Zusammensetzung ist eine der häufigsten vermeidbaren Ursachen für Atemwegs- und Verdauungsprobleme beim Pferd. Mit der richtigen Sinnenprüfung erkennst du vor dem Kauf, ob das Heu deinem Pferd guttut – oder ob du lieber die Finger davon lässt.

Warum Heuqualität so entscheidend ist

Heu macht bei den meisten Pferden 70 bis 90 Prozent der täglichen Futterration aus. Es landet über 12 Stunden oder länger im Verdauungstrakt – und damit auch alles, was im Heu steckt: Nährstoffe, aber auch Staub, Schimmelpilzsporen und Mykotoxine.

Schlechte Heuqualität ist ein Hauptauslöser für chronische Atemwegserkrankungen. Schweres equines Asthma (sEA) betrifft schätzungsweise 10–20 % der erwachsenen Pferde in der nördlichen Hemisphäre [7]. Schimmelpilze wie Aspergillus fumigatus produzieren Sporen, die beim Fressen und Atmen in die Lunge gelangen und dort Entzündungen auslösen [1]. Die Folge: Equines Asthma, das sich in Husten, verminderter Leistung, Nasenausfluss und im fortgeschrittenen Stadium in der charakteristischen „Dampfrinne" am Bauch zeigt.

Auch der Verdauungstrakt leidet. Mykotoxine – Stoffwechselprodukte der Schimmelpilze – können zu Futterverweigerung, Kolik, Durchfall und Leberschäden führen [3]. Die wichtigsten Mykotoxine beim Pferd sind Aflatoxine, Fumonisine, Trichothecene und Ergovalin [3].

Die Sinnenprüfung – Schritt für Schritt

Du brauchst kein Labor, um die Grundqualität von Heu zu beurteilen. Die klassische Sinnenprüfung – Sehen, Riechen, Fühlen, Hören – zeigt dir sofort die wichtigsten Qualitätsmerkmale.

Sehen: Farbe, Pflanzenarten, Schnittzeitpunkt

Farbe: Gutes Heu hat eine satte grüne bis hellgrüne Farbe. Gelb-bräunliches Heu ist entweder zu spät geschnitten (überständig), zu lange auf der Wiese gelegen oder bereits überlagert – die Nährstoffe sind teilweise abgebaut, der Energiegehalt sinkt. Schwarze, graue oder weiße Flecken deuten auf Schimmelbefall hin – absolute Ausschlusskriterien.

Ähren und Blattanteil: Wenig bis keine Ähren bedeuten frühen Schnitt – das Gras war noch jung, der Blattanteil hoch, die Energiedichte gut. Viele Ähren und dicke, verholzte Stängel zeigen späten Schnitt – energieärmer, faserreicher, für manche Pferde (übergewichtige, Stoffwechselpferde) sogar ideal, für Sportpferde weniger.

Zwei typische Pferdeheu-Gräser: links Wiesenlieschgras (Phleum pratense) mit zylindrischer Ähre, rechts Wiesenrispe (Poa pratensis) mit lockerer Rispe
Zwei erwünschte Pferdeheu-Gräser im Vergleich: links Wiesenlieschgras (Phleum pratense) mit der typischen zylindrischen Ähre, rechts Wiesenrispe (Poa pratensis) mit lockerer Rispe. Foto: © The HorseLoop

Pflanzenmischung: Typische Pferdeheu-Gräser wie Wiesenlieschgras (Phleum pratense), Wiesenrispe (Poa pratensis) und Wiesenschwingel (Festuca pratensis) sollten dominieren. Knaulgras (Dactylis glomerata) ist häufig, enthält aber vergleichsweise viel Zucker – bei stoffwechselempfindlichen Pferden (EMS, Cushing) ein Punkt, auf den du achten solltest. Klee und Luzerne in Maßen sind akzeptabel, aber vorsichtig bei eiweißempfindlichen Pferden. Giftige Pflanzen wie Jakobskreuzkraut (gelbe Blüten, getrocknet schwer erkennbar) haben im Heu nichts zu suchen – überprüfe die Wiese vor dem Schnitt.

Riechen: Der wichtigste Schnelltest

Nimm eine Handvoll Heu, drücke sie zusammen und rieche intensiv. Gutes Heu duftet frisch-aromatisch wie Heuwiese oder Kräutertee – eine angenehme, würzige Note.

Muffig-schimmeliger, modriger oder dumpfer Geruch ist ein klares Ausschlusskriterium. Selbst wenn das Heu äußerlich noch gut aussieht: Schimmelpilze und ihre Sporen sind da, auch wenn du sie nicht siehst. Pferde mit solchem Heu zu füttern, riskiert Equines Asthma, Kotwasser und Leberschäden [1][2][6].

Süßlich-gäriger Geruch weist auf Heulage hin – also angewelktes, leicht fermentiertes Gras. Das ist kein klassisches Heu mehr, sondern eine andere Futterform. Wenn du trockenes Heu erwartest, ist das ein Zeichen für zu hohe Restfeuchte beim Pressen.

Fühlen: Trockenheit und Konsistenz

Gutes Heu fühlt sich trocken und leicht raschelig an. Die Stiele sind noch etwas elastisch, nicht hart und brüchig – das zeigt, dass das Heu nicht überständig war und die Trocknung schonend erfolgte.

Klammes oder feuchtes Heu ist ein Alarmsignal. Die Restfeuchte liegt zu hoch – Schimmelrisiko steigt massiv, vor allem wenn das Heu dicht gepresst wurde. Solches Heu entwickelt in der Lagerung Wärme (Nachschwitzen) und kann innerlich verderben, selbst wenn es außen noch trocken aussieht.

Harte, spröde Stiele, die beim Anfassen sofort brechen, deuten auf überständiges, energiearmes Heu hin – kann für manche Pferde sinnvoll sein (Diätpferde), ist aber kein Qualitätsmerkmal für Allround-Heu.

Hören: Der Raschel-Test

Schüttle das Heu. Gutes, trockenes Heu raschelt knackig und klar – wie Papier. Feuchtes Heu klingt dumpf, fast lautlos. Das ist ein schneller Zusatzcheck zur Trockenheit.

Frisch gemähtes Gras beim Trocknen auf der Wiese – die Schwade müssen gleichmäßig abtrocknen
Heu beim Trocknen auf der Wiese: Die Schwade brauchen mehrere Tage gleichmäßige Sonneneinstrahlung, bevor sie gepresst werden können. Foto: © The HorseLoop

Schnittzeitpunkt und Nährstoffgehalt

Der Zeitpunkt, wann das Gras gemäht wurde, bestimmt die Nährstoffdichte maßgeblich.

Erster Schnitt (Ende Mai bis Anfang Juni): Energie- und eiweißreich, wenn früh geschnitten. Enthält viel Blattmasse, wenig verholzte Stängel. Ideal für Pferde in Arbeit, Zuchtstuten, Jungpferde. Wird der erste Schnitt zu spät gemacht, steigt der Rohfaseranteil, die Verdaulichkeit sinkt.

Zweiter und dritter Schnitt (Juli bis September): Meist eiweißreicher und energiedichter als später Erstschnitt, weil das Gras weniger Zeit zum Verholzen hatte. Für Sportpferde oft besser geeignet, für stoffwechselsensible Pferde (EMS, Cushing, Hufrehe-Risiko) kann der höhere Energie- und Zuckergehalt problematisch sein.

Als Praxis-Faustregel gilt: Je früher der Schnitt, desto höher der Nährstoffgehalt – aber nicht jedes Pferd braucht viel Energie. Übergewichtige Pferde, Robustpferde und Stoffwechselpatienten profitieren oft von energieärmerem, spät geschnittenem Heu. Der Zuckergehalt hängt auch von der Tageszeit des Schnitts ab: Heu, das am späten Nachmittag gemäht wurde, enthält durch die tagsüber stattfindende Photosynthese mehr Zucker als Heu vom Morgenschnitt – für Hufrehe-Pferde ist früh geschnittenes Heu günstiger.

Lagerung: Das Nachschwitzen nicht unterschätzen

Frisch gepresstes Heu sollte nicht sofort verfüttert werden. In den ersten 6 bis 8 Wochen nach der Ernte „schwitzt" das Heu nach – Restfeuchte gleicht sich aus, es entsteht Wärme und CO₂. Wird es zu früh verfüttert, kann es zu Verdauungsproblemen führen. Die 6–8 Wochen sind eine praxisbewährte Faustregel – der Nachschwitz-Prozess ist oft schon nach 4–6 Wochen abgeschlossen, aber der Sicherheitsabstand hat sich in der Praxis bewährt.

Optimale Lagerbedingungen:

Heu, das länger als ein Jahr gelagert wird, verliert allmählich an Vitaminen (vor allem Vitamin A und E) und kann staubiger werden.

Heuanalyse im Labor – wann lohnt sie sich?

Bei großen Heuchargen, Pferden mit Stoffwechselerkrankungen (EMS, PSSM, Cushing) oder bei Verdacht auf Nährstoffmängel ist eine Labor-Heuanalyse sinnvoll. Sie kostet zwischen 40 und 100 Euro, liefert aber präzise Daten.

Wichtige Parameter:

Du kannst nur dann die Analyseergebnisse auf die ganze Charge übertragen, wenn das beprobte Heu aus derselben Ernte von derselben Anbaufläche stammt [4].

Heu-Mengen: Wie viel braucht dein Pferd?

Als Praxis-Faustregel haben sich 1,5 bis 2 % des Körpergewichts pro Tag an Raufutter (Frischmasse) etabliert – bei einem 500-kg-Pferd also 7,5 bis 10 kg Heu. Da Heu in der Regel 85–88 % Trockenmasse enthält, entspricht das etwa 1,3–1,7 % der Körpermasse als Trockenmasse. Pferde in intensiver Arbeit oder laktierende Stuten können mehr brauchen, übergewichtige oder stoffwechselkranke Pferde bekommen kontrolliert weniger – aber niemals unter 1 kg Raufutter pro 100 kg Körpergewicht, um die Magen-Darm-Gesundheit aufrechtzuerhalten [5].

Schimmelpilz-Risiko: Muffiges Heu ist akut gefährlich

Muffig-riechendes Heu darf nicht verfüttert werden – auch nicht „nur ein bisschen" oder „die guten Stellen rausgepickt". Schimmelpilzsporen verteilen sich unsichtbar im gesamten Ballen. Verfütterst du solches Heu trotzdem, drohen Equines Asthma, chronischer Husten, Kotwasser, Kolik und in schweren Fällen Leberschäden durch Mykotoxine [3][6].

In einer Untersuchung irischer und kanadischer Heuproben enthielten 50 % der irischen Heu- und 37 % der Heulageproben pathogene Pilze, darunter Aspergillus und Fusarium [1]. Pilze und Mykotoxine sind als Hauptursache für Atemwegsprobleme und schlechte Leistung beim Pferd anerkannt [1].

Bei Verdacht auf Schimmel: Heu nicht verfüttern, neue Charge besorgen. Dein Pferd dankt es dir mit gesunden Atemwegen.

Heu einweichen vs. bedampfen

Wenn dein Pferd Atemwegsprobleme hat oder du den Staub- und Zuckergehalt reduzieren willst, hast du zwei Optionen:

Heu einweichen (30–60 Minuten): Reduziert Staub und kann wasserlösliche Kohlenhydrate (WSC) senken – allerdings ist das Ausmaß stark heuabhängig und schwankt je nach Ausgangsqualität [6]. Einweichen entzieht auch Vitamine und Mineralien. Eingeweichtes Heu sollte innerhalb weniger Stunden verfüttert werden, sonst droht Verkeimung. Warmes Wasser (ca. 16–18 °C) reduziert den Zuckergehalt schneller als kaltes, beschleunigt aber auch die Keimvermehrung – das Einweichwasser darf nicht wiederverwendet werden.

Heu bedampfen: Bedampfen reduziert Staub, Schimmelpilzsporen und Bakterien deutlich – Herstellerangaben sprechen von bis zu 99 % Reduktion, wissenschaftliche Studien bestätigen eine erhebliche Reduktion bei korrekter Bedampfung (mindestens 99 °C, ca. 60 Minuten Dauer). Für Asthma-Pferde ist Bedampfen die bessere Wahl, weil die Energiedichte erhalten bleibt. Bedampftes Heu verliert allerdings einen Teil seiner Nährstoffe: Das praecaecal verdauliche Rohprotein kann um bis zu 40 % sinken, auch WSC und Fruktane werden reduziert. Mengen- und Spurenelemente bleiben erhalten. Bei Jungpferden, Zuchtstuten oder hohem Leistungsbedarf sollte der Proteinverlust in der Ration ausgeglichen werden.

Die Wahl hängt vom Pferd ab: Asthma-Patient → bedampfen; Fruktan-/EMS-Patient → einweichen (zusätzlich zur Heuanalyse) oder spezielles spät geschnittenes Heu wählen.

Fazit

Gute Heuqualität ist die Basis für gesunde Pferde – und du kannst sie mit einfachen Mitteln selbst prüfen. Nimm dir beim Kauf die Zeit für die Sinnenprüfung: Schau auf Farbe und Pflanzen, rieche intensiv nach Schimmel, fühle die Trockenheit und lausche dem Rascheln. Muffig-schimmeliges Heu hat im Futtertrog nichts zu suchen – es riskiert die Atemwegsgesundheit deines Pferdes. Bei Stoffwechselerkrankungen oder großen Chargen lohnt sich die Labor-Analyse, um Zucker, Protein und Mineralien genau zu kennen. Und lass das Heu nach der Ernte mindestens 6 bis 8 Wochen durchschwitzen, bevor du es verfütterst – dein Pferd wird es dir mit stabilem Verdauungstrakt und klarer Lunge danken.

Quellen

  1. [1] Buckley T, Creighton A, Fogarty U. 2007. „Analysis of Canadian and Irish forage, oats and commercially available equine concentrate feed for pathogenic fungi and mycotoxins." Ir Vet J 60(4):231–236. DOI: 10.1186/2046-0481-60-4-231. PMID 21851693. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21851693/
  2. [2] Intemann S, Reckels B, Schubert D, Wolf P, Kamphues J, Visscher C. 2022. „The Hygienic Status of Different Forage Types for Horses — A Retrospective Study on Influencing Factors and Associations with Anamnestic Reports." Vet Sci 9(5):226. DOI: 10.3390/vetsci9050226. PMID 35622753. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9143553/
  3. [3] Ensley S, Mostrom M. 2024. „Equine Mycotoxins." Vet Clin North Am Equine Pract 40(1):83–94. DOI: 10.1016/j.cveq.2023.10.002. PMID 38061965. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38061965/
  4. [4] Gesundheitsvorsorge – Die kleinen Helfer im Trog. PM-Forum Digital 2016. https://www.pm-forum-digital.de/project/die-kleinen-helfer-im-trog-02-2016/
  5. [5] Empfehlungen für die Pferdefütterung. Landwirtschaftskammer NRW. https://www.landwirtschaftskammer.de/lufa/download/fachinfo/futtermittel/empfehlungen_pferdefuetterung.pdf
  6. [6] Mold and Mycotoxins in Horse Hay. Penn State Extension. https://extension.psu.edu/mold-and-mycotoxins-in-horse-hay
  7. [7] Davis KU, Sheats MK. 2019. „Bronchoalveolar Lavage Cytology Characteristics and Seasonal Changes in a Herd of Pastured Teaching Horses." Front Vet Sci 6:74. DOI: 10.3389/fvets.2019.00074. PMC 6426765. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6426765/
  8. [8] Geor RJ. 2009. „Pasture-Associated Laminitis." Vet Clin North Am Equine Pract 25(1):39–50. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19303550/

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