Was ist das Equine Metabolische Syndrom?

EMS ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Begriff für eine Sammlung von Risikofaktoren, die gemeinsam das Risiko für endokrinopathische Hufrehe massiv erhöhen [1][2]. Der zentrale und konsistente Befund ist die Insulindysregulation (ID) – eine Störung im Zusammenspiel von Insulin, Glukose und Fettstoffwechsel [1][2].

Insulindysregulation bedeutet: Das Pferd reagiert auf Kohlenhydrate mit überschießenden Insulinausschüttungen (Hyperinsulinämie) oder die Körperzellen sprechen nicht mehr ausreichend auf Insulin an (Insulinresistenz) – häufig tritt beides zusammen auf [3]. Die dauerhaft oder wiederholt erhöhten Insulinspiegel sind der direkte Auslöser für Hufrehe bei EMS-Pferden [4].

Oft, aber nicht zwingend, geht EMS mit Übergewicht und typischen Fettdepots an Mähnenkamm, Schulter, Kruppe und Schweifansatz einher. Doch auch schlanke Pferde können eine Insulindysregulation entwickeln – die Stoffwechselentgleisung ist entscheidend, nicht das Gewicht allein [1][6].

Abgrenzung zu PPID (Cushing)

EMS und PPID (Equines Cushing-Syndrom, eine altersbedingte Hormonerkrankung der Hirnanhangsdrüse) können parallel vorkommen, sind aber unterschiedliche Störungen. PPID entsteht durch einen fortschreitenden Untergang dopaminerger Nervenzellen, wodurch der Hypophysen-Zwischenlappen (Pars intermedia) wuchert – zunächst als Hyperplasie, später als gutartiges Adenom. EMS ist dagegen primär eine Stoffwechselentgleisung. Pferde mit PPID zeigen häufig Fellwechselstörungen, langes, gelocktes Fell und Muskelschwund – Symptome, die bei reinem EMS fehlen. Die Diagnostik unterscheidet sich: Für PPID sind ACTH- und TRH-Stimulationstests entscheidend, für EMS die Insulindiagnostik. Bei älteren Pferden kann eine Überschneidung bestehen – dann sind beide Erkrankungen zu managen.

Welche Pferde sind besonders gefährdet?

Robustpferde-Typen wie Ponys, Isländer, Fjordpferde, Haflinger und Kaltblut-Rassen sind anfälliger für EMS, weil ihr Stoffwechsel an knappe Futterangebote und lange Wintermonate angepasst ist [1]. Bei üppiger Haltung mit reichlich Weidegang und konzentriertem Kraftfutter entgleist der Stoffwechsel schneller.

Auch genetisch zur Insulindysregulation neigende Rassen wie Morgan Horses oder bestimmte Quarter Horses zeigen eine erhöhte EMS-Anfälligkeit – unabhängig vom Stockmaß. Das gilt phänotypisch und rassespezifisch, nicht pauschal über die 149-cm-Grenze [1].

Übergewicht, höheres Alter und weibliches Geschlecht erhöhen das Risiko zusätzlich, sind aber keine Voraussetzung – auch junge, normalgewichtige Pferde können betroffen sein.

Symptome und klinische Anzeichen

Die typischen Befunde bei EMS sind:

Übergewicht und regionale Fettdepots: Viele EMS-Pferde haben einen Body Condition Score (BCS) über 6 von 9 und ausgeprägte Fettpolster am Mähnenkamm (cresty neck), an Schulter, Kruppe und Schweifansatz [6]. Der BCS wird anhand von neun Körperregionen (Hals, Schulter, Rippen, Rücken, Kruppe, Schweifansatz) visuell und palpatorisch beurteilt – ein BCS von 5 ist ideal, ab 7 gilt das Pferd als deutlich übergewichtig. Wenn du unsicher bist, wie du den BCS deines Pferdes bestimmst: Taste systematisch die Rippen ab – sie sollten ohne Druck fühlbar, aber nicht sichtbar sein. Ein deutlicher Mähnenkamm, der sich hart anfühlt, ist ein Warnzeichen.

Hufrehe-Anfälligkeit: Pferde mit EMS erleiden wiederholt Hufrehe-Schübe, oft im Zusammenhang mit Weidegang oder zucker- und stärkereichen Futtermitteln [1][4]. Die Hufrehe bei EMS entsteht nicht mechanisch oder durch Entzündung, sondern endokrinologisch – durch die dauerhaft hohen Insulinspiegel.

Lethargie und Leistungsabfall: Betroffene Pferde wirken träge, wenig motiviert und ermüden schneller als erwartet.

Keine akuten Allgemeinsymptome: Anders als bei manchen anderen Stoffwechselerkrankungen zeigt EMS meist keine Fieber, Kolik oder starke Schmerzsymptome – die Auffälligkeiten entwickeln sich schleichend.

Diagnostik: Insulindysregulation nachweisen

Die Diagnose von EMS basiert auf klinischer Untersuchung, Vorbericht (Hufrehe-Episoden, Gewichtsverlauf) und labordiagnostischem Nachweis der Insulindysregulation [1][2].

Nüchtern-Insulin (Basales Insulin): Ein einfacher Bluttest nach mindestens 6-stündiger Futterkarenz. Erhöhte Werte deuten auf Insulinresistenz hin, doch normale Werte schließen EMS nicht aus – dieser Test ist wenig sensitiv [4][6].

Oraler Zuckertest (OST): Der OST ist praktikabler und sensitiver. Dem nüchternen Pferd wird Maissirup (Karo Light Corn Syrup, 0,15 ml/kg Körpergewicht) oral verabreicht, 60 und 90 Minuten später wird Blut abgenommen und der Insulinspiegel gemessen [1][6]. Ein deutlicher Anstieg zeigt eine überschießende Insulinreaktion – typisch für EMS. Der Test simuliert, wie das Pferd auf Zucker im Futter reagiert, und ist für die Praxis gut geeignet [5].

Insulin-Toleranztest (ITT): Misst, wie gut die Gewebe auf Insulin reagieren. Nach Insulin-Gabe wird der Glukoseabfall gemessen. Bleibt die Glukose zu hoch, ist das Pferd insulinresistent [6].

Kombinierter Glukose-Insulin-Test (CGIT) und FSIGTT: Diese aufwendigeren Tests sind genauer, erfordern aber mehrere Blutentnahmen und werden meist in Kliniken durchgeführt.

Die Wahl des Tests hängt von der klinischen Situation ab. Bei Verdacht auf EMS und unklarem Nüchtern-Insulin ist der OST die erste Wahl – er ist einfach durchführbar, kostengünstig und liefert verlässliche Hinweise auf die Stoffwechsellage [5].

Therapie und Management: Futter und Bewegung

EMS wird primär über Fütterung und Bewegung kontrolliert, nicht medikamentös [1][2]. Die Ziele: Insulinregulation verbessern, Übergewicht reduzieren, Hufrehe vermeiden.

Kalorienreduzierte Diät: Die Raufuttermenge wird auf etwa 1,25–1,5 % des aktuellen Körpergewichts als Trockensubstanz begrenzt (das entspricht rund 1,4–1,7 % Frischmasse „wie gefüttert"). Bei einem Pferd, das aktuell 600 kg wiegt, sind das grob 7,5–9 kg Heu-Trockensubstanz pro Tag – als Frischmasse etwas mehr. Bei Pferden, die kaum abnehmen, kann unter Kontrolle bis auf 1,0 % TS reduziert werden. Wichtig: Dein Zielgewicht steuerst du über die Dauer der Diät, nicht über eine noch strengere Anfangsration – zu knappe Rationen erhöhen das Risiko für Hyperlipidämie. Das Heu sollte arm an wasserlöslichen Kohlenhydraten (WSC) und Stärke sein – die Summe aus WSC und Stärke (NSC, non-structural carbohydrates) sollte möglichst unter 10 % der Trockensubstanz liegen – das ist die ECEIM-Empfehlung für Pferde mit Insulindysregulation. Werte um 10–12 % gelten als Obergrenze, nicht als Ziel [1][2]. Eine Heuanalyse gibt Sicherheit.

Heu wiegen, nicht schätzen: Der häufigste Fehler ist, die Heumenge zu überschätzen. Ein Heuportionsnetz oder eine Kofferwaage schafft Klarheit.

Übergewichtiges Pony frisst Heu aus einem engmaschigen Heunetz (Slow Feeder) – die kleinen Maschen verlangsamen die Futteraufnahme und verlängern die Fresszeit
Ein engmaschiges Heunetz verlangsamt die Aufnahme und verlängert die Fresszeit – so lässt sich die knappe Tagesration strecken, ohne die Menge zu erhöhen.

Kraftfutter streichen, Weidegang begrenzen: Getreide, Müsli, Melasse und zuckerreiche Leckerlis sind tabu. Weidegang ist die größte Herausforderung – frisches Gras ist extrem zucker- und fruktanreich, besonders im Frühjahr, nach Frost und in den Morgenstunden. In der Anfangsphase der Diät (die ersten 6–12 Wochen) sollte am besten gar kein Weidegang stattfinden – die aufgenommene Grasmenge lässt sich kaum kontrollieren. Erst wenn die Insulinlage stabil ist, ist begrenzter Weidegang möglich, dann aber mit Fressbremse (nicht „Maulkorb" – das ist der korrekte Fachbegriff für das Equipment, das die Futteraufnahme drosselt, ohne das Pferd komplett vom Grasen abzuhalten). Achtung: Eine reine Zeitbegrenzung reicht oft nicht – Ponys fressen in nur 3 Stunden über 0,9 % ihres Körpergewichts, also fast eine Tagesration.

Bewegung: Bewegung verbessert die Insulinsensitivität – sofern keine aktive Hufrehe vorliegt. Beginne mit leichtem Training (Schritt, longieren im ruhigen Tempo) und steigere langsam. Bei akuter Hufrehe ist absolute Boxenruhe Pflicht, erst nach Abheilung darf das Pferd wieder bewegt werden.

Gewichtsreduktion ist ein Marathon: Ein sicherer Gewichtsverlust liegt bei 0,5–1 % des Körpergewichts pro Woche. Zu schnelles Abnehmen kann die Leber schädigen (Hyperlipidämie).

Pharmakotherapie: Nur in Ausnahmefällen

Medikamente spielen bei EMS eine untergeordnete Rolle. In manchen Fällen setzen Tierärzte Metformin (verschreibungspflichtig, nach tierärztlicher Verordnung) ein, um die Insulinsensitivität zu verbessern, oder Levothyroxin (verschreibungspflichtig), um den Stoffwechsel anzukurbeln. Die Evidenz für beide Wirkstoffe beim Pferd ist jedoch begrenzt, und die Therapie gehört in tierärztliche Hand.

Ergänzende Fütterung und Supplemente

Neben der Basis-Diät werden in der Praxis einige Nährstoffe und Zusätze diskutiert, deren Wirkung beim Pferd jedoch nicht abschließend belegt ist:

Magnesium: Wird häufig bei insulinresistenten Pferden eingesetzt, weil Magnesiummangel in Humanstudien mit Insulinresistenz assoziiert ist. Beim Pferd gibt es Hinweise, aber keine abschließende Evidenz – eine therapeutische Wirkung ist nicht gesichert.

Chrom: In einigen Studien zeigte Chrom-Supplementierung bei Pferden mit Insulinresistenz moderate Effekte auf den Glukosestoffwechsel, andere Studien fanden keinen Nutzen. Die Studienlage ist dünn und widersprüchlich.

Kurzkettige Fructo-Oligosaccharide (scFOS): Werden als Präbiotika zur Unterstützung der Darmflora eingesetzt. Ob sie die Insulinsensitivität beim Pferd verbessern, ist nicht abschließend belegt.

Wenn du Supplemente erwägst, sollte das nach Blutbild und in Absprache mit dem Tierarzt geschehen – nicht nach Bauchgefühl. EMS ist eine ernsthafte Stoffwechselstörung, bei der Fütterungsfehler direkt in Hufrehe münden können.

Hufrehe-Prävention: Zucker und Fruktane meiden

Die größte Gefahr für EMS-Pferde ist Hufrehe durch hohe Zucker- und Fruktangehalte im Futter. Frisches Gras, aber auch Heu, kann je nach Erntebedingungen hohe WSC-Werte aufweisen. Eine Heuanalyse bringt Klarheit – einweichen senkt die wasserlöslichen Kohlenhydrate, das Ausmaß ist aber stark heuabhängig und ohne Vor- und Nach-Analyse nicht vorhersagbar.

An normalen, milden Tagen ist der Zuckergehalt im Gras früh morgens am niedrigsten und steigt über den Tag durch die Photosynthese an – nachmittags und abends ist er am höchsten. Die gefährliche Ausnahme sind kalte Nächte und Frost: Dann kann die Pflanze den tagsüber gebildeten Zucker nachts nicht veratmen, und das Gras bleibt auch morgens gefährlich zuckerreich. Deshalb gilt: Nach Frost oder in kalten, sonnigen Perioden besser gar nicht grasen lassen – eine feste „sichere Tageszeit" gibt es nicht. Eine Fressbremse reduziert die Grasaufnahme, ersetzt aber keine Kontrolle der Weidezeiten.

Fazit

EMS ist keine Diagnose, sondern ein Warnsignal: Dein Pferd trägt ein hohes Hufrehe-Risiko, weil sein Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die gute Nachricht: Mit konsequenter Fütterungsdisziplin, portioniertem Raufutter, kontrolliertem Weidegang und regelmäßiger Bewegung kannst du die Insulinregulation massiv verbessern und das Hufrehe-Risiko senken. Je früher du handelst, desto besser stehen die Chancen, dass dein Pferd ohne Hufrehe-Schub durch sein Leben geht.

Quellen

  1. [1] Durham AE, Frank N, McGowan CM, et al. – ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J Vet Intern Med 2019;33(2):335-349. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30724412/
  2. [2] Durham AE, Frank N, McGowan CM, et al. – ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J Vet Intern Med 2019 (Volltext). https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jvim.15423
  3. [3] Frank N, Tadros EM. – Insulin dysregulation. Equine Vet J 2014;46(1):103-112. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24033478/
  4. [4] Bertin FR, de Laat MA. – The diagnosis of equine insulin dysregulation. Equine Vet J 2017;49(5):570-576. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28543410/
  5. [5] Lindåse S, Nostell K, Bröjer J. – A modified oral sugar test for evaluation of insulin and glucose dynamics in horses. Acta Vet Scand 2016;58:64. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27766982/
  6. [6] UC Davis School of Veterinary Medicine – Equine Metabolic Syndrome. https://ceh.vetmed.ucdavis.edu/health-topics/equine-metabolic-syndrome

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