Was ist EOTRH?
EOTRH – ausgeschrieben Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis – ist eine fortschreitende Zahnerkrankung, die vor allem ältere Pferde betrifft. Die Abkürzung beschreibt zwei parallele Prozesse: spezialisierte Zellen (Odontoklasten) bauen die Zahnwurzel ab, während gleichzeitig unregelmäßiges Zement aufgelagert wird, um die zerfallenden Zähne zu stabilisieren [1]. Betroffen sind in erster Linie die Schneidezähne und Eckzähne, seltener auch die vorderen Backenzähne [2][3].
Die klinischen Symptome wurden erstmals 2004 von Klugh an Schneide- und Eckzähnen ohne eigenen Krankheitsnamen beschrieben; der Begriff EOTRH selbst wurde 2008 von Staszyk et al. eingeführt [2]. Die Krankheit wird mittlerweile immer häufiger diagnostiziert – teils weil sie tatsächlich zunimmt, teils weil Tierärzte heute gezielter danach suchen [2].
EOTRH gilt als schmerzhaft und progressiv, die Ursache ist bislang nicht eindeutig geklärt [1][3]. Diskutiert werden bakterielle Infektionen des Zahnhalteapparats, mechanischer Stress durch zu lange Schneidezähne, Durchblutungsstörungen, genetische Veranlagung sowie Fütterungs- und Haltungsfaktoren – insbesondere ein hoher Kraftfutteranteil, geringer Raufutteranteil und fehlender Weidegang [3][7]. Wahrscheinlich ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren [3].
Wer ist betroffen?
EOTRH tritt vorwiegend bei Pferden ab 15 Jahren auf [2][3]. In Studien überwiegen Wallache und ältere Pferde; eine eindeutige Rasseanfälligkeit ist nicht belegt [3]. Mildere Formen werden ab 10 Jahren regelmäßig beobachtet, in Einzelfällen sogar bei jüngeren Pferden [3].
Isländer außerhalb Islands gelten als besonders anfällig [7]. Eine Studie in Island selbst zeigte ein deutlich milderes Bild: 45,7 % der untersuchten Pferde hatten keine radiologischen Veränderungen, nur 1,1 % moderate, keine schweren Fälle. Die Autoren führen den Befund auf die naturnahe Haltung mit ganzjährigem Weidegang zurück [7].
Früherkennung: Diese Symptome solltest du kennen
Die tückische Eigenschaft von EOTRH: Die Erkrankung beginnt unter dem Zahnfleisch und bleibt oft lange unbemerkt. Klinische Symptome zeigen sich häufig erst, wenn die Krankheit bereits fortgeschritten ist [3][6].
Frühe Warnsignale, auf die du achten solltest:
- Zahnfleischrötung und -schwellung: Das Zahnfleisch rund um die Schneidezähne ist gerötet, entzündet oder wirkt wulstig [3].
- Zahnfleischrückgang: Das Zahnfleisch zieht sich zurück, die Zähne wirken länger [3].
- Rötliche Punkte am Zahnfleisch: Kleine rote Punkte über den Zahnwurzeln – lokalisierte Entzündungszeichen [3].
- Schwierigkeiten beim Abbeißen: Dein Pferd nimmt keine Karotten, Äpfel oder hartes Brot mehr aus der Hand, beißt zögerlich ab oder lässt Leckerlis aus dem Maul fallen [3].
- Vermehrte Zahnsteinbildung: Auffällig viel Zahnstein an den Schneidezähnen [3].
- Fauliger Maulgeruch: Die chronische Entzündung kann einen unangenehmen Geruch verursachen [3].
- Empfindlichkeit am Kopf: Dein Pferd wehrt sich beim Auftrensen oder mag nicht am Maul berührt werden [3].
Fortgeschrittene Symptome:
- Bulböse Schwellungen: Knotige Verdickungen über den Zahnwurzeln, erkennbar als harte Beulen unter dem Zahnfleisch [3].
- Gingivale Fisteln (Drainagekanäle): Kleine offene Stellen am Zahnfleisch, aus denen meist serös bis eitrig veränderte Flüssigkeit austritt [3].
- Zahnlockerung und -verlust: Zähne wackeln oder brechen ab [5][6].
- Verändertes Fressverhalten: Langsames Fressen, Fallenlassen von Heu, Gewichtsverlust [3][6].
Wichtig: Selbst bei milden äußeren Anzeichen können auf dem Röntgenbild bereits fortgeschrittene Veränderungen sichtbar sein [6]. Wenn dir eines der Frühsymptome auffällt, lass dein Pferd zahnärztlich untersuchen.
Diagnose: Röntgen ist unverzichtbar
Die zuverlässige Diagnose von EOTRH basiert auf der Kombination aus klinischer Untersuchung und Röntgenaufnahmen [3]. Die visuelle Inspektion und das Abtasten des Zahnfleischs geben erste Hinweise, aber die Röntgenbilder sind entscheidend: Nur so lässt sich der tatsächliche Schweregrad der Wurzelresorption und Zementverdickung feststellen [3][6].
Warum Röntgen so wichtig ist: Die frühen Veränderungen – Auflösung der Zahnwurzeln, Verdichtung des Zements, Verlust des Zahnhalteapparats – finden unterhalb des Zahnfleischs statt und sind äußerlich nicht sichtbar [3][6]. Für die Einordnung der Befunde existieren mehrere Klassifikationssysteme – am häufigsten 4- oder 5-stufige radiologische Skalen, die von „keine Befunde" bis „schwer" reichen [3][7].
Wie sich die Stadien klinisch und radiologisch unterscheiden, zeigt die oben abgebildete Vergleichstafel aus der Górski-Studie 2022: Vom äußerlich noch unauffälligen Schneidezahn (Stadium 0) über erste subtile radiologische Veränderungen bis hin zur deutlichen bulbösen Wurzelverdickung im Stadium 3 [10]. Die Studie nutzt zusätzlich Entropie-basierte Bildanalyse, um Veränderungen früher zu erkennen, als es das menschliche Auge schafft [10].
Eine Studie an 142 Pferden ab 10 Jahren zeigte, dass EOTRH die Schneidezahnreihe in einem bilateral-symmetrischen Muster befällt, wobei die Eckschneidezähne (die äußeren Schneidezähne) am stärksten betroffen sind – die Triadan-Position hatte dabei einen stärkeren Einfluss als das Alter [4]. Frühere radiologische Untersuchungen zeigen, wie verbreitet die Erkrankung ist: 94 % der Pferde wiesen mindestens leichte radiologische Veränderungen auf, 62 % moderate bis schwere [9]. Der Schweregrad korreliert mit dem Alter (rho = 0,48; p < 0,001) [4].
Was zu tun ist: Behandlungsoptionen
Die gute Nachricht zuerst: Pferde mit vollständiger oder teilweiser Extraktion der betroffenen Zähne zeigen in der Regel eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität [5]. Viele fressen bereits am nächsten Tag wieder normal und lernen sogar, ohne Schneidezähne zu grasen, indem sie Lippen und Zunge einsetzen [3].
Die Kehrseite: EOTRH ist nicht heilbar und schreitet ohne Behandlung fort [5]. Je weiter die Erkrankung voranschreitet, desto stärker die Schmerzen. Frühzeitiges Handeln ist entscheidend.
Behandlungsstrategien — abhängig vom Schweregrad
Milde Fälle: Bei rein radiologischen Befunden ohne Schmerzsymptomatik kann zunächst engmaschig beobachtet werden. Bei klinischen Frühsymptomen (Zahnfleischrötung, Schmerzen beim Abbeißen) sollte hingegen schon aktiv behandelt werden. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen (alle 6–12 Monate) und Röntgenaufnahmen alle 1–2 Jahre helfen, das Fortschreiten zu überwachen [3]. Schmerzmanagement mit entzündungshemmenden Medikamenten (nach tierärztlicher Verordnung) kann die Symptome lindern [5].
Moderate bis schwere Fälle: Die aktuell erfolgreichste Behandlung ist die Extraktion der betroffenen Zähne [5][6]. Das klingt drastisch, ist aber in den meisten Fällen die einzige Möglichkeit, dem Pferd die Schmerzquelle zu nehmen. Die Eingriffe werden meist unter Sedierung am stehenden Pferd mit örtlicher Betäubung durchgeführt; bei umfangreicher Extraktion (alle Schneide- und Eckzähne) ist je nach Klinik auch eine Vollnarkose möglich [5]. Die Nachsorge umfasst weiches Futter für mehrere Wochen; Antibiotika werden nicht mehr routinemäßig gegeben, sondern nur bei klarer klinischer Indikation (z. B. Sepsis, schwere Infektion). Reiten mit Gebiss sollte mindestens 4 Wochen pausieren, je nach Heilungsverlauf länger [5].
Wie viele Zähne entfernt werden müssen: Das hängt vom Stadium bei Diagnosestellung ab. Bei früher Erkennung können es nur 1–4 Zähne sein, in fortgeschrittenen Fällen alle Schneidezähne und Eckzähne [5][6].
Prognose nach Extraktion: Die Prognose ist günstig. Die meisten Pferde erleben nach der Operation eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität [3][5]. Viele Pferde fressen, grasen und arbeiten problemlos weiter – auch ohne Schneidezähne. Sie nutzen die beweglichen Lippen und die Zunge, um Gras aufzunehmen, und die Backenzähne zum Zerkauen [3].
Prophylaxe: Früherkennung ist alles
Da die genaue Ursache von EOTRH noch unklar ist, gibt es keine gesicherte Prävention [3]. Was du aber tun kannst: regelmäßige zahnärztliche Kontrollen, besonders ab einem Alter von 10–15 Jahren.
Praktische Maßnahmen:
- Jährliche Zahnkontrollen durch einen erfahrenen Tierarzt oder Pferdedentisten – auch wenn keine offensichtlichen Probleme bestehen.
- Röntgenaufnahmen im Verdachtsfall oder als Screening bei älteren Pferden, um EOTRH frühzeitig zu erkennen, bevor Schmerzen auftreten [3][6].
- Eigene Kontrolle: Schau dir regelmäßig die Schneidezähne und das Zahnfleisch deines Pferdes an. Achte auf Rötungen, Schwellungen, zurückgehendes Zahnfleisch oder vermehrten Zahnstein.
- Zugang zu Weidegang: Eine Studie legt nahe, dass ausreichend Weidegang die Zahngesundheit fördert, da Grasen die Durchblutung des Zahnfleischs anregt und den Speichelfluss erhöht [3].
Ernährung und Supplemente: Was hilft wirklich?
Die Supplementforschung zu EOTRH steckt noch in den Kinderschuhen. Einige Nährstoffe werden diskutiert, die Evidenzlage ist jedoch dünn – und keine Ergänzung ersetzt die tierärztliche Versorgung.
Vitamin D, Kalzium und Selen: Eine aktuelle Studie untersuchte hämatologische und biochemische Parameter bei EOTRH-Pferden und fand keine signifikanten Unterschiede in den Vitamin- und Spurenelementkonzentrationen im Vergleich zu gesunden Kontrollen [8]. EOTRH scheint eine überwiegend lokale Entzündung auszulösen, ohne messbare systemische Veränderungen im Blut [8]. Die Hypothese eines kausalen Vitamin-D- oder Selenmangels konnte bislang nicht bestätigt werden [8]. Wichtig: Eine Selen-Supplementierung „auf Verdacht" ist gefährlich – Selen hat eine sehr enge therapeutische Breite, eine Selenose entsteht schnell. Vor jeder Selen-Gabe gehört deshalb eine Blutbild-Kontrolle in tierärztliche Hand.
Cholin und schwefelhaltige Aminosäuren (Methionin, Cystein): Werden traditionell zur Unterstützung einer bedarfsgerechten Leberfunktion eingesetzt. Ob sie den Verlauf von EOTRH beeinflussen, ist nicht belegt.
Zink, Kupfer, Magnesium: Spurenelemente, die in die Zahnmineralisation involviert sind. Eine Studie zur Spurenelementverteilung in EOTRH-betroffenen Zähnen zeigte Dysregulationen, allerdings ist unklar, ob diese Ursache oder Folge der Erkrankung sind [8]. Eine therapeutische Wirkung durch Supplementierung ist beim Pferd nicht abschließend belegt.
Vital- oder Medizinalpilze: Werden in der Praxis vereinzelt empfohlen, kontrollierte klinische Studien am Pferd fehlen jedoch. Ohne wissenschaftliche Basis bleibt das spekulativ.
Fazit: Wenn dein Pferd an EOTRH erkrankt ist, steht die tierärztliche Behandlung – Schmerzmanagement, Zahnextraktion – an erster Stelle. Eine ausgewogene Mineralstoffversorgung ist grundsätzlich sinnvoll, aber erwarte keine heilende Wirkung durch Supplemente. Sprich mit deinem Tierarzt über eine Blutuntersuchung, um tatsächliche Mängel zu identifizieren, bevor du supplementierst.
Lebensqualität nach EOTRH: Pferde können wieder aufblühen
Die Diagnose EOTRH ist kein Todesurteil. Mit rechtzeitiger Erkennung und konsequenter Behandlung können betroffene Pferde schmerzfrei und mit guter Lebensqualität weiterleben. Pferde mit vollständiger Extraktion ihrer Schneidezähne passen sich erstaunlich gut an: Sie lernen, mit Lippen und Zunge Gras aufzunehmen, und können weiterhin gearbeitet und geritten werden [3][5].
Eine tierärztliche Studie bestätigte, dass radikale Zahnextraktionen die Lebensqualität deutlich verbessern können [6]. Der entscheidende Faktor ist die Früherkennung: Je früher du handelst, desto geringer der Schaden – und desto besser die Aussichten für dein Pferd.
Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung.
Quellen
- Smedley RC et al. – Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis: Histopathologic Features. Vet Pathol 2015. PMID 26077784
- James O. – Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis. J Vet Dent 2022. PMID 36198033
- UC Davis Center for Equine Health – Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis (EOTRH). ceh.vetmed.ucdavis.edu
- Rehrl S et al. – Equine odontoclastic tooth resorption and hypercementosis: Investigating individual incisor disease patterns using radiological classification. Equine Vet J 2023. PMID 35575133
- Carmalt JL. – Update on Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis. Vet Clin North Am Equine Pract 2020. PMID 33067098
- Rahmani V, Häyrinen L, Kareinen I, Ruohoniemi M – History, clinical findings and outcome of horses with radiographical signs of equine odontoclastic tooth resorption and hypercementosis. BMC Vet Res 2019;15(1):456. PMC7008772
- Hain AM, Tretow M, Bienert-Zeit A – Radiographic Evaluation of EOTRH in Horses Living Under Natural Conditions in Iceland. J Vet Dent 2026 (Epub 2025-09-24). PMID 40990592
- Bienert-Zeit A et al. – Aetiological relevance of haematological, biochemical and endocrine parameters on equine odontoclastic tooth resorption and hypercementosis (EOTRH). J Anim Physiol Anim Nutr 2025. PMID 40626519
- Rehrl S et al. – Radiological prevalence of equine odontoclastic tooth resorption and hypercementosis. Equine Vet J 2018. PMID 29067719
- Górski K et al. – Application of Two-Dimensional Entropy Measures to Detect the Radiographic Signs of Tooth Resorption and Hypercementosis in an Equine Model. Biomedicines 2022. PMC9687516