Was ist DSLD/ESPA?
DSLD steht für Degenerative Suspensory Ligament Desmitis – eine fortschreitende Bindegewebserkrankung beim Pferd, die lange als reine Fesselträger-Problematik galt. Doch Forschungen der letzten zwei Jahrzehnte haben gezeigt: DSLD ist eine systemische Erkrankung, die den gesamten Körper betrifft [1]. Deshalb schlagen Wissenschaftler seit 2006 den Namen ESPA vor – Equine Systemic Proteoglycan Accumulation [1] –, wobei sich der Begriff in der klinischen Praxis bisher nicht durchgesetzt hat; international wird weiterhin „DSLD" verwendet.
Der Kern des Problems: Im Bindegewebe betroffener Pferde sammeln sich übermäßig Proteoglykane an – normalerweise wichtige Zucker-Protein-Komplexe, die Gewebe Struktur und Elastizität geben [1]. Bei DSLD sind diese Moleküle jedoch in veränderter Zusammensetzung und zu großen Mengen vorhanden, was das Bindegewebe schwächt statt zu stärken [1][5].
Mikroskopische Untersuchungen zeigten Proteoglykan-Ablagerungen nicht nur im Fesselträger, sondern auch in oberflächlichen und tiefen Beugesehnen, Kniebändern, Nackenband, Herzgefäßsystem und der Lederhaut des Auges [1]. DSLD ist damit eine Erkrankung mit weitreichenden Folgen für den gesamten Organismus [1].
Welche Pferde sind betroffen?
Ursprünglich wurde DSLD als Alterungs- oder Überlastungs-Problem angesehen. Heute wissen wir: Die Erkrankung hat eine starke genetische Komponente und kann Pferde jeden Alters treffen – in Einzelfällen sogar junge Pferde [2].
Besonders häufig diagnostiziert wird DSLD bei Paso Peruanos. In bestimmten Blutlinien dieser Rasse ist die Prävalenz deutlich erhöht [2]. Doch auch Quarter Horses, Warmblüter, Araber, Saddlebreds, Paso Finos, Vollblüter, Standardbreds und andere Rassen sind betroffen [1][3].
Die Vererbung ist komplex und vermutlich polygen – es sind also mehrere Gene beteiligt [4]. Ein einfacher DNA-Test existiert bislang nicht. Die Forschung arbeitet daran, Genmarker zu identifizieren, die eine Früherkennung und verantwortungsvolle Zuchtentscheidungen ermöglichen würden [2][4].
Symptome: Woran erkennst du DSLD?
Die Frühphase ist tückisch: Die Lahmheit kann mild und wechselnd sein, mal ein Bein, mal mehrere betreffen [3]. Das macht die Früherkennung schwierig. Im weiteren Verlauf entwickeln sich jedoch charakteristische Anzeichen:
Typische Symptome:
- Absinkende Fesseln (Hyperextension), besonders deutlich an den Hinterbeinen – das klassische „Durchtreten" [3][4]
- Bilaterale oder multilaterale Lahmheit ohne Trauma-Vorgeschichte [3]
- Verdickte, verhärtete oder schmerzhafte Fesselträger bei Palpation [3]
- Wärme und Schwellung im Fesselbereich [3]
- Veränderter Gang: steif, unsicher, stolpernd [3]
- Haltungsänderungen: Die Hinterbeine werden weit nach hinten gestellt, mit deutlich durchtretenden Fesseln (camped-out-Stellung); an den Vorderbeinen kommt es zu einem Tiefertreten der Vorderfesseln [3]
- Schmerzen bei der Beugeprobe, oft unverhältnismäßig stark im Vergleich zur beobachteten Lahmheit [3]
- Verminderte Belastungsbereitschaft, längere Liegezeiten und Schwierigkeiten beim Aufstehen in fortgeschrittenen Stadien [3]
Anders als bei akuten Sehnenverletzungen tritt DSLD meist an mehreren Beinen gleichzeitig auf – beide Vorderbeine, beide Hinterbeine oder alle vier [3]. Diese bilaterale Verteilung ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal [3].
Wie wird DSLD diagnostiziert?
Die definitive Diagnose ist eine Herausforderung. Der einzige absolut sichere Weg ist die mikroskopische Untersuchung des Fesselträgers nach dem Tod des Pferdes mit speziellen Färbemethoden [1][4]. Bei lebenden Pferden arbeiten Tierärzte mit einer Kombination aus mehreren Faktoren [1][4]:
Diagnostische Schritte:
- Anamnese und Signalement: Rasse, Alter, Familiengeschichte, fehlende Trauma-Vorgeschichte [1]
- Klinische Untersuchung: Palpation der Fesselträger (Verdickung, Verhärtung, Schmerz), Beurteilung der Fesselstellung [3]
- Beugeprobe: DSLD-Pferde reagieren meist an mindestens zwei Beinen stark positiv [3]
- Ultraschall: Zeigt vergrößerte Fesselträger, gestörte Faserstruktur und Narbengewebe – allerdings ohne spezifischen Hinweis auf die Ursache [1][4]
Ein Ultraschall kann andere Verletzungen ausschließen und Veränderungen im Fesselträger sichtbar machen, liefert aber keine definitive DSLD-Diagnose [4]. Eine Besonderheit: Die Fesselträger beginnen sich bei DSLD zu vergrößern, bevor im Ultraschall die typischen „Löcher" und Faserstörungen zu sehen sind, nach denen Tierärzte normalerweise bei Sehnenschäden suchen [3].
Biopsie des Nackenbands: Forschungen der University of Georgia haben gezeigt, dass auch das Nackenband (Ligamentum nuchae) Proteoglykan-Ablagerungen aufweist [1]. Eine Biopsie dieses Bands wurde als möglicher Diagnose-Test am lebenden Pferd erforscht, erwies sich jedoch als zu subjektiv und inkonsistent und ist derzeit nicht mehr verfügbar [4].
Hautbiopsie mit Genmarkern: Neuere Forschungen untersuchen die Überexpression bestimmter Gene (BMP2, FOS, Keratin-Gene) in Hautbiopsien als mögliche diagnostische Marker [2][4]. Diese Methode ist vielversprechend, aber noch nicht als standardisierter Test etabliert [2].
Prognose: Wie ist der Verlauf?
Die langfristige Prognose für Pferde mit DSLD ist leider extrem schlecht [1]. Es handelt sich um eine fortschreitende, unheilbare Erkrankung [1]. Zwar gibt es Phasen, in denen die Degeneration zu stagnieren scheint und das Pferd relativ komfortabel lebt, doch die Erkrankung schreitet in der Regel fort und endet meist mit der Euthanasie [3].
Der Verlauf ist individuell unterschiedlich. Manche Pferde verschlechtern sich schnell, andere langsam [3]. Das Ergebnis bleibt jedoch dasselbe: Irgendwann wird der Schmerz konstant, die Fesseln sacken weiter ab, das Pferd verliert Gewicht und kann nicht mehr aufstehen [3].
Die Entscheidung zur Euthanasie ist schwer, aber notwendig, um dem Pferd weiteres Leiden zu ersparen. Dein Tierarzt kann dich dabei unterstützen, den richtigen Zeitpunkt zu finden [3].
Was kannst du tun? Management und Therapie
Eine Heilung gibt es nicht, und es existiert bisher keine Behandlung, die das Fortschreiten der Erkrankung nachweislich stoppt [1]. Die Therapie ist rein symptomatisch und zielt darauf ab, dem Pferd Schmerzen zu nehmen und die Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten [1].
Schmerzmanagement:
- In akuten Schüben werden verschreibungspflichtige NSAIDs wie Phenylbutazon nach tierärztlicher Verordnung eingesetzt [3]
- In weniger akuten Phasen werden gelegentlich pflanzliche Präparate mit Weidenrinde, Yucca oder Teufelskralle erwogen – die Wirksamkeitsevidenz beim Pferd ist allerdings dünn. Achtung bei Turnierpferden: Yucca ist als Futtermittelzusatzstoff reglementiert, Teufelskralle steht auf der FN-Dopingliste – Karenzzeiten beachten
Hufpflege:
- Regelmäßige, angepasste Hufbearbeitung ist entscheidend. Das Ziel: Die Hufe in einer ausgewogenen, natürlichen Form halten, die das Hufbein horizontal ausrichtet und die Fesselträger entlastet [3]
- Spezielle orthopädische Beschläge oder Hufschuhe können sinnvoll sein – das entscheidet der Hufschmied in Absprache mit dem Tierarzt
Bewegung und Haltung:
- Boxenruhe hilft bei DSLD normalerweise nicht [3]
- Kontrollierte, moderate Bewegung kann sinnvoll sein, solange das Pferd nicht überfordert wird
- Weiche, ebene Böden sind ideal
- Reiten belastet die geschwächten Beine zusätzlich – in symptomatischen Phasen sollte darauf verzichtet werden [3]
Zucht:
- Aufgrund der genetischen Komponente sollten betroffene Pferde nicht zur Zucht eingesetzt werden [2][3]
- Auch Pferde aus betroffenen Blutlinien sollten kritisch bewertet werden
Fütterung und Nährstoffe: Kann Supplementierung helfen?
Da DSLD eine Erkrankung des Bindegewebes ist, stellt sich die Frage, ob Nährstoffe zur Unterstützung sinnvoll sein könnten. Die wissenschaftliche Evidenz ist dünn, doch einige Ansätze werden in der Praxis diskutiert:
Kollagen-unterstützende Nährstoffe: Vitamin C, Kupfer und Zink sind an der Kollagensynthese beteiligt. Eine ausgewogene Versorgung mit diesen Spurenelementen und Vitaminen ist generell wichtig für die Bindegewebsgesundheit – ob sie bei DSLD den Krankheitsverlauf beeinflussen, ist jedoch nicht belegt.
Omega-3-Fettsäuren: Sie wirken entzündungshemmend und können bei chronischen Entzündungsprozessen unterstützend sein. Leinsamen (ganz oder frisch gemahlen) sind eine natürliche Quelle [3].
Glucosamin und Chondroitin: Diese Bausteine von Proteoglykanen werden häufig bei Gelenkproblemen eingesetzt. Bei DSLD wird eine Supplementierung in der Fachliteratur eher nicht empfohlen, da die Erkrankung mit einer pathologischen Proteoglykan-Anreicherung im Gewebe einhergeht – zusätzliche Bausteine sind in dieser Situation nicht gewünscht.
Eisen-Management: Einige DSLD-Pferde zeigen einen Eisenüberschuss in der Leber [3]. Blutuntersuchungen auf Eisen und Ferritin können sinnvoll sein. Bei erhöhten Werten sollte eisenreiches Futter gemieden werden [3].
Magnesium: Manche DSLD-Pferde weisen niedrige Magnesiumwerte auf [3]. Eine bedarfsgerechte Versorgung ist wichtig für Muskel- und Nervenfunktion.
Wichtig: Keines dieser Supplemente heilt DSLD oder stoppt nachweislich das Fortschreiten. Sie können allenfalls Teil eines ganzheitlichen Komfort-Managements sein. Sprich vor jeder Supplementierung mit deinem Tierarzt, insbesondere wenn dein Pferd bereits Medikamente erhält.
Forschung und Zukunft
Die Forschung zu DSLD läuft weiter. Wissenschaftler arbeiten an:
- Genetischen Markern für einen DNA-Test, der betroffene Pferde und Träger identifizieren könnte [2][4]
- Verbesserten Diagnosemethoden am lebenden Pferd, etwa durch Hautbiopsien mit Genexpressionsanalysen [2][4]
- Verständnis der biochemischen Prozesse: Welche Rolle spielen Wachstumsfaktoren wie BMP2? Warum akkumulieren Proteoglykane? [2]
Ein Durchbruch würde nicht nur die Diagnose erleichtern, sondern auch gezielte Therapien ermöglichen – und vor allem: verantwortungsvolle Zuchtentscheidungen, um die Verbreitung der Erkrankung zu stoppen.
Fazit
DSLD/ESPA ist eine seltene, aber schwerwiegende systemische Bindegewebserkrankung, die vor allem Fesselträger, Sehnen und Bänder schwächt und zu chronischer Lahmheit führt. Die charakteristischen absinkenden Fesseln an mehreren Beinen ohne Trauma-Vorgeschichte sollten dich hellhörig machen. Eine definitive Diagnose am lebenden Pferd ist schwierig – Ultraschall, klinische Untersuchung und Rassenanamnese bilden die Grundlage. DSLD ist unheilbar und hat eine schlechte Prognose, doch mit angepasstem Management, Schmerztherapie und optimierter Hufpflege kannst du deinem Pferd Lebensqualität schenken, solange es geht. Betroffene Pferde sollten nicht zur Zucht eingesetzt werden. Die Forschung arbeitet an genetischen Tests und besseren Diagnoseverfahren – ein wichtiger Schritt, um diese verheerende Erkrankung langfristig einzudämmen.
Quellen
- [1] Halper J, Kim B, Khan A, Yoon JH, Mueller POE – Degenerative suspensory ligament desmitis as a systemic disorder characterized by proteoglycan accumulation. BMC Veterinary Research 2006. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16611357/
- [2] Halper J et al. – Differential gene expression in skin RNA of horses affected with degenerative suspensory ligament desmitis. PMC 2020. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7541307/
- [3] University of Wisconsin-Madison – DSLD Information Page. Comparative Orthopaedic Research Laboratory. https://www.vetmed.wisc.edu/lab/corl/dsld-information-page/
- [4] Updates on DSLD in Horses. The Horse 2026. https://thehorse.com/1124890/updates-on-dsld-in-horses/
- [5] Halper J. – Connective tissue disorders in domestic animals. Adv Exp Med Biol 2014;802:231–240. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24443030/
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