arbeitest, desto besser hält der Erfolg.
Prävention: den Rücken tragfähig halten
Vorbeugen heißt vor allem: den Rücken nicht überlasten und die richtige Muskulatur aufbauen. Konkret bedeutet das rückenschonendes, korrektes Reiten ohne Zwangshaltung, ein regelmäßig kontrollierter, passender Sattel und ein systematischer, geduldiger Muskelaufbau. Junge Pferde sollten nicht überfordert werden – ihr Bewegungsapparat ist noch nicht ausgereift.
Wenn dein Pferd Rückenschmerzen oder plötzliche Rittigkeitsprobleme zeigt, gehört das in die Hände einer orthopädischen Abklärung – nicht in eine Selbstdiagnose per Internetbild. Überlappende und impinging Dornfortsätze sind ein anerkanntes klinisches Krankheitsbild, dessen Bedeutung nur im Zusammenspiel von Befund und Symptomatik richtig eingeordnet werden kann [3].
Fazit
Kissing Spines ist weniger eine Ja/Nein-Diagnose als eine Frage der richtigen Einordnung: Der Röntgenbefund zeigt nur die Anatomie, den Schmerz beweist er nicht. Setz auf einen Tierarzt, der Klinik, Bildgebung und Schmerznachweis zusammenführt – und plane von Anfang an konsequentes Aufbautraining ein, egal ob konservativ oder nach einer OP.
Quellen
- [1] Pilati N, Pressanto MC, Palumbo Piccionello A, De Angelis Corvi F, Beccati F. Impinging and Overriding Spinous Processes in Horses: A Narrative Review. Animals (Basel) 2025;15(18):2679. PMID: 41007924. https://doi.org/10.3390/ani15182679 [2] Pressanto MC, Pepe M, Coomer RPC, Pilati N, Beccati F. Radiographic abnormalities of the thoracolumbar spinous processes do not differ between yearling and trained Thoroughbred horses without perceived back pain. J Am Vet Med Assoc 2023;261(6):844-851. PMID: 36933209. https://doi.org/10.2460/javma.22.09.0419 [3] American College of Veterinary Surgeons (ACVS). Overriding/Impinging Dorsal Spinous Processes. Fachgesellschafts-Information für Tierbesitzer (nicht peer-reviewt), Stand 06/2025. https://www.acvs.org/large-animal/overriding-impinging-dorsal-spinous-processes/ [4] Brown KA, Davidson EJ, Ortved K, Ross MW, Stefanovski D, Wulster KB, Levine DG. Long-term outcome and effect of diagnostic analgesia in horses undergoing interspinous ligament desmotomy for overriding dorsal spinous processes. Vet Surg 2020;49(3):590-599. PMID: 31916622. https://doi.org/10.1111/vsu.13377 [5] Treß D, Lischer C, Merle R, Ehrle A. International survey of equine orthopaedic specialists reveals diverse treatment strategies for horses with overriding spinous processes. Vet Rec 2024;194(10):e3899. PMID: 38379241. https://doi.org/10.1002/vetr.3899
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