Was ist Arthrose beim Pferd?

Arthrose ist eine degenerative Gelenkerkrankung, bei der der Gelenkknorpel durch Abrieb dünner wird und der darunterliegende Knochen sich verändert [1]. Die Erkrankung ist charakterisiert durch Knorpelverlust, Synovitis und subchondrale Knochensklerose [1]. Anders als bei einer akuten Arthritis, bei der eine Gelenkentzündung im Vordergrund steht, handelt es sich bei Arthrose um einen fortschreitenden Verschleißprozess, der über Monate und Jahre voranschreitet.

Die Synovitis ist bei allen Arthrose-Formen beim Pferd vorhanden [2], was die Gelenkerkrankung zusätzlich schmerzhaft macht. Der Knorpel, der normalerweise als stoßdämpfende, glatte Gleitschicht zwischen den Knochen dient, verliert seine Elastizität und Funktion. Der Körper reagiert darauf mit knöchernen Zubildungen (Exostosen), die du bei fortgeschrittener Arthrose manchmal als harte Verdickungen ertasten kannst.

Arthrose ist nicht heilbar. Das bedeutet aber nicht das Ende für dein Reitpferd. Mit konsequentem Management, tierärztlicher Begleitung und angepasstem Training können viele Pferde jahrelang gute Lebensqualität behalten und geritten werden.

Eigenschaften der verschiedenen Gelenkzellen und -gewebe im gesunden Gelenk und bei Arthrose (Osteoarthrose, OA)
Eigenschaften der verschiedenen Gelenkzellen und -gewebe im gesunden Gelenk und bei Arthrose (Osteoarthrose, OA). Quelle: Ribitsch I., Oreff G.L., Jenner F., "Regenerative Medicine for Equine Musculoskeletal Diseases", Animals (Basel) 2021, 11(1):234. DOI: 10.3390/ani11010234. Lizenziert unter CC BY 4.0.

Häufige Lokalisationen: Spat, Schale und Hufrollensyndrom

Arthrose kann jedes Gelenk betreffen. Beim Pferd gibt es drei besonders häufige Formen mit eigenen Namen:

Spat – Arthrose im Sprunggelenk

Spat bezeichnet die Arthrose der distalen, kaum beweglichen Sprunggelenke (Tarsometatarsalgelenk und distales Intertarsalgelenk) der Hinterbeine. Das obere Sprunggelenk (Talokruralgelenk) ist nicht betroffen. Das Sprunggelenk besteht aus mehreren kleinen Knochen und Gelenken, die Druck- und Schubkräfte abfangen müssen. Bei hoher Belastung – etwa bei Sportpferden, Trabern oder älteren Pferden – kann es zu wiederholten Mikrotraumen und schließlich zu Entzündung, Knorpelabbau und Verknöcherung kommen. Die typischen knöchernen Zubildungen treten vor allem an der Innenseite des Sprunggelenks auf.

Spat verläuft oft in Schüben: Phasen mit deutlicher Lahmheit wechseln sich mit beschwerdefreien Intervallen ab. Im fortgeschrittenen Stadium versteift das Gelenk zunehmend – was paradoxerweise die Schmerzen verringern kann, weil die Entzündung nachlässt.

Schale – Arthrose am Krongelenk

Schale bezeichnet die Arthrose der kleinen Gelenke im unteren Bereich der Gliedmaße. Man unterscheidet hohe Schale (Krongelenk, Articulatio interphalangea proximalis) und tiefe Schale (Hufgelenk, Articulatio interphalangea distalis). Auch hier entstehen knöcherne Zubildungen, die bei fortgeschrittenen Fällen als harte Umfangsvermehrung tastbar sind. Schale tritt häufiger an den Vorderbeinen auf und macht sich durch Lahmheit, steifes Abfußen und Stolpern bemerkbar.

Hufrollensyndrom (Podotrochlose)

Das Hufrollensyndrom (Podotrochlose) ist ein komplexes Erkrankungsbild, das Strahlbein, Hufrollenschleimbeutel und tiefe Beugesehne betrifft. Es wird heute als multifaktorielles Syndrom verstanden – mit Knochenmark-Läsionen, Beugesehnen-Tendinopathie, Bursitis und Strahlbein-Pathologien – und nicht ausschließlich als klassische Arthrose. Es zeigt sich durch chronische Lahmheit an den Vorderbeinen, oft beidseitig. Pferde mit Hufrollensyndrom gehen typischerweise klamm, vermeiden harte Böden und zeigen eine positive Zangenprobe am Strahl.

Darüber hinaus kann Arthrose auch Karpalgelenke (Vorderknie), Fesselgelenke und andere Gelenke betreffen – je nach Belastungshistorie, Alter und Konstitution des Pferdes.

Arthroskopische Aufnahmen eines Pferdegelenks mit Arthrose: Faserknorpelbildung, Osteophyten, Synovitis, Erosionen
Arthroskopische Aufnahmen eines Pferdegelenks mit Arthrose: (A) Faserknorpelbildung, (B) Osteophyten und Fragmentationen, (C, D) Vaskularisierung und villöse Hypertrophie bei Synovitis, (E) Einblutungen und Nekrosen, (F) Erosionen. Quelle: Yamada A.L.M. et al., "Effects of oral treatment with chondroitin sulfate and glucosamine in an experimental model of metacarpophalangeal osteoarthritis in horses", BMC Veterinary Research 2022, 18:215. DOI: 10.1186/s12917-022-03323-3. Lizenziert unter CC BY 4.0.

Symptome: Wie zeigt sich Arthrose?

Die Symptome entwickeln sich schleichend. Im Frühstadium bemerkst du vielleicht nur eine leichte Steifigkeit nach Ruhepausen – dein Pferd braucht länger, um „warm zu werden". Mit der Zeit werden die Anzeichen deutlicher:

Diagnostik: Von der Lahmheitsuntersuchung bis zum Röntgen

Eine sichere Diagnose erfordert mehrere Schritte:

  1. Lahmheitsuntersuchung: Der Tierarzt beobachtet dein Pferd im Stand und in Bewegung – im Schritt und Trab, auf hartem und weichem Boden, auf gerader Linie und im Zirkel. Viele Arthrosen zeigen sich deutlicher auf hartem Untergrund.
  1. Beugeproben: Gezieltes Beugen des verdächtigen Gelenks provoziert Schmerz und macht eine Lahmheit sichtbar, die vorher vielleicht nur leicht war.
  1. Leitungsanästhesie (diagnostische Anästhesie): Der Tierarzt betäubt gezielt einzelne Nerven oder Gelenke. Läuft dein Pferd nach der Betäubung lahmfrei, ist klar, dass der Schmerz aus dem betäubten Bereich kommt. Das hilft, die Diagnose auf ein bestimmtes Gelenk einzugrenzen.
  1. Röntgen: Röntgenbilder machen knöcherne Veränderungen sichtbar – Exostosen, verengten Gelenkspalt, subchondrale Sklerose. Bei Spat sind die typischen Knochenwucherungen im unteren Sprunggelenk gut erkennbar. Röntgen ist der Standard, um das Ausmaß der Arthrose zu beurteilen.
  1. Ultraschall: Ergänzend kann Ultraschall eingesetzt werden, um Weichteile wie Bänder, Sehnen, Gelenkkapsel und Synovialis zu beurteilen.
  1. MRT oder CT: In Sonderfällen – etwa beim Hufrollensyndrom oder bei unklaren Befunden – können MRT oder CT detailliertere Bilder liefern. Diese Verfahren sind aber kostenintensiv und nicht überall verfügbar.

Therapie: Was hilft bei Arthrose?

Arthrose ist nicht heilbar, aber gut behandelbar. Die Therapie zielt darauf ab, Schmerzen zu lindern, Entzündungen zu kontrollieren und die Gelenkfunktion so lange wie möglich zu erhalten. Mehrere Ansätze werden kombiniert:

Medikamentöse Schmerztherapie

Nicht-steroidale Entzündungshemmer (NSAIDs) wie Phenylbutazon oder Flunixin sind verschreibungspflichtige Wirkstoffe, die Schmerzen und Entzündungen lindern. Wichtig: NSAIDs wie Phenylbutazon und Flunixin sind nicht für die Langzeitgabe geeignet – sie bergen Risiken für Magengeschwüre (EGUS), Right Dorsal Colitis und Nierenschäden. Bei chronischer Arthrose ist meist eine intermittierende Behandlung oder ein Wechsel auf COX-2-selektive Wirkstoffe wie Firocoxib sinnvoller. Dosierung und Anwendungsdauer gehören in die Hand des behandelnden Tierarztes.

Intraartikuläre Injektionen

Verschiedene Präparate zur intraartikulären Anwendung existieren – Kortikosteroide und chondroprotektive Wirkstoffe zur Entzündungskontrolle und Viskosupplementation [3]. Hyaluronsäure wird häufig eingesetzt: Sie wirkt über Viskosupplementation, hat antiinflammatorische Eigenschaften (Hemmung der IL-1β-Kaskade) und stimuliert die körpereigene Hyaluronsäure-Produktion. Kortikosteroide wirken stark entzündungshemmend – in der Praxis wird Triamcinolon bevorzugt (geringeres Knorpelschaden-Risiko), während Methylprednisolon aggressiver wirkt und nur bei niedrigem Gelenkstress eingesetzt werden sollte. Bei Pferden mit EMS oder Hufrehe-Risiko sind intraartikuläre Steroide besonders kritisch zu sehen. Dosierung und Wahl des Wirkstoffs gehören in die Hand des Tierarztes.

In einem experimentellen Forschungsansatz (adenovirale Gentherapie, keine klinische Routine) führte die intraartikuläre Überexpression des Interleukin-1-Rezeptor-Antagonisten zu signifikanten Verbesserungen – dieses Verfahren ist derzeit jedoch nicht als Therapie verfügbar [4].

Regenerative Therapien

In einer randomisierten Studie an Sportpferden mit Arthrose zeigten intraartikuläre Injektionen chondrogenisch induzierter mesenchymaler Stammzellen Verbesserungen in klinischen Parametern und Knorpelerscheinung [5]. Auch PRP (plättchenreiches Plasma) und ACS/IRAP (Autologous Conditioned Serum, auch bekannt als Orthokine) werden in der Praxis eingesetzt – ein aktueller Systematic Review konnte allerdings nur kurzfristige positive Effekte belegen, Langzeitdaten fehlen [5]. Diese Therapien sind vielversprechend, aber kostenintensiv und nicht für jedes Pferd verfügbar.

Ergänzend können Physiotherapie (manuelle Therapie, Übungsprogramme), Stoßwellentherapie (besonders bei Spat etabliert) und Wassertraining (Aqua-Treadmill) eingesetzt werden. Die Evidenz ist je nach Verfahren unterschiedlich gut – die Kombination wird vom Tierarzt individuell empfohlen.

Bewegung statt Boxenruhe – das A und O

Ein Schlüsselprinzip im Arthrose-Management ist: Bewegung erhält die Gelenkfunktion. Boxenruhe verschlimmert die Steifigkeit. Moderate, regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung, hält den Gelenkstoffwechsel aktiv und erhält die Muskulatur. Kontrolliertes Training – etwa tägliche Schrittarbeit, leichtes Reiten auf weichem Boden, Aquatraining – ist besser als lange Stehphasen und abrupte Belastungsspitzen.

Haltungs- und Trainings-Management

Ein durchdachtes Management macht den Unterschied zwischen einem dauerhaft lahmen Pferd und einem, das du noch Jahre reiten kannst:

Prognose: Leben mit Arthrose

Die Prognose hängt vom Schweregrad, der betroffenen Lokalisation und dem Management ab. Arthrose ist nicht heilbar, aber das bedeutet nicht das Karriereende. Viele Pferde mit Spat, Schale oder Hufrollensyndrom können bei konsequentem Management noch jahrelang geritten werden – oft sogar im Sport, wenn auch auf reduziertem Niveau.

Wichtig ist die Früherkennung: Je früher du reagierst, desto besser kannst du das Fortschreiten bremsen. Achte auf erste Anzeichen wie Steifigkeit nach Ruhepausen oder verändertes Gangbild und hole frühzeitig den Tierarzt.

Die Verknöcherung bei Spat kann paradoxerweise zur Schmerzreduktion führen, weil die Entzündung nachlässt, sobald die kleinen Gelenke vollständig versteift sind. Viele Spat-Pferde laufen nach der akuten Phase wieder lahmfrei – allerdings mit eingeschränkter Beweglichkeit im Sprunggelenk.

Das Ziel ist nicht Heilung, sondern Lebensqualität: ein schmerzfreies, bewegungsfreudiges Pferd, das seinen Platz in deinem Stall behält.

Supplemente: Was kann die Fütterung beitragen?

Bei Arthrose greifen viele Pferdebesitzer zu Gelenkpräparaten. Die Studienlage ist durchwachsen, aber einige Inhaltsstoffe werden traditionell eingesetzt:

Glucosamin und Chondroitinsulfat

Die meisten Studien zu Glucosamin-basierten Nahrungsergänzungen beim Pferd erfüllen nicht die Qualitätsstandards, die ausreichend Vertrauen in die berichteten Ergebnisse schaffen [6]. Eine kleine Studie (n=15) zeigte verbesserte Schrittcharakteristiken bei älteren Pferden unter Glucosamin-Chondroitin-Supplementierung [7]; eine größere und methodisch besser kontrollierte Studie (Higler 2014) konnte diese Effekte jedoch nicht bestätigen. Die orale Bioverfügbarkeit ist niedrig, die Wirkung beim Pferd insgesamt uneinheitlich.

MSM (Methylsulfonylmethan)

MSM wird traditionell zur Unterstützung der Gelenkgesundheit eingesetzt. In-vitro-Studien zeigen antioxidative und entzündungshemmende Effekte. Belastbare Pferdestudien sind rar, aber MSM ist ein häufiger Bestandteil kommerzieller Gelenkpräparate.

Omega-3-Fettsäuren

Omega-3-Fettsäuren aus Lein-, Fisch- oder Algenöl haben entzündungshemmende Eigenschaften. Sie können die Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe hemmen und gelten in der Praxis als bewährt zur Unterstützung bei chronischen Entzündungen.

Hagebutte

Hagebutte enthält Galaktolipide, denen eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben wird. Studien zur Wirksamkeit beim Pferd fehlen, aber Hagebutte wird vielfach als gut verträgliches Futtermittel bei Gelenkproblemen eingesetzt.

Teufelskralle

Teufelskralle wird traditionell zur Unterstützung des Bewegungsapparats eingesetzt. Wichtig: Teufelskralle steht auf der Dopingliste der FN. Wenn du dein Pferd auf Turnieren vorstellst, musst du eine Karenzzeit von mindestens 4 Tagen (96 Stunden) einhalten (laut FN-ADMR). Bei Missachtung drohen Disqualifikation und Sperre.

Ehrliche Einordnung: Die Evidenz für orale Gelenkpräparate beim Pferd ist insgesamt schwach. Supplemente sind kein Ersatz für tierärztliche Therapie, Bewegung und Hufpflege. Sie können ergänzend sinnvoll sein, aber erwarte keine Wunder. Besprich die Supplementierung mit deinem Tierarzt, insbesondere wenn dein Pferd bereits Medikamente erhält.

Fazit

Arthrose beim Pferd – ob als Spat, Schale oder Hufrollensyndrom – ist eine degenerative Erkrankung, die nicht heilbar ist. Aber sie ist managebar. Mit früher Diagnose, konsequentem Bewegungsprogramm, tierärztlicher Begleitung und durchdachter Haltung kannst du deinem Pferd viele Jahre guter Lebensqualität ermöglichen. Der Schlüssel liegt nicht im Stillstand, sondern in der richtigen Bewegung.

Quellen

  1. [1] Martel-Pelletier J, Barr AJ, Cicuttini FM, et al. Osteoarthritis. Nat Rev Dis Primers. 2016;2:16072. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32701294/
  2. [2] McIlwraith CW, Frisbie DD, Kawcak CE. The horse as a model of naturally occurring osteoarthritis. Bone Joint Res. 2012;1(11):297-309. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3626203/
  3. [3] Goodrich LR, Nixon AJ. Medical treatment of osteoarthritis in the horse – a review. Vet J. 2006;171(1):51-69. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16427582/
  4. [4] Frisbie DD, Ghivizzani SC, Robbins PD, Evans CH, McIlwraith CW. Treatment of experimental equine osteoarthritis by in vivo delivery of the equine interleukin-1 receptor antagonist gene. Gene Ther. 2002;9(1):12-20. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11850718/
  5. [5] Broeckx SY, Seys B, Suls M, et al. Equine allogeneic chondrogenic induced mesenchymal stem cells are an effective treatment for degenerative joint disease in horses. Stem Cells Dev. 2019;28(6):410-422.
  6. [6] Pearson W, Lindinger MI. Low quality of evidence for glucosamine-based nutraceuticals in equine joint disease: review of in vivo studies. Equine Vet J. 2009;41(7):706-712. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19927591/
  7. [7] Forsyth RK, Brigden CV, Northrop AJ. Double blind investigation of the effects of oral supplementation of combined glucosamine hydrochloride (GHCL) and chondroitin sulphate (CS) on stride characteristics of veteran horses. Equine Vet J Suppl. 2006;(36):622-625. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17402494/

Alle medizinischen Aussagen sind im Text mit Inline-Markern [N] auf die jeweilige Quelle in dieser Liste bezogen. Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung.