Was ist das Hufrollensyndrom?

Das Hufrollensyndrom – in der Fachsprache Podotrochlose oder Navicular Syndrome – ist eine der häufigsten orthopädischen Erkrankungen bei erwachsenen Reitpferden und eine häufige Ursache für chronische Vorderbeinlahmheiten [1]. Es handelt sich um eine chronisch-degenerative Erkrankung des Hufrollenkomplexes, der aus dem Strahlbein (Os naviculare), dem Hufrollenschleimbeutel (Bursa podotrochlearis), der tiefen Beugesehne sowie den seitlichen Sesamoidalbändern (CSL) und dem distalen Sesamoidalband (CSIL) besteht [2].

Moderne bildgebende Verfahren haben gezeigt, dass das Syndrom nicht nur das Strahlbein betrifft, sondern häufig mehrere Strukturen gleichzeitig geschädigt sind [3]. Die Bezeichnung „Syndrom" statt „Krankheit" trägt dieser Erkenntnis Rechnung – es gibt nicht eine einzelne Ursache, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Veränderungen.

Die gute Nachricht: Mit einem konsequenten Management-Konzept aus orthopädischem Beschlag, kontrollierter Bewegung und tierärztlicher Betreuung bleiben viele Pferde über Jahre reitbar und schmerzfrei [4].

Welche Pferde sind besonders gefährdet?

Bestimmte Rassen zeigen eine höhere Anfälligkeit. Quarter Horses, Warmblüter und Vollblüter sind besonders häufig betroffen [4]. Bei Quarter Horses spielen kleine, kontrahierte Hufe in Kombination mit großer Körpermasse eine besondere Rolle. Bei Hannoveraner Warmblütern wurden genetische Marker auf Chromosom 10 für Strahlbeinveränderungen identifiziert (Heritabilität 0,09–0,40), was auf eine erbliche Komponente hindeutet [1].

Neben der genetischen Prädisposition spielen biomechanische Faktoren eine zentrale Rolle. Pferde mit langer Zehe und flachen, untergeschobenen Trachten haben ein erhöhtes Risiko, weil diese Fehlstellung zu einer chronischen Überstreckung des Hufgelenks führt und den Druck auf die Hufrolle massiv erhöht [2][6]. Eine gebrochene Zehenachse verstärkt diesen Effekt zusätzlich [6].

Auch die Art der Nutzung ist entscheidend. Reitsportarten mit häufigen engen Wendungen – Westernreiten, Springen, Dressur – belasten den Hufrollenkomplex besonders stark [2]. Training auf hartem Boden und hohe Belastung bereits im Jungpferdealter erhöhen das Risiko deutlich [2].

Symptome: Schleichende Lahmheit, die oft übersehen wird

Die Lahmheit beim Hufrollensyndrom entwickelt sich in der Regel schleichend und betrifft häufig beide Vorderbeine gleichzeitig [4]. Weil beide Seiten betroffen sind, fällt die Asymmetrie erst spät auf – das Pferd wirkt eher klamm und arbeitsunwillig als eindeutig lahm.

Typische Frühzeichen sind:

Nach einer Aufwärmphase verbessert sich die Lahmheit oft temporär, verschlechtert sich aber bei längerer Belastung wieder [4]. Viele Besitzer denken zunächst an ein Schulterproblem, weil die Bewegungseinschränkung der Vorderbeine so diffus wirkt [4].

Diagnostik: Vom Palmar-Digital-Block bis zum MRT

Die Diagnose des Hufrollensyndroms stützt sich auf eine Kombination aus klinischer Untersuchung, diagnostischer Anästhesie und bildgebenden Verfahren [4].

Lahmheitsuntersuchung und Hufzangenprobe: Viele Pferde reagieren empfindlich auf Druck mit der Hufzange im mittleren Drittel des Strahls oder über der Trachtenregion [4]. Beim Vortraben auf hartem Boden und engen Wendungen wird die Lahmheit deutlicher.

Leitungsanästhesie: Der entscheidende Test ist die Palmar-Digital-Nervenblockade – das Betäuben der Nerven im hinteren Hufbereich. Pferde mit Hufrollensyndrom zeigen nach dem Block meist eine deutliche Lahmheitsbesserung [9]. Ein positiver PDN-Block lokalisiert den Schmerz auf den hinteren Hufbereich, ist aber nicht spezifisch für das Hufrollensyndrom – auch Kollateralband-Verletzungen, Hufgeschwüre und andere palmare Strukturen können positiv reagieren [9]. Weitere Diagnostik ist zur Differenzierung nötig. Typischerweise wird dann auf der Gegenseite eine Lahmheit sichtbar, weil beide Vorderbeine unterschiedlich stark betroffen sind [9].

Röntgen: Röntgenaufnahmen des Strahlbeins zeigen charakteristische Veränderungen wie erweiterte oder vermehrte Gefäßkanäle am distalen Rand, zystische Läsionen, Sklerose oder Erosionen an der Gleitfläche [4]. Wichtig: Röntgenbefunde korrelieren nicht immer mit dem Schweregrad der Lahmheit. Manche Pferde haben deutliche knöcherne Veränderungen ohne Lahmheit, andere lahmen ohne sichtbare Röntgenveränderungen [8].

MRT als Goldstandard: Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist der Goldstandard für die Darstellung von Weichteilen innerhalb der Hornkapsel. Hochauflösender Ultraschall kann einige Befunde erfassen, erkennt aber nur 10 bis 28 Prozent der im MRT sichtbaren Sehnenläsionen. Schädigungen der tiefen Beugesehne, Bänder, des Schleimbeutels und des Knorpels werden zuverlässig erst im MRT sichtbar [8]. Eine Studie an 72 Pferden mit Hufrollensyndrom ohne Röntgenauffälligkeiten fand bei 86 Prozent MRT-Veränderungen am Strahlbein, bei vielen zusätzlich Sehnenschäden [8].

Therapie: Orthopädischer Beschlag, Medikamente und Management

Das Hufrollensyndrom ist nicht heilbar – die degenerativen Veränderungen bleiben bestehen [4]. Das Ziel der Therapie ist, den Prozess zu verlangsamen, Schmerzen zu lindern und dem Pferd ein aktives Leben zu ermöglichen [4].

Orthopädischer Beschlag: Das Fundament der Therapie

Der orthopädische Beschlag ist die wichtigste therapeutische Maßnahme [4][7]. Ziel ist es, die Belastung der Hufrolle beim Abrollen zu reduzieren und den hinteren Hufbereich zu entlasten.

Typische Beschlagsformen:

Die enge Zusammenarbeit zwischen Schmied und Tierarzt ist entscheidend [6]. Die Beschlagsintervalle sollten kurz gehalten werden – spätestens alle 6 Wochen, bei fortgeschrittenem Stadium oft alle 4 Wochen, um die korrekte Hufbalance zu erhalten.

Medikamentöse Therapie

Systemische NSAIDs: Nicht-steroidale Entzündungshemmer wie Phenylbutazone oder Firocoxib werden zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung eingesetzt. Dosierung gehört in die Hand des behandelnden Tierarztes [4][7].

Intraartikuläre und intrabursale Injektionen: Die Injektion von Kortikosteroiden (Triamcinolonacetat, Betamethasonacetat) mit oder ohne Hyaluronsäure direkt ins Hufgelenk oder in den Hufrollenschleimbeutel kann Entzündung und Schmerz deutlich reduzieren [4][7]. Bei Pferden mit Insulindysregulation oder PPID sollten Kortikoid-Injektionen wegen erhöhtem Hufrehe-Risiko mit besonderer Vorsicht eingesetzt werden.

Bisphosphonate: Tiludronat (Tildren) wird intravenös, Clodronat (Osphos) intramuskulär verabreicht. Beide hemmen den Knochenabbau und haben sich in Studien als vielversprechend gezeigt [5][7]. Mögliche Nebenwirkungen sind Nierenfunktionsstörungen (Nephrotoxizität), Hypocalcämie, Koliksymptome und vorübergehende Agitation – ein Nierenfunktions-Check vor und nach Behandlung wird empfohlen [10]. In den USA sind Bisphosphonate nicht für Pferde unter vier Jahren zugelassen; Off-Label-Anwendung bei jungen Pferden kann das Knochenwachstum beeinträchtigen [10].

⚠️ Wichtig für Turnierreiter: Stickstoffhaltige Bisphosphonate (z. B. Zoledronsäure, Pamidronat) sind seit 2021 in den FN-ADMR als Dopingsubstanz eingestuft und zu keiner Zeit beim Sportpferd erlaubt – weder im Wettkampf noch im Training. Tiludronat und Clodronat sind nicht-stickstoffhaltige Bisphosphonate und nicht vom kompletten Verbot betroffen, haben aber sehr lange Karenzzeiten (mehrere Monate). Sprich vor jedem Einsatz mit deinem Tierarzt über den Turnierstatus deines Pferdes.

Regenerative Therapien: IRAP (Interleukin-1-Rezeptor-Antagonist-Protein), PRP (plättchenreiches Plasma) oder Stammzelltherapie werden zunehmend eingesetzt, insbesondere bei Weichteilschäden [7].

Neurektomie (Ultima Ratio): Im FN- und FEI-Turniersport ist eine Neurektomie nicht erlaubt – neurektomierte Pferde sind startverboten. Außerhalb des Turniersports wird die Durchtrennung der Palmarnerven nur noch selten durchgeführt: Komplikationen wie Neurom-Bildung (mit oft schlimmerer Lahmheit nach 2–3 Jahren), fehlende Schmerzsignale bei fortschreitender Schädigung und Tendinopathie der tiefen Beugesehne machen den Eingriff zur Ultima Ratio [7].

Training und Bewegungsmanagement

Kontrollierte, regelmäßige Bewegung ist essenziell – Stillstand verschlechtert die Durchblutung und die Prognose [4][7]. Ideal ist tägliche Bewegung auf weichem Untergrund: Sandböden, Grasplätze, Hallenboden mit guter Dämpfung.

Vermeide:

Nach einem akuten Entzündungsschub kann das Pferd in der Gangart bewegt werden, in der es nicht lahmt – oft ist Schritt über Wochen die einzige Option [7]. Mit Geduld und konsequenter Therapie tritt nach ein bis zwei Monaten häufig eine deutliche Besserung ein.

Prognose: Nicht heilbar, aber oft jahrelang reitbar

Die Prognose ist vorsichtig bis günstig [4]. In einer retrospektiven Studie mit 343 Pferden zeigten 80 Prozent nach 30 Tagen Tiludronat-Behandlung eine deutliche Verbesserung. Nach einem Jahr nahmen 69 Prozent wieder am Sport teil, davon 82 Prozent auf gleichem oder besserem Niveau [5]. Viele bleiben über Jahre im Freizeitbereich reitbar, manche sogar turnierfähig – vorausgesetzt, das Management stimmt [4][7].

Die Erkrankung ist progressiv. Im Laufe von Monaten bis Jahren lässt die Wirksamkeit der Therapie oft nach, und die Ansprüche müssen angepasst werden [4]. Je früher die Diagnose gestellt wird und je konsequenter Beschlag, Bewegung und medikamentöse Unterstützung umgesetzt werden, desto besser sind die Chancen auf ein langes, aktives Pferdeleben.

Früherkennung ist der Schlüssel: Wenn du bei deinem Pferd schleichende Lahmheit, Wendeschmerz oder Stolperneigung bemerkst, lass es zeitnah vom Tierarzt untersuchen.

Ergänzende Fütterung und Supplemente

Bei chronisch-degenerativen Gelenkerkrankungen wird traditionell auf knorpelunterstützende Nährstoffe gesetzt. Für das Hufrollensyndrom sind insbesondere Glucosamin, Chondroitinsulfat und MSM (Methylsulfonylmethan) gebräuchlich.

Glucosamin und Chondroitin sind Bausteine des Gelenkknorpels und der Gelenkflüssigkeit. Die Evidenz aus kontrollierten Pferdestudien ist moderat – einige Untersuchungen zeigen positive Effekte auf Gelenkfunktion und Entzündungsparameter, andere keinen signifikanten Unterschied zu Placebo. Die Studienlage ist dünn, und die Wirkung ist vermutlich eher unterstützend als therapeutisch.

MSM hat entzündungshemmende Eigenschaften in vitro, kontrollierte Langzeitstudien am Pferd fehlen jedoch weitgehend.

Hagebutte enthält Galaktolipide, denen eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben wird. Die Evidenz stammt überwiegend aus Humanstudien zu Arthrose – für Pferde ist die Datenlage begrenzt.

Wenn du Supplemente fütterst, wähle eine bedarfsgerechte Dosis nach tierärztlicher Beratung und Blutbild. Keine Nahrungsergänzung ersetzt orthopädischen Beschlag, Bewegungsmanagement und tierärztliche Schmerztherapie – sie kann allenfalls ergänzend sinnvoll sein.

Fazit

Das Hufrollensyndrom ist eine komplexe, chronische Erkrankung – aber kein Todesurteil. Mit einem durchdachten Management aus orthopädischem Beschlag, regelmäßiger Hufpflege in kurzen Intervallen, kontrollierter Bewegung auf weichen Böden und tierärztlicher Betreuung bleiben viele Pferde über Jahre schmerzfrei reitbar. Die enge Zusammenarbeit zwischen Tierarzt, Schmied und Pferdebesitzer ist der Schlüssel zum Erfolg. Je früher du auf Warnsignale reagierst, desto besser stehen die Chancen für dein Pferd.

Quellen

  1. [1] Diesterbeck U, Distl O. Review of genetic aspects of radiological alterations in the navicular bone of the horse. Dtsch Tierarztl Wochenschr. 2007;114(11):404-411. PMID: 18077930. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18077930/
  2. [2] Kilcoyne I, Dechant JE, Galuppo LD. The equine navicular apparatus as a premier enthesis organ: Functional implications. Front Vet Sci. 2021;8:700559. PMC8251969. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8251969/
  3. [3] Dyson S. Radiological interpretation of the navicular bone. Equine Vet Educ. 2011;23(2):73-87. https://doi.org/10.1111/j.2042-3292.2010.00147.x
  4. [4] Merck Veterinary Manual – Navicular Syndrome in Horses. https://www.merckvetmanual.com/musculoskeletal-system/disorders-of-the-foot-in-horses/navicular-syndrome-in-horses
  5. [5] Tischmacher A, Wilford S, Allen KA, Mitchell RD. Retrospective analysis of the use of tiludronate in equine practice: Safety and efficacy in 1804 cases. J Equine Vet Sci. 2022;115:104014. PMID: 35577109. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35577109/
  6. [6] Eliashar E. An evidence-based assessment of the biomechanical effects of the common treatments for navicular syndrome. Vet Clin North Am Equine Pract. 2007;23(3):549-557. https://doi.org/10.1016/j.cveq.2007.09.001
  7. [7] Stashak TS. Treating navicular syndrome in equine patients. Vet Med. 2011;106(8):400-407. PMID: 21882161. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21882161/
  8. [8] Sampson SN, Schneider RK, Gavin PR, Ho CP, Tucker RL, Charles EM. Magnetic resonance imaging findings in horses with recent onset navicular syndrome but without radiographic abnormalities. Vet Radiol Ultrasound. 2009;50(4):339-346. PMID: 19697596. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19697596/
  9. [9] Schumacher J, Graves FT, Schramme MC, Smith RKW. A review of the palmar digital nerve block as a diagnostic technique for navicular syndrome. Equine Vet Educ. 2013;25(5):258-264. https://doi.org/10.1111/eve.12013
  10. [10] Mitchell A, Wright G, Sampson SN, Martin M, Schneider RK, Prades M. Clodronate improves lameness in horses without adverse effects on the kidneys. BMC Vet Res. 2018;14(1):247. https://doi.org/10.1186/s12917-018-1569-0

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